Das geheime Leben der Worte

Sarah Polley als weiblicher Sturkopf im neuen Film von Isabel Coixet

© Fotos: Tobis

Vier Goyas gewann das neue Drama der katalanischen Regisseurin Isabel Coixet, in dem nach Mein Leben ohne mich erneut die Kanadierin Sarah Polley die Hauptrolle spielt. Es geht um die Verarbeitung eines Traumas – und um die Erinnerung an den Bosnien-Krieg.

Die kanadische Schauspielerin Sarah Polley ist auf den ersten Blick eine unscheinbare, zarte Blondine. Auf den zweiten, dritten Blick strahlt das Mauerblümchen jene irritierende Sphinxhaftigkeit aus, die Arthouse-Regisseure so schätzen – darunter auch die Spanierin Isabel Coixet, die nicht müde wird, Sarah Polley zur Alltagsheldin zu erheben, hinter deren in sich gekehrter Miene man es brodeln hört.

In Coixets Mein Leben ohne mich spielte sie eine Putzfrau, die, als sie erfährt, dass sie unheilbar krank ist, eine „To do“-Liste mit unerfüllten Wünschen und Vorsorgeplänen für ihre Lieben verfasst und diese bis zu ihrem Tod – dessen Bevorstehen sie verschweigt – zielstrebig abhakt. Aufhorchen ließen damals widersprüchliche Kritiken, die entweder das Drama zu sentimental oder die Hauptperson nicht „sympathisch“ genug fanden, „Eiskönigin“ statt bemitleidenswürdiger Schmerzensfrau.

Denselben Vorwurf könnte man auch Coixets neuem Drama machen, in dem Polley die hörbehinderte Fabrikarbeiterin Hanna spielt, die, irgendwo in England oder Nordeuropa, in selbst gewählter, von winzigen Merkwürdigkeiten begleiteter Isolation dahinvegetiert. Meist schaltet sie ihr Hörgerät aus, macht dicht und verrichtet ihre monotone Arbeit wie unter einer Glasglocke. Ihre totale Hingabe provoziert Beschwerden ihrer Kollegen, wie ihr verlegener Chef ihr erklärt. Er verordnet Hanna, die sich seit vier Jahren keinen Tag frei genommen hat, Zwangsurlaub. „Also muss ich in den Süden, mich unter Palmen sonnen und so?“, fragt Hanna erschrocken. Und sie reist in eine noch unwirtlichere Gegend und heuert zufällig auf einer Ölbohrinsel im Atlantik an, auf der eine Krankenschwester benötigt wird.

Auf der künstlichen Insel, deren Abwicklung bevorsteht, lebt noch eine Hand voll eigenbrötlerischer Männer sowie eine Gans. Hannas Patient Josef, der bei einem Unfall schwere Brandwunden erlitten hat, ist kurzzeitig erblindet – ideale Bedingungen also für die Einzelgängerin. Doch je mehr sie schweigt und sich in pflegerische Fürsorge flüchtet, umso beharrlicher versucht Josef mit dieser Stimme, deren fremder Akzent ihn neugierig macht, zu plaudern. Zunächst witzelnd und anzüglich, enthüllt er schließlich seine Seelenpein, die zu seinem Unfall führte. Hanna weicht seinen Fragen so lange aus, bis sie aus medizinischen Gründen seinen Abtransport von der Insel organisiert hat – dann erst offenbart sie ihm ihre Vergangenheit, weil sie glaubt, dass er sie danach nicht finden kann.

Um was es letztlich geht, ist nicht überraschend: um die Bewältigung von grauenvollen Erlebnissen und um die Schuldgefühle Überlebender, die zu traumatisch sind als dass diese darüber sprechen könnten. Deshalb nähert sich auch Coixet Hannas Beichte und dem eigentlichen Filmthema gleichsam von hinten, durch die Brust ins Auge, mittels einer kammerspielhaften Liebesgeschichte und metaphorischen und elliptischen Einkreisungen. Zwischendurch sorgen Hannas lakonische Art, Josefs Selbstironie und inselspezifische Situationskomik durchaus für Aufheiterung. Tim Robbins, als blinder Josef unbeweglich ans Bett gefesselt, ist eindrucksvoll, wenn er Hannas Ungesagtes zu erlauschen und hervorzulocken versucht. Ein versponnener Meeresbiologe träumt von der Erforschung tropischer Muscheln im Nordmeer, der wuselige Schiffskoch, Almodóvar-Schauspieler Javier Cámaro, hegt im eisigen Wind einen Topf Basilikum. Sein leckeres Essen, bei den anderen verpönt, ist für Hanna der erste Antrieb, aus ihrer emotionalen Festung herauszulugen.

Allzu kryptisch und gewollt ist dagegen eine Anspielung auf eher unbekannte Weltliteratur wie die „Briefe einer portugiesischen Nonne“. Und gelegentlich scheint Coixet zu vernarrt in poetische Verspieltheiten, verliert sich in esoterischen Verschrobenheiten, wenn etwa eine helle Kinderstimme aus dem Off Hannas Verhalten kommentiert: geisterhaftes Echo weiterer ungenannter Schrecken? So aufrüttelnd es ist, wenn Hanna endlich spricht, so seltsam wirkt das Auftauchen von Julie Christie. Mit ihrem Betroffenheitsgestus weitet sich das intime Charakterdrama plötzlich von der privaten Traumabewältigung auf die jüngste europäische Geschichte aus. Und dann folgt wieder ein abrupter Tonart-Wechsel, wenn das Schneewittchen Hanna, das wie ein Alien durchs Leben ging, aus seiner selbst erzeugten Isolation ein tröstliches, märchenhaft angehauchtes Happy End erlebt.

Mag sich Coixet auch verstolpern, wenn sie ihr Pferd von hinten aufzäumt, so demonstriert aber Sarah Polley als schroffe Hanna mit ihrem unliebenswürdigen Schweigen, wie in ihrem vorigen Film, eine weibliche Sturköpfigkeit, die im Kino selten ungestraft durchgehalten wird. Hier jedoch bedeutet Hannas verbissener Rückzug auf sich selbst keine zickige Verstocktheit, sondern die Kontrolle über ihre Emotionen, signalisiert also instinktiven und hoffnungsvollen Überlebenswillen. Und hinter Hannas Augen lauern so viel Wut und durchlebter Horror, dass der heimliche Wunsch „Mensch lach doch mal, Mädchen!“ im Keim erstickt wird.

Birgit Roschy

Eine mysteriöse junge Fabrikarbeiterin, die in selbst gewählter Isolation lebt, wird aus ihrer Routine gerissen, als sie auf einer Ölbohrinsel ein Unfallopfer pflegt. Die Kanadierin Sarah Polley ist die Heldin dieses ungewöhnlichen und intensiven Dramas, das, zugleich Charakterstudie und Liebesgeschichte, von der Verarbeitung eines Traumas zu den verdrängten Kriegsgräueln in Bosnien überleitet.

The Secret Life of Words
Spanien 2005. R und B: Isabel Coixet. P: Jaume Roures, Esther Garcia. K: Jean-Claude Larrieu. Sch: Irene Blecua. M: Carmen Garcia, Jose Ignacio Ganzález, Nacho Cepero u.a.. T: Aitor Berenguer. A: Pierre-François Limbosch, Nigel Pollock. Ko: Tatiana Hernández. Pg: El Deseo/Mediapro/TVE. V: Tobis. L: 115 Min. FSK: 6, ff. Da: Sarah Polley (Hanna), Tim Robbins (Josef), Javier Cámara (Simon), Sverre Anker Ousdal (Dimitri), Steven Mackintosh (Dr. Sulitzer), Julie Christie (Inge), Eddie Marsan (Victor), Dean Lennox Kelly (Liam).

epd Film 5/2006



Start: 27.4. (D)


 


 


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