Ein Prophet



Von Gerhard Midding

Tahar Rahim
© Fotos: Sony

Bei den großen Preisverleihungen – zuerst Cannes, dann die Golden Globes – nimmt Jacques Audiards Film Ein Prophet bislang die Rolle des ewigen ­Zweiten hinter Michael Hanekes Das Weisse Band ein. Der ­Oscar könnte das Blatt noch einmal wenden, und bei den französischen Césars ist er jedoch der ganz große Favorit. Unser Autor Gerhard Midding erläutert, warum Ein Prophet nicht nur die Gefängnisinsassen in Frankreich begeistert, die ihr unsichtbares Schicksal in Audiards Meisterwerk wiedererkennen, sondern auch die Cinephilen fasziniert.

Als Malik nach langen Jahren zum ersten Mal vor das Tor des Gefängnisses tritt, begrüßt ihn fröhliches Vogelgezwitscher. Es ist sieben Uhr morgens. Er hat 12 Stunden Freigang. Die Kamera fängt die Morgenröte eher beiläufig ein. Auch für die Welt, die ihm für eine kurze Frist offen steht, hat sie kaum mehr als einen flüchtigen Blick. Der Gesang der Vögel genügt, um uns zu offenbaren, wie Malik sich am Beginn dieses Tages fühlt.

Bei der Uraufführung in Cannes war ihr Gesang noch lauter. Als Jacques Audiard die Tonmischung zum ersten Mal im Kino hörte, war sie ihm zu überschwänglich. Für den Start des Films wählte er eine dezentere Lautstärke, denn dem Regisseur war klar, dass sich das Leben vor und hinter den Mauern in seinem Film nicht zu sehr unterscheiden durfte. Das Innen und das Außen hat er mit den gleichen Brennweiten gefilmt. Ein Prophet ist ein Gefängnisfilm, der einmal nicht von der zu überwindenden Klaustrophobie seines Schauplatzes erzählt. Wie Audiards vorangegange Filme ist auch dieser eine Wette gegen die Konventionen eines Genres. In handelsüblichen Gefängnisfilmen herrscht die, zumal aus der Sicht von Insassen, bittere Ironie, dass sie ihren Schauplatz nur als Durchgangsort begreifen. Meist erzählen sie Geschichten vom Davor oder Danach. Mit der Entlassung der Hauptfigur zu beginnen, war in den Gangsterfilmen von José Giovanni, Jean-Pierre Melville und Henri Verneuil geradezu obligatorisch. Im ersten Drehbuchentwurf von Abdel Raouf Dafri (Mesrine) verließ Malik das Gefängnis schon auf der 30. Seite.

Der erzählerische Impuls der Klassiker des Genres mit längerer Verweildauer, etwa Jacques Beckers Das Loch, ist die Flucht. Von die­ser Möglichkeit ist in Ein Prophet nie die Rede. Er handelt davon, wie man im Gefängnis ein Leben führt. Sechs Jahre muss Malik (Tahar Rahim) für einen tätlichen Angriff abbüßen. Zweieinhalb Kinostunden sind dafür eine kurze Spanne. Eigentlich gerade lang genug, um ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie langsam die Zeit hinter Gittern vergeht.

Der Neuzugang ist schon zu Beginn des Films kein unbeschriebenes Blatt. Er hat Narben im Gesicht und auf dem Rücken. In den Erziehungsheimen, in denen er aufgewachsen ist, wurde wohl noch die Prügelstrafe eingesetzt. Audiard zeigt nicht, wie erwartet, seine erste Nacht, sondern schneidet nach der Einlieferung stracks zu seinem ersten Arbeitstag in der Schneiderei des Gefängnisses. Der Film hält eine größere, eine moralische Einsamkeit für ihn bereit: die Entscheidung, zu töten oder selbst getötet zu werden.

Die eigentliche Macht im Gefängnis hält eine Bande korsischer Gangster in den Händen, die von César Luciani (Niels Arestrup) angeführt wird. Malik suchen sie sich aus, um einen Mithäftling zu liquidieren, bevor er als Kronzeuge aussagen kann. Bleibt ihm eine Wahl? Dieser Initiationsritus birgt zugleich das Versprechen der Zugehörigkeit: Fortan steht er unter der Protektion Césars, wird zu dessen Leibeigenem und verlässlichstem Instrument.

Ein Prophet gibt sich rasch als ein so rabiater wie einfühlsamer Bildungsroman zu erkennen. Der Betondschungel wird für Malik zu einer Schule des Lebens. Er lernt, sich in einer Welt des strategischen Vorbehalts zurechtzufinden, in der man Komplizen, aber keine Freunde findet, in der man sich Vertraulichkeiten zuflüstert, aber niemandem vertraut. Territorien müssen verteidigt werden. Es herrscht eher Stammeszugehörigkeit als Rassismus. Malik ist klug genug, nicht nur lesen und schreiben zu lernen, sondern auch die Sprache seines korsischen Herrn. Das erste Wort, das er sich merkt, ist Zorn.

Die Überschriften, die Audiard den Kapiteln des Films gibt, markieren das Auftauchen einer neuen Figur oder das Lernen einer neuen Lektion. Bald beginnt Malik, bei seinen Freigängen die Fundamente eines eigenen Imperiums zu legen. Der gelehrige Schüler will sein Vorbild übertreffen. Sein Denken hat aufgehört, fügsam zu sein.

Der rissige, vehemente Erzählrhythmus und die eigenwillige Bildsprache, die Audiard in seinen letzten Filmen mit der Cutterin Juliette Welfing und dem Kameramann Stéphane Fontaine entwickelt hat – das Aufflackern von Eindrücken, die Begrenzung des Blickfeldes durch eine nur halb geöffnete Blende –, ist das visuelle Äquivalent eines tastenden Begreifens, des Erlernens von Kommunikation, um die Enge der eigenen Existenz zu überwinden. Audiard vollzieht diesen Prozess auch in einer dramaturgischen Bewegung. Erst nach gut einer Stunde lüftet er die Klaustrophobie seines Sujets, um den Schauplatz zu verlassen. Diese Abschweifung (sie illustriert den Bericht eines Kumpans von einem gescheiterten Coup) gestattet er sich ohne Not, denn unmittelbar darauf erhält Malik seinen ersten Freigang. Welcher andere europäische Regisseur besäße heute die Kühnheit, so souverän und freizügig mit seinem Stoff umzugehen?

Bei seinem Start in Frankreich hat Ein Prophet lebhafte Debatten ausgelöst, hat ein Schlaglicht geworfen auf die Zustände in den Gefängnissen. Bei deren Personal und vielen Inhaftierten ist er weitgehend auf Zustimmung, ja Begeisterung gestoßen. Sie haben ihn als Empörungsschrei begriffen. Er zeige, was die Öffentlichkeit beharrlich ignoriert. Er habe den Unsichtbaren wieder ein Antlitz gegeben. Dieser verständliche Reflex erklärt die Größe des Films indes nur zum Teil. Sein Bemühen um dokumentarische Authentizität ist nur das ehrbare Sprungbrett für die Fiktion. Audiards Strategie ist der eigenen Vision verpflichtet, dem Willen, etwas scheinbar Vertrautes so zu zeigen, wie man es zuvor noch nicht sah.

Wie jeder große Filmemacher schafft er ein Universum, das seinen individuellen Regeln folgt. Sie sind nicht das Gegenteil, sondern die Kehrseite der realen Welt. Deren moralische Gewissheiten stehen für zweieinhalb Kinostunden zur Disposition. Was nicht bedeutet, dass sie außer Kraft gesetzt sind. Die Gewalt in Ein Prophet besitzt eine bestürzende Nähe und Dringlichkeit, die auch kathartisch ist. Aus ihr spricht durchaus eine puritanische Faszination am Bösen. Kein Zweifel, der Erzähler Audiard ist einerseits ein großer Verführer.

Wie in Der wilde Schlag meines Herzens gelingt Audiard das Kunststück, die Empathie des Zuschauers für eine Figur zu wecken, die er eigentlich verabscheuen müsste. Malik reiht sich ein in die Galerie von Außenseitern, die sich gegen den Widerstand ihrer Umgebung neu erfinden. Er ist ein Prophet in niemandes Namen außer dem eigenen. Er entscheidet sich, Kalkül und Diplomatie der dumpfen Brutalität vorzuziehen; Raffinement und Verschlagenheit sind im Universum dieses Films bewundernswerte Tugenden. In Tahar Rahims Blick liegt nichts Tragisches; ähnlich wie Romain Duris, der in Der wilde Schlag meines Herzens im Auftrag seines Vaters mit zunehmend brutaleren Mitteln die Bewohner aus dessen Immobilien vertreibt, spielt Rahim einen befleckten Helden, der eine vertrackte Läuterung erfährt. Auf grausame Weise hat Malik eine Last abgeschüttelt. Aber die Leichtigkeit, mit der er sich am Ende bewegt, ist keine moralische, sondern eine erzählerische.

Audiards Helden finden ihre Identität, indem sie sich vom Einfluss mächtiger Vaterfiguren befreien. César scheint allerdings eher Herr als Vater zu sein. Er verlangt Gehorsam, keine Loyalität. Eigentlich dürfte uns nichts darauf vorbereiten (nicht einmal Niels Arestrups großartige Darstellung), dass wir Trauer über den unausweichlichen Verrat empfinden. Aber César am Ende als gebrochenen, alten Mann zu sehen, der einsam im Gefängnis sterben wird, setzt alle landläufigen Vorstellungen von Zuschaueridentifikation und Mitgefühl außer Kraft. Kein Zweifel, der Erzähler Audiard ist auch ein aufrechter Equilibrist.

In dieser noblen Gefühlslage der Ambivalenz erzählt Ein Prophet eine Erfolgsgeschichte. Sie ist bekümmert, aber nicht hoffnungslos. Malik könnte Césars Geschäfte übernehmen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass er das Herz einer Frau gewinnt, und das ihres Kindes dazu. Auf dem Weg dahin sind wir zu Komplizen seiner Freude über das Gelingen geworden. Aber unser Hochgefühl war immer auch ein ästhetisches: Wir durften zusehen, wie er sich in einer Welt bewährt, die wir hoffentlich nie kennenlernen werden.

Un Prophète
Frankreich/Italien 2009. R: Jacques Audiard. B: Thomas Bidegain, Jacques Audiard. P: Lauranne Bourrachot, Martine Cassinelli, Marco Cherqui . K: Stéphane Fontaine. Sch: Juliette Welfling. M: Alexandre Desplat. A: Michel Barthélemy. Pg: Why Not/Chic/Page 114/France 2 Cinema. V: Sony . L: 149 Min. Da: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif, Reda Kateb, Hichem Yacoubi, Jean-Philippe Ricci.



Start: 11.3. (D), 30.4. (A)


 


 


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