Schwieriges Vermächtnis

Kirk Kerkorian

Kirk Kerkorian muss ein erstaunlicher Mann gewesen sein. Im Verlauf seines langen Lebens scheffelte und spendete er Milliarden. Das ist noch nichts Besonderes, sondern ziemt sich für einen amerikanischen Investor und Wohltäter. Die Risikobereitschaft und Beharrlichkeit, mit der er sich auf verschiedensten Geschäftsfeldern tummelte, gehört ebenso zu diesem Berufsbild. Aber von welchem Geschäftsmann lässt sich schon berichten, dass er ein Hollywoodstudio gleich dreimal kaufte?

Das fiel nicht einmal Howard Hughes ein, mit dem er übrigens zahlreiche Interessen und Obsessionen teilte. Auch Kerkorian scheute die Öffentlichkeit, wenn auch nicht in so pathologischem Ausmaße. Er war einfach zurückhaltend, wahrte Diskretion über sein Privatleben und seine Unternehmungen. Auch er verdiente zuerst ein Vermögen in der Luftfahrtbranche und setzte dann große Hoffnungen auf Las Vegas. Anders als bei Hughes zahlten sie sich prächtig aus. Als Kerkorian 1969 MGM zum ersten Mal erwarb, sah er das Studio wohl vor allem als eine Marke an, die auch im Hotelgewerbe Glanz verhieß. Das "MGM Grand Hotel and Casino" war größer als das Empire State Building prächtiger als jede andere Herberge in Vegas. Weitere folgten, wer in so großen Dimensionen dachte wie er, machte natürlich auch sich selbst kräftig Konkurrenz.

Das Filmgeschäft vernachlässigte er darüber. Der legendäre Fundus wurde versteigert. Wie mein Freund Robert Osborne mir erzählte, sicherte sich Debbie Reynolds einen Gutteil der Lose und machte damit später ein Riesengeschäft. Bob zeigte mir auch die Gegend, in der das alte MGM Backlot stand. Er erinnerte sich gut, wo einst die Garderoben und Ateliers gelegen hatten, die dann dem Erdboden gleichgemacht wurde. Er zeigte mir, wo einst der Dschungel für die Tarzan-Filme errichtet worden war und an dessen Stelle nun triste Luxusimmobilien standen. Die Produktion gab Kerkorian 1969 in die Hände von James T. Aubrey, der mit Filmen ähnlich gnadenlos umging. Wie er Jahre zuvor Sam Peckinpahs "Sierra Chariba" verstümmelte, gehört zu den großen Tragödien der Hollywoodgeschichte. Bei MGM sprang er nicht zimperlich mit der Arbeit von großen Regisseuren um. Wenn man Interviews mit Blake Edwards liest, stehen einem die Haare zu Berge angesichts solch resoluter Kunstfeindlichkeit. Auch Peckinpah machte er bei MGM das Leben schwer.

Das bedeutet freilich nicht, dass Kerkorian das Kino nicht liebte. Er ging nie zu Premieren, auch nicht von MGM-Filmen, sondern zog es vor, vor einem normalen Kino in der Schlange zu stehen. Als er das zweite Mal Eigentümer des Studios geworden war, ernannte er einen weit besseren Studiochef, Frank Yablans. Unter seiner Ägide entstanden so schöne Filme wie »Victor, Victoria« (Blake Edwards konnte zwar nachtragend sein, erkannte aber gute Gelegenheiten, wenn sie sich boten), »Pennies from Heaven« und »Diner«. Die Renaissance von MGM dauerte freilich nicht lang. Kerkorian verkaufte das Studio an Ted Turner, der es ihm ein Jahre später aber gern wieder zurückgab.

Ich hatte schon lange vor, einmal über Kerkorian zu schreiben, schon wegen seines MGM-Hattricks. Überdies habe ich eine Schwäche für Leute, die an einem 6. Juni geboren wurden. Den Nachruf auf ihn habe ich vor zwei Jahren verpasst, als er kurz nach seinem 98. Geburtstag starb. Aber am nächsten Donnerstag kommt sein filmischer Nachlass in unsere Kinos.

Wie die letzte Silbe seines Nachnamens verrät, war Kerkorian armenischer Abstammung. Seine Familie war dem Genozid entkommen und fand im kalifornischen San Joaquin Valley eine neue Heimat. Der 1917 geborene Kirk war in seiner Jugend mal ein erfolgreicher Champion im Weltergewicht. Seine Wurzeln hat er nie vergessen. Seine "Lincy Foundation", benannt nach seinen Töchtern Linda und Tracy, spendete rund eine Milliarde Dollar für die verlorene Heimat seiner Eltern, die beispielsweise in die Infrastruktur des Landes gesteckt wurde und den Opfern des Erdbebens von 1988 zugute kam. Er selbst besuchte Armenien erst ein Jahrzehnt später. Den Plan, einen Film über den Völkermord zu finanzieren, bei dem fast seine gesamte Verwandtschaft getötete wurde, hatte er indes schon viel früher gefasst. Bereits in den 1980ern sprach er darüber. Wie groß der Widerstand gegen ein solches Projekt in Hollywood war, habe ich an dieser Stelle schon mehrfach geschildert, namentlich zum 100. Jubiläum der ersten Massaker im April 2015.

Obwohl er »The Promise« zu einem Gutteil aus seiner eigenen Tasche finanzieren wollte, hatte er doch große Zweifel, ob aus dem Film je etwas würde. Aber von Kerkorians einzigartiger Beharrlichkeit haben Sie sich ja in den letzten Minuten ein Bild machen können. »The Promise« wurde erst nach seinem Tod fertig, feierte 2016 in Toronto Premiere. In den Tagen danach ereignete sich etwas Bizarres. Obwohl ihn bei den drei Festivalvorführungen nur ein paar Hundert Zuschauer sehen konnten, tauchten in der Bewertungsskala der IMDb sage und schreibe 55000 vernichtende Voten auf. Die türkische Propagandamaschinerie funktioniert reibungslos. Sechs Wochen vor dem US-Kinostart von »The Promise« kam »The Ottoman Lieutenant« heraus, der den verleugneten Genozid aus türkischer Sicht schildert. Nach den Kritiken zu urteilen, muss er ein ziemliches Machwerk sein. Wie es scheint, bleibt es deutschen Kinogängern erspart, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Welches sie über Kerkorians Vermächtnis fällen werden, bleibt abzuwarten. Die Kritiken sind eher verheerend. Alexandra Seitz hatte extrem wenig Freude an ihm, wie im aktuellen Heft von epd Film nachzulesen ist. Ich bin aber nicht sicher, ob mich ihr Verriss davon abhalten soll, ihn anzuschauen. Es scheinen 133 lange Minuten zu sein, die man da im Kino verbringt. Aber am Ende des Abspanns taucht Kirk Kerkorians Name auf. Zum ersten Mal übrigens in einem Film. Er war, das ist unter US-Milliardären eine Seltenheit geworden, ein diskreter Mensch.

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