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© Fotos: Capelight Pictures |
„Cinema of unease“, Kino der Unruhe, nannte Sam Neill 1995 seine BBC-Dokumentation über das neuseeländische Kino. Ein Begriff, der auch heute noch zutrifft. Sieht man von Peter Jacksons Blockbuster-Trilogie Der Herr der Ringe ab, scheinen auffällig viele Filme aus neuseeländischer Produktion die betörende Naturkulisse des Inselstaates „am Rande der Welt“ vor allem als Kontrastfolie zu nutzen, um düstere Familientragödien zu inszenieren. Dabei spielt der historisch-koloniale Hintergrund manchmal eine direkte Rolle, indirekt ist die Erbschaft der britischen Kolonialherrschaft allein durch die puritanische Moral fast immer präsent.
Immer wieder standen dabei junge Frauen im Zentrum, deren Eigenwille an den gesellschaftlichen Normen zerbrach. In Als das Meer verschwand treffen ein weit gereister Fotograf und eine junge Frau aufeinander, auch hier endet die Begegnung katastrophal. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Mannes. Paul (Matthew Macfadyen aus Pride and Prejudice, verkatert und unrasiert) ist ein ehemals gefeierter Kriegsberichterstatter, der jetzt desillusioniert mit dem eigenen Handwerk hadert. Früh schon hatte er überstürzt Familie und Heimatdorf verlassen. Jetzt kehrt er zur Beerdigung des Vaters zurück. Doch schon beim ersten familiären Zusammensein brechen alte Konflikte mit dem Bruder wieder auf, der es mittlerweile als Straußenzüchter zu Wohlstand, Familie, Eigenheim gebracht hat und Paul intellektuelle Arroganz vorwirft.
Kein freundlicher Empfang. Sowieso wollte Paul eigentlich gleich wieder abreisen. Doch dann setzen Erinnerungsprozesse ein. Stärkste Quelle dafür ist ein geheimes Refugium im Geräteschuppen, wo der Vater sich – verborgen vor dem mütterlich puritanischen Blick –- eine sinneslustige Parallelwelt aus Wein, alten Büchern und Platten mit Patti Smith und Opernarien eingerichtet hatte. Einst hatte Paul zufällig Eintritt in dies heimliche Allerheiligste bekommen. Jetzt findet er es wieder: Eine kuppelartige Höhle, in die das spärliche Außenlicht durch Spinnweben und Staub auf alte Folianten und Globen fällt. Doch noch jemand hat dieses Zwischenreich entdeckt: Celia, eine eigenwillige und ambitionierte junge Frau, die hier aus der provinziellen Enge in Fantasiewelten abtaucht. Erst wird sie von Paul verjagt, dann werden die beiden Freunde. Schon bald kommt Paul der Verdacht, das Mädchen könnte seine eigene Tochter sein. Und als Celia dann plötzlich verschwindet, macht ihn die Nähe zu dem jungen Mädchen verdächtig.
Brad McGann inszeniert seine Adaption des Romans von Maurice Gee (1972) als atmosphärisch dichte und ökonomisch erzählte Filmnovelle mit Rückblenden, die von Kameramann Stuart Dryburgh (Das Piano, Bridget Jones) in gedämpften Tönen für die Breitleinwand fotografiert wurde. Fast zu schön sieht das manchmal aus. Doch der Film entwickelt sich schnell von einem anfangs manchmal gefährlich sentimental anmutenden Nostalgietrip zu einem spannenden moralischen Thriller. Um justiziable Schuldzuweisungen geht es dabei ebenso wenig wie um simple gesellschaftliche Ursachenzuschreibung, auch wenn das klaustrophobische Provinzmilieu beängstigend präzise gezeichnet ist. Was McGann viel mehr interessiert, sind die komplexen Wirkungszusammenhänge, die aus persönlichen und familiären Verdrängungen entstehen und an deren Konsequenzen letztendlich „niemand und jeder beteiligt ist“, wie er es selbst benennt.
Silvia Hallensleben
Die Geschichte um einen ungeliebten Sohn, der zur Beerdigung des Vaters ins erinnerungsbelastete Elternhaus zurückkehrt, erzählt Regisseur Brad McGann ambitioniert und gewagt, ohne in die Nostalgiefalle zu tappen.
In My Father’s Den
Neuseeland/Großbritannien 2004. R, B: Brad McGann (nach dem Roman von Maurice Gee). P: Trevor Haysom, Dixie Linder. K: Stuart Drysburgh. Sch: Chris Plummer. M: Simon Boswell. T: Richard Glynn. A: Jenniver Kernke, Phil Ivey. Ko: Kristy Cameron. Pg: T.H.E./Little Bird. V: Capelight Pictures. L: 126 Min. FSK: 12, ff. Da: Matthew Macfadyen (Paul), Emily Barcklay (Celia), Miranda Otto (Penny), Colin Moy (Andrey), Jimmy Keen (Jonathan), Jodie Rimmer (Jackie), Vanessa Riddell (Iris).
epd Film 12/2006
Start: 30.11. (D)


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