Das Publikum soll vergessen, dass es im Kino sitzt: Gespräch mit "Toy-Story-3"-Regisseur Lee Unkrich



Von Frank Arnold

Lee Unkrich
© Walt Disney/Pixar

Mit „Toy Story 3“ kommt jetzt die zweite Fortsetzung jenes Films in die Kinos, mit dem 1995 der computeranimierte abendfüllende Spielfilm seine Kinodurchbruch erlebte. Regisseur Lee Unkrich war bei allen drei „Toy Story“ dabei.

Elf Jahre sind eine lange Zeit für das Warten auf eine Fortsetzung. Wann haben Sie mit den Arbeiten an „Toy Story 3“ begonnen?
Vor gut vier Jahren. Wir wollten den Film eigentlich gleich nach „Toy Story 2“ drehen, aber es gab damals politische Probleme zwischen Disney und Pixar, die uns für lange Zeit daran hinderten, „Toy Story 3“ zu drehen. Als Pixar dann vor vier Jahren Teil von Disney wurde, lösten sich diese Probleme und wir konnten  den Film endlich in Angriff nehmen.

Mit politischen Problemen meinen Sie, dass die Rechte an „Toy Story“ bei Disney und nicht bei Pixar lagen?
Pixar hatte seinerzeit einen Vertrag über fünf Filme mit Disney – und eine Fortsetzung hätte nicht als einer der fünf Filme gezählt. Aber aus Geschäftsgründen wollten wir nur Filme machen, die zur Erfüllung unseres Vertrages beitrugen.

Wie schwer war es die Ausgangsidee für TS 3 zu entwickeln? Wenn man den Film sieht, kommt einem die Geschichte vom Ende der Kindheit sehr nahe liegend vor.
Es scheint natürlich, aber es war doch nicht so einfach, dahin zu kommen. Wir hatten eigentlich eine ganz andere Idee für den Film, die wir jahrelang mit uns herumgetragen haben, während all der Zeit, wo wir ihn nicht machen konnten. Letztlich war es ein Segen, dass der Film sich so lange verzögerte, denn nach diesen sieben Jahren kam uns die Idee vom Ende der Kindheit Andys.

Wie sah die ursprüngliche Idee aus?
Darüber sprechen wir nicht, denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele verworfene Ideen später in veränderter Form in anderen Filmen verwendbar sind.

Wie verlief die Entwicklung des Projektes? Die Pixar-Mannschaft entwickelte die Idee und anschließend wurde ein Drehbuchautor von außerhalb engagiert, um das Buch zu schreiben
Der kreative Kern von Pixar kam für zwei Tage zusammen und wir entwickelten das Konzept und den groben Verlauf der Geschichte. Danach traf ich mich mit Michael Arndt, der „Little Miss Sunshine“ geschrieben hatte. Mit dem hatte ich bereits eine Arbeitsbeziehung, denn wir hatten schon an einem anderen Projekt zusammen gearbeitet, das nicht zustande kam. Wir verbrachten die nächsten zweieinhalb Jahre damit, verschiedenen Fassungen zu schreiben und Storyboards zu entwerfen.

Was mich am meisten am Film überrascht hat, war die Tatsache, das der Bösewicht ebenfalls ein Spielzeug war. Im ersten Film war das der fiese Nachbarsjunge, im zweiten ein Sammler, also Menschen.
Als wir die Idee hatten, dass die Toys diesmal in einem Kindergarten landen, wussten wir, dass es dort eine ganze Community von Toys geben würde, unter denen es vermutlich einen Anführer geben würde, so wie Woody der Anführer der Toys ist. Die Idee, dass sich der Kindergarten als nicht so schöner Ort erwies, sondern mehr ein Gefängnis für die Toys war, führte dazu, dazu, dass deren Anführer irendwie korrupt sein müsste. Eins führte zum anderen, und so kamen wir auf diesen knuddeligen, rosafarbenen Teddy, der sich als nicht so nett herausstellte.

Die Szene in der Müllverbrennungsanlage war recht drastisch. Ich nehme an, Sie haben sie an Kindern getestet um sicher zu gehen, dass sie ihnen keine Alpträume bereitete.
Das haben wir, denn wir wussten, dass das eine emotional spannende Szene war. Dabei stellten wir fest, dass diese emotionale Spannung eher bei den Erwachsenen entstand, während die Kinder sie ganz anders empfanden – sie wussten, dass die Figuren in Gefahr waren, aber es hatte nicht das selbe Gewicht für sie wie für die Erwachsenen. Ich denke, Erwachsene machen sich mehr Gedanken über ihre eigene Sterblichkeit.

Nach „Oben“ war dies der zweite Pixar-Film, der von vornherein in 3-D konzipiert wurde.
Da habe ich dieselbe Auffassung wie Pete Docter: wir wissen, dass einige Zuschauer den Film in 3-D sehen werden, andere in 2-D – wichtig ist, dass die Geschichte stimmt.

Wir können in 3-D-Filmen von Pixar also nicht mit auffälligen 3-D-Effekten wie einem Yoyo rechnen?
Ich würde nicht sagen ‚nie’, aber das hängt auch vom jeweiligen Regisseur ab. Ich persönlich empfinde solche Demonstrationen eher als ablenkend – meine Aufgabe ist es ja, das Publikum vergessen zu lassen, dass es überhaupt im Kino sitzt, es soll ganz gefangen sein von der Geschichte. Wenn 3-D mit Gimmicks auf sich aufmerksam macht, wird dem Zuschauer hingegen bewusst, dass er sich im Kino befindet.

Haben Sie selber oder einige Ihrer Mitarbeiter auch an der Umwandlung von TS 1 und 2 in 3-D mitgearbeitet um ein Gefühl für 3-D zu bekommen?
Nein, das war ein anderes Team – dieselben, die auch für die 3-D-Effekte bei unserem Film zuständig waren. Ich habe aber einiges gelernt, als ich die ersten beiden „Toy Story“-Filme in 3-D sah, denn ich war bei diesen beiden Filmen derjenige, der am meisten für die Kameraarbeit zuständig war. So war es schön für mich zu sehen, dass – obwohl beide Filme nicht in 3-D konzipiert waren, dennoch sehr gut in 3-D funktionierten. Das gab mit die Gewissheit, dass ich so weiterarbeiten konnte wie bisher.

Aber die ersten beiden Filme wurden für die 3-D-Versionen nicht ‚verbessert’ in der Art, wie es George Lucas mit den ersten drei „Star Wars“-Filmen gemacht hat?
Das würden wir nie tun.

Im Presseheft berichten Sie von einer persönlichen Erfahrung, die in den Film eingeflossen ist…
Ja, als wir vor einigen Jahren umzogen, waren anschließend die ganzen Spielzeuge aus der Kindheit meiner Frau verschwunden. Ich fragte sie, in was für einen Karton sie sie gepackt hätte, und sie antwortete, sie hätte sie in eine Abfalltüte getan. Da wusste ich sofort, was passiert war. Sie hat mir das nie verziehen, aber diesen Moment habe ich jetzt im Film verewigt.

Inwieweit ist es ein Problem, dass jeder neue Pixar-Film die Erwartungen höher schraubt?
Unkrich:  Der Druck ist schon hoch – kein Regisseur will derjenige sein, der den ersten schlechten Pixar-Film dreht. Hier kam der Druck hinzu, einen Film zu drehen, der der ersten beiden Filme würdig ist, normalerweise sind Filme mit einer „3“ hinter dem Titel ja nicht unbedingt eine Empfehlung.       

Interview: Frank Arnold

 siehe auch Artikel "Spiel ohne Grenzen" und die Kritik zu Toy Story 3

 

 


 


 


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