An ihrer Seite

Großartige Verfilmung einer Kurzgeschichte von Alice Munro mit Julie Christie und Gordon Pinsent

Von Anke Sterneboorg

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Sarah Polleys Spielfilmdebüt über ein Ehepaar im Alter
© Verleih

Ein Lebensabend in einem idyllisch am See gelegenen Haus, eingebettet in die erdig warmen Gelb-, Braun- und Orangetöne des Herbstes: In der Art, wie sich Grant und Fiona hier bewegen, wie sie miteinander umgehen und reden, wie sie sich anschauen, spürt man ihre in vielen Ehejahrzehnten gewachsene Vertrautheit. Aber es dauert auch nicht lange, bis man die Spuren vergangener Verfehlungen ahnt, seine Affären mit jungen Frauen. Und wie ein Geliebter schleicht sich in der Verfilmung von Alice Munros Kurzgeschichte „The Bear Came Over the Mountain“ langsam auch ein anderer Feind zwischen die beiden – das Gespenst Alzheimer. Mit unaufhaltsamer Stetigkeit nistet sich die Krankheit im Alltag ein und kriecht in die Poren dieser Beziehung, ganz unaufgeregt und sachte, mit melancholischer Poesie, ohne die absurde Lächerlichkeit auszuspielen, die mit dem Vergessen einhergeht.


Es grenzt schon an ein Wunder, dass diese sanfte Studie eines Alzheimer-Schicksals von einer nur 28-jährigen Regiedebütantin in-szeniert wurde, von Sarah Polley, die in ihren jungen Jahren allerdings auch als Schauspielerin schon Einiges geleistet und dabei ein Gespür für die Verletzlichkeit von Schauspielern entwickelt hat. So wie sie selbst in Atom Egoyans Das süsse Jenseits den Skandal einer Inzestgeschichte nur leise angetippt hat, so hat sie nun auch Gordon Pinset und eine in Altersschönheit erstrahlende Julie Christie zu feinem Understatement angeleitet. Im Vergleich zur zurückhaltenden Finesse von Christies Spiel wirkt die sehr viel expressivere Alzheimer-Version von Judi Dench in Richard Eyres „Iris“ plötzlich, als wäre sie ganz offensiv und bewusst an die Oscar-Juroren adressiert.


So entfleucht die geliebte Frau ganz langsam, wie in einem schweren Herbstnebel auf einem langen Spaziergang, und wie die dicke Schneeschicht auf die winterliche Landschaft legt sich das Vergessen über Fionas Welt. Um ihm nicht zur Last zu fallen, beschließt sie gegen den Willen von Grant, in ein Heim zu gehen, wo sie sich einige Wochen allein einleben soll. Als er sie endlich wieder besuchen darf, ist er schon zu einem Fremden in ihrem Leben geworden, wohingegen sie einem anderen Patienten sehr nahegekommen ist. Ohne jede Anzüglichkeit nimmt Sarah Polley diese Annäherung wahr, und lässt dabei einen Hauch von Rache vorüberwehen, als könne das Geschehen auch ein spätes Payback sein für die Leiden, die Grant in früheren Jahren verursacht hat.


Mit leichter Hand und genauem Blick stiftet Sarah Polley hier ein vielstimmiges Spiel der Gefühle, von Eifersucht, Rache, Glück und Trauer an, in dem die trostlose Diagnose Alzheimer ein fast tröstliches Element von Menschlichkeit bekommt: „There is something delicious in oblivion“, es liegt etwas Köstliches im Vergessen, sagt Fiona einmal. Und ganz nebenbei strafen die beiden Frauen, die junge Regisseurin und der reife Star, den Jugendwahn Hollywoods Lügen, denn was könnte schöner und verführerischer sein als die enigmatische Sinnlichkeit von Julie Christie in diesem Film?  

In der großartigen Verfilmung einer Kurzgeschichte von Alice Munro verleiht die Mischung von literarischer und filmischer Poesie der vernichtenden Kraft der Alzheimer-Krankheit eine fast tröstliche Menschlichkeit. Ein außerordentliches Spielfilmdebüt und eine Hommage an Julie Christie.

Away From Her
Kanada 2006. R und B: Sarah Polley (nach der Kurzgeschichte „The Bear Came Over the Mountain“ von Alice Monro) . P: Daniel Iron, Simone Urdel, Jennifer Weiss. K: Luc Montpellier. Sch: David Whamsby. M: Jonathan Goldsmith. T: Bill McMillan. A: Kathleen Kliemi, Benno Tutter. Ko: Debra Hanson. Pg: Foundry/Echo Lake. V: Majestik. L: 110 Min. FSK: ohne Altersbeschränkung. DEA: Berlinale 2007. Da: Julie Christie (Fiona Andersson), Gordon Pinsent (Grant Andersson), Olympia Dukakis (Marian), Michael Murphy (Aubrey), Kristen Thomson (Kristy), Wendy Crewson (Madeleine), Alberta Watson (Dr. Fischer).

epd Film 12/2007

Start: 6.12. (D)


 


 


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