Von Gerhard Midding
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Dany Boon, Jean-Pierre Jeunet, re © Fotos: Kinowelt |
Jean-Pierre Jeunet ist gelungen, was nur wenige Regisseure erreichen: Mit Delicatessen (1991) und Die fabelhafte Welt der Amélie (2001) hat er sich seinem Publikum nicht über den Inhalt dieser Filme eingeprägt, sondern über deren Stil, der in kühner Weise Animationselemente mit Spielfilm und Clip-Ästhetik mischt. Mit 17 soll sich der 1953 in Roanne Geborene seine erste Kamera gekauft und sich das Filmemachen selbst beigebracht haben. Seine Regiekarriere begann er mit Kurzfilmen in den 80er Jahren
epd Film: Gehen Ihre Filme eigentlich jeweils aus den vorangegangenen hervor? Mathilde spielt zur Zeit des ersten industriell geführten Krieges, Ihr neuer Film handelt von Waffenfabrikanten.
Jean-Pierre Jeunet: Nein, da besteht kein Zusammenhang. Diese Leute faszinieren mich, weil sie reizvolle Gegenspieler sind. Als wir Die Stadt der verlorenen Kinder in der Nähe der Dassault-Werke drehten, sah ich eines Abends den Chef und beobachtete ihn. Ich dachte mir, der wirkt sympathisch, der hat bestimmt Kinder, die er liebt. Aber tagsüber produziert er Waffen, die unendliches Leid, Schmerzen und Tod verursachen. Diesen Widerspruch fand ich interessant. Wir haben viel recherchiert, viele Interviews geführt. Auch wenn der Film eine Burleske ist – bei einem solchen Thema muss man genau wissen, wovon man erzählt. Alles, was über das Waffengeschäft gesagt wird, stimmt.
Sie nennen den Film eine Burleske. Können Sie jedes Mal bestimmen, zu welchem Genre ein Film gehört? Mir fällt das schwer, denn Sie wechseln oft die Register zwischen Romantik, Humor und Schrecken.
Da haben Sie natürlich Recht. Aber bei diesem Film ist es eindeutig: Er ist ein Cartoon mit Realfiguren, ein Pixar-Film mit Schauspielern. Auch wenn er einen ernsten Hintergrund hat, ist es doch vor allem Slapstick.
Ist Micmacs nach der Tragik, die Mathilde auch besitzt, eine bewusste Rückkehr zu einem verspielteren Sujet? Ich stelle mir vor, Regie zu führen sei für Sie wie das Öffnen einer Spielzeugkiste.
Wie die Miniatureisenbahn, von der Orson Welles sprach? Bestimmt. Alle Kinder werden als Poeten geboren, aber nur wenige bleiben es. Ich finde, es ist ein Privileg, sich den Geist der Kindheit zu bewahren. Aber andererseits muss ich auch meine andere Gehirnhälfte nutzen. Wenn man die Verantwortung für ein Budget von 22 Millionen Euro und ein riesiges Team trägt, muss man schon ernsthaft sein.
Welche Gehirnhälfte lässt sie immer wieder zur Geschichte vom kleinen Däumling zurückkehren?
Das geschieht unbewusst, absichtslos. Wenn mir ein Stoff gefällt, entdecke ich im Nachhinein regelmäßig, dass er in ein bestimmtes Muster passt: Meist steht im Mittelpunkt eine verwaiste Figur, die sich behaupten muss.
Wie hat sich der Film dadurch verändert, dass nicht, wie geplant, Jamel Debbouze die Hauptfigur Bazil spielt, sondern Dany Boon?
Nicht sehr. Sie haben viel gemeinsam, sind beide Kindsköpfe. Sie haben die gleiche Herkunft, sind Migrantenkinder aus den Vorstädten und stammen nicht aus einem bürgerlichen Milieu. Nur physisch ähneln sie einander nicht: Der eine ist eine Garnele, der andere ein Bär.
Wie haben Sie die Micmacs um Bazil herum versammelt?
Meine Idee war, dass sie eine ähnliche Funktion wie die sieben Zwerge in »Schneewittchen« oder die Spielzeuge in Toy Story haben: Jede Figur hat ein Charaktermerkmal, das sie auszeichnet, ein eigenes Talent. Als ich dann die Besetzung zusammen hatte, habe ich zunächst mit jedem allein geprobt. Erst beim Dreh habe ich alle versammelt, wie die Musiker eines Orchesters, das eine Partitur einstudiert. In dem Figurenensemble können Sie getrost eine Metapher für das Kino sehen – Bazil ist wie ein Regisseur, der ein Team braucht, um das umzusetzen, was er sich ausgedacht hat.
Sie zeigen ein anderes Paris als in Ihren früheren Filmen. Es fällt aus der Zeit, verrät Ihre Nostalgie für das Vorkriegskino.
Ich finde Micmacs nicht nostalgisch. Für mich ist es ein Film über Wiederverwertung. Aber ich habe generell den Wunsch, die Realität zu manipulieren, sie in andere Farben zu tauchen. Einfach nur auf der Straße zu drehen, interessiert mich nicht.
Das Gespräch führte Gerhard Midding


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