Buddenbrooks Kritik und Interview Start 25.12.

Eine Großproduktion: Heinrich Breloer, bekannt als Spezialist für aufwendiges Fernsehen, hat nach dem Leben der Familie Thomas Manns jetzt dessen Roman »Buddenbrooks« verfilmt

von Wilhelm Roth


© Fotos: Warner

Die Theaterversion der »Buddenbrooks« ist in dieser Spielzeit fast allgegenwärtig. Die Fassung von John von Düffel aus dem Jahr 2005 hat sich zum Bühnenhit entwickelt, bekommt aber jetzt Konkurrenz durch Heinrich Breloers Verfilmung. Düffel konzentrierte sich auf die Geschwister Thomas´, der die Familien- und Kaufmannstradition fortführen soll, Christian, der sich lieber im Theater und im Club als im Büro aufhält, und Tony, die sich dem Druck der Familie beugt und zweimal katastrophal endende Versorgungsehen eingeht. Die menschlichen Regungen werden dem Diktat des Geldes unterworfen, ständig wird gerechnet, bei Geschäften, Eheschließungen und Erbschaften. Düffel sagte kürzlich (»Theater heute«, 11/2008), es gehe ihm um eine »Archäologie des Familienkapitalismus«. Der Roman stecke »voller interessanter Grausamkeiten«, er sei »eine heilige Kuh, die wir nicht in Weihrauch hüllen wollten«.

An Weihrauch spart Breloer nicht, und er will auch die ganze Geschichte erzählen, nicht eine Lesart anbieten wie Düffel. Breloer nähert sich dem Roman ehrfürchtig, steckt viel Energie schon in die Rekonstruktion des historischen Ambientes, der Handelsstadt Lübeck Mitte des 19. Jahrhunderts. Immer wieder fährt und schwenkt die Kamera durch das Buddenbrook-Haus, damit man sieht, wie gut der Filmarchitekt gearbeitet hat. (Im Originalhaus in Lübeck durfte nicht gefilmt werden.) Feste werden zelebriert, Bälle, Hochzeiten, große Essen. Eine fast ununterbrochene Hintergrundmusik hüllt die Geschichte fest ein in Nostalgie. Es war, so betont die Bavaria, mit 16,2 Millionen Euro die teuerste und aufwendigste Produktion seit dem Boot.

Das Ziel, den Roman möglichst genau nachzuerzählen, führt dazu, die 700 Seiten des Buches im Schnellgang durcheilen zu müssen, was dennoch zweieinhalb Stunden dauert. Viele scheinbar unwichtige Szenen, vor allem Momente der Reflexion, werden verknappt oder fallen ganz weg, actionhaltige Szenen dagegen werden ausgespielt oder zusätzlich erfunden. Aber das ist gängige Praxis bei Romanverfilmungen. Wenn der Film dennoch immer wieder an Intensität gewinnt, verdankt er das den Szenen, in denen Breloer Thomas Mann vertraut und den Schauspielern. So wenn Armin Mueller-Stahl als strenger Familienpatriarch seine Tochter Tony in die Ehe mit dem Hamburger Kaufmann Grünlich hineintreibt – »eine gute Partie« – , der sich später als übler Spekulant erweist; er hat Tony nur geheiratet, um durch ihre Mitgift seinen Bankrott abzuwenden. Oder beim Streit der Brüder Thomas (Mark Waschke) und Christian (August Diehl), dem Kaufmann und dem Lebemann, deren Lebensentwürfe zu Kollisionen führen müssen.

Vor allem aber ist Jessica Schwarz als Tony das lebendige Zentrum des Films. Sie scheint von Anfang an zu wissen, dass ihr Leben aus Schmerz, Enttäuschungen und Niederlagen bestehen wird, aber sie ist die Einzige, die nie aufgibt. Hanno dagegen (Raban Bieling), der Sohn von Thomas und seiner holländischen Frau Gerda (Léa Bosco), einer leidenschaftlichen Geigerin, ist hochbegabt für die Musik, aber ungeeignet für den Kaufmannsberuf. Er wirkt hilflos, hat nicht den trotzigen, genialischen Charme, den man nach der Romanlektüre vermutet. Einmal allerdings, als Hanno am 100. Geburtstag der Firma Buddenbrook ein kleines Orchester dirigieren darf, wirkt er locker und lächelt. Thomas Mann hat Hanno drei der aufwühlendsten Kapitel gewidmet, die sich jeder Film- oder Theaterbearbeitung widersetzen: einen Tag in der Schule – eine Folge von Demütigungen; eine Stunde der Improvisation am Klavier – ein Jahrhundert später wäre aus ihm vielleicht ein Keith Jarrett geworden; der Tod durch Typhus – ein kurzer, trockener wissenschaftlicher, aber von innerer Spannung vibrierender Bericht.

Auch Breloer sieht im reinen Geschäftsdenken einen Grund für den Niedergang der Familie Buddenbrook, aber es dominiert doch das Gefühl der Tragik. Durch Düffels Theaterversion kann man, je nach Qualität der Inszenierung, eine Erkenntnis gewinnen, nach dem Film gibt man sich eher einer diffusen Trauer hin. In ihrer ganzen Widersprüchlichkeit kennenlernen kann man die Familie Buddenbrook nur im Roman.

Buddenbrooks
Deutschland 2008. R: Heinrich Breloer. B: Heinrich Breloer, Horst Königstein (Romanvorlage von Thomas Mann). P: Michael Hild, Jan S. Kaiser, Uschi Reich, Winka Wulff. K: Gernot Roll. Sch: Barbara von Weitershausen. M: Hans P. Ströer. A: Götz Weidner. Pg: Bavaria/Pirol/Colonia Media/WDR/NDR/SWR/BR/Degeto/ORF/Arte. V: Warner. L: 151 Min. FSK: 6, ff. FBW: besonders wertvoll Da: Armin Mueller-Stahl, Jessica Schwarz, August Diehl, Mark Waschke, Iris Berben, Raban Bieling, Justus von Dohnányi, Nina Proll.

 

Interview
»Die Erweiterung der Märkte hat damals auch Ängste ausgelöst«

Heinrich Breloer Das »Todesspiel«, »Die Manns«, »Speer und er«: Wenn es so etwas wie ein TV-Event ­moderner Prägung gibt, dann wird es von dem 66-jährigen Heinrich Breloer repräsentiert. Diemut Roether hat den Regisseur, Autor und Produzenten zu seiner »Buddenbrooks«-Verfilmung befragt. Und erfahren, dass es sich hier um eine Absteigergeschichte mit durchaus aktuellen Zügen handelt

epd Film: Sie haben einmal gesagt, man muss sich beim Filmen auf eine Reise ins Unbekannte einlassen und man versteht die Dinge besser, wenn man die Geschichte selbst erzählt. Haben Sie die »Buddenbrooks« auch neu kennengelernt beim Drehen?
Heinrich Breloer: Neu und anders. Denn man liest den Roman anders, wenn man Szenen schreibt. Ich habe die Wirtschaftsgeschichte etwas stärker beachtet. In dem Buddenbrooks-Film von Alfred Weidenmann, der in den fünfziger Jahren entstand, wurde so viel Realität weggedrängt. In der Adenauerzeit hat man sich auf die Familiengeschichte beschränkt, man betonte gern das Putzige. Eine Absteigergeschichte in der Aufsteigerzeit des Wirtschaftswunders zu erzählen, das war sicher ein Problem. »Buddenbrooks« ist die Geschichte einer Familie von Getreidegroßhändlern. Sie mündet in eine Zeit des sich dynamisch entwickelnden Kapitalismus im 19. Jahrhundert.

Kann man Ihren Film auch als Kommentar zur aktuellen Finanzkrise sehen?
Die Menschen haben mit der Entwicklung des  Kapitalismus im 19. Jahrhundert und der industriellen Revolution Erlebnisse gehabt, die uns bekannt vorkommen könnten. Die Erweiterung der Märkte hat damals in Lübeck Ängste und Sorgen ausgelöst. Das Ende ist die Globalisierung, die wir heute erleben. Wir haben mit dem Computer und anderen technischen Revolutionen eine Dynamisierung des Kapitalismus erlebt, die zu ähnlichen Sorgen und Ängsten führt, wie sie manche Lübecker damals beim Zerbrechen ihres gewohnten engen Wirtschaftsumfelds hatten.

Welche Rolle haben für Sie die früheren Verfilmungen gespielt?
Der Zwanziger-Jahre-Film von Gerhard Lamprecht hatte viel von den chaotischen Zuständen der Weimarer Republik und war so um die 80 Minuten lang. Die eindrucksvolle Bildsprache des Stummfilms. Es war eine sehr freie Adaption. Thomas Mann fand das scheußlich. Ich wollte bei seinen Worten, seiner Idee, seiner Geschichte, seinen unsterblichen Figuren bleiben. Weidenmanns Film von 1959 arbeitet mit Mitteln des Theaters. Die Kamera bleibt aufsichtig, die Figuren richten sich wie auf der Bühne auch bei ihren Gängen vor der Kamera aus. Das gibt dem Film etwas statisch Theatralisches. Nach fünfzig Jahren war es wohl an der Zeit, mit den Schauspielern unserer Generation diese großartige Geschichte noch einmal zu verfilmen. In der elfteiligen, inhaltlich fast kompletten, aber auch sehr langatmigen Fernsehfassung von Franz-Peter Wirth aus dem Jahr 1979, hat schon Gernot Roll die Kamera geführt.

Der Kameramann, mit dem Sie auch gedreht haben...
Er nennt seine Arbeit an unserem Film  manchmal eine »Wiedergutmachung«. Damals blieb die Kamera bei all den guten Einstellungen für ihn zu sehr außen vor dem Geschehen stehen. Von der Kamera her haben wir mit Gernot ein ganz anderes, modernes Konzept entwickelt. Wir sind mit der Steadycam beweglicher und wollten intensiver an die Gefühle unserer Darsteller herankommen. Hinzu kommt: Wir durften in Lübeck drehen. Die Stadt ist ein Hauptdarsteller.

Sie kommen ja vom Fernsehen und vom Dokumentarischen. Das ist Ihr erster Spielfilm und Ihr erster Kinofilm. Was war anders bei der Arbeit?
Die genaue Vorbereitung auf Kinobilder. Das Fernsehen erzählt in kleinen Bögen, das Kino in großen. Das Kino braucht die Totale, die großen Stadtbilder, die Stadttore. Die Tiefe und Weite der Landschaft wirkt im kleinen Format des Fernsehens nicht so stark wie im Kino. Wir arbeiten im Fernsehen viel mit Close Ups, zeigen die Gesichter sehr groß. Damit muss man im Kino vorsichtig sein.

Sie haben gleichzeitig zwei Fassungen gedreht, die Kinofassung und die TV-Fassung. War das irgendwann ein Problem für Sie?
Ich habe alle  Bilder so gut und intensiv gedreht wie möglich, weil ich nie sicher sein konnte, ob wir nicht gerade diese Szene doch auch für die Kinofassung brauchen würden. Im Schneideraum schlägt die Stunde der Wahrheit. Darum mussten wir jede Szene auf gleich hohem Niveau drehen.

Gab es zwei Drehbücher?
Mit meinem Freund und Koautor Horst Königstein habe ich zwei Drehbücher vorgelegt: eine kompaktere Geschichte für das Kino und eine zweite Fassung, die ausführlicher erzählt. Fernsehen ist von seiner Natur ein eher episches Medium, weil es aus dem Alltag heraus erzählt und den Alltag in jeder Sendung fortsetzt. Jetzt sind beide Fassungen fertig, der WDR ist sehr zufrieden mit seiner TV-Version. Es macht für mich keinen Sinn, eine medientheoretische Debatte zu führen, die Kino und Fernsehen gegeneinander ausspielt. In diesem Streit geht es um Geld, um die Fördertöpfe. Was darf das Kino, was kann auch ein Fernsehfilm beanspruchen, und dann im Besonderen: Verbirgt sich hier ein Fernsehfilm hinter dem Kinoprojekt und verlangt zu Unrecht Kinogelder? Die Grenzen sind in Wahrheit fließend.

Das Fernsehen hat ja in diesem Fall auch viel mitfinanziert.
Ohne das deutsche Fernsehen und die Filmstiftung gäbe es überhaupt kein eigenständiges deutsches Kino. Wir haben auch im Fernsehen sehr intelligente Redakteure, die genau wissen, wie man Geschichten erzählt und wie man Qualität erzielt. Es sind sehr interessante Impulse aus dem Fernsehen ins Kino gekommen, vor allem auch in Amerika.

Derzeit wird allenthalben das große Lob der amerikanischen TV-Serie gesungen
Das konnte ich bei diesem Stoff aus dem 19. Jahrhundert nicht zum Tragen bringen. Hier hat Thomas Mann mir andere Vorgaben gemacht, die ich auch gerne einhalte. Aber die Figuren sind auf ihre Weise modern, was das Innenleben angeht.

epd Film 1/2009



Start: 25.12. (D, CH), 26.12. (A)


 


 


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