»Filmer les camps. De Hollywood á Nuremberg«: eine Ausstellung in Pariser »Memorial de la Shoah« zeigt Hollywoods erste Begegnung mit dem Holocaust

„Hier habe ich das Leben kennen gelernt“

Von Gerhard Midding


© Fotos: Museum „Memorial de la Shoah“

Damit hat man am Allerwenigsten gerechnet. Auf dem Gang zur Ausstellung ist plötzlich zu hören, wie Fred Astaire seiner geliebten Ginger Rogers singend und tanzend Komplimente macht. Der Gegensatz könnte nicht größer sein zwischen der erhabenen Leichtfüßigkeit dieser Szene aus »Swing ­Time« und dem, was ihr Regisseur George Stevens wenige Jahre später in Dachau erlebte.

Es ist ein gewagter Auftakt, den der Historiker Christian Delage für die Ausstellung »Filmer les camps« gewählt hat. Aber er ist nicht geschmacklos, denn er erzählt von einer Unschuld, die abgelegt werden musste. Die Schau im Pariser »Memorial de la Shoah« zeigt, wie drei berühmte Hollywoodregisseure mit dem unvorstellbaren Kulturbruch konfrontiert wurden. Stevens gehörte zu einer Spezialeinheit, die die Invasion in der Normandie und die Landung auf Sizilien filmte. John Ford hatte schon vor dem Krieg eine Dokumentarfilmeinheit aufgebaut, die nach Pearl Harbor im Auftrag der militärischen Führung und des Präsidenten operierte; seine Filme über den Pazifikkrieg wurden vielfach ausgezeichnet. Der Reporter Sam Fuller nahm als Infanterist am Krieg in Europa teil. Deutschland hätte für sie die letzte Etappe sein sollen. Aber es wurde eine Stunde Null. »Hier habe ich das Leben kennengelernt«, sagte Stevens später über Dachau. In seinen Vorkriegsfilmen hatte er ein selbstgewiss romantisches Amerika-Bild entworfen. Danach erlebten seine Helden nur noch leere Triumphe.

Die Erfahrung ließ die Filmemacher nie mehr los. Die Ausstellung profitiert davon, wie akribisch sie jeden Passierschein, jedes Foto, jede Tagebuchnotiz als Andenken aufbewahrten. Stevens‘ Weggefährten aus dem Krieg gehörten später in Hollywood zu seinem festen Team. 1957 kehrte er nach Dachau zurück, als er »Das Tagebuch der Anne Frank« vorbereitete. Fuller verarbeitete seine Erlebnisse in The Big Red One; in jedem seiner Filme herrscht Krieg.

Während Stevens einen Tag nach der Befreiung am 30. April in Dachau eintraf, war Fuller unmittelbar an der Befreiung des KZ Falkenau beteiligt. Gleich darauf drehte er seinen ersten Film. »Ich habe vielleicht wie ein Amateur gedreht«, kommentiert er ihn, »aber das Töten hatten Profis erledigt.« Die Vorstellung von Professionalität, die in Hollywood gern als Wert von moralischer Neutralität gefeiert wird, geriet angesichts der Barbarei, dessen Zeuge sie wurden, ins Wanken. Sie konnten nicht einfach Haltung wahren, sondern mussten einen Halt finden. 

Die Armee legte Wert auf die unstrittige Beweiskraft der Aufnahmen. Täglich musste schriftlich Rechenschaft abgelegt werden über das Gefilmte. Sophie Breuils Szenographie trägt dieser Strategie der Beglaubigung Rechnung, indem sie eine Korrespondenz herstellt zwischen Film- und Textdokumenten. Letztere hat der britische Journalist Ivan Moffat verfasst, der Deutsch sprach. Angesichts des Leids, aber auch des sich wiederaufbäumenden Lebens kann er den geforderten Tonfall der Nüchternheit nicht durchwegs einhalten. Mathieu Amalric spricht die französische Übersetzung mit virtuos bezähmter Betroffenheit.

Die Ausstellung stellt der offiziellen Geschichtsschreibung eine persönliche gegen­über. Fuller drehte als Amateur, mit einer Bell&Howell-Kamera, die ihm seine Mutter geschickt hatte. Diese private Perspektive beschert der Ausstellung einige ihrer eindrücklichsten Momente. In Falkenau hält Fuller ein Ritual der Buße fest, bei dem die Wachen und die vermeintlich ahnungslosen Anwohner in physischen Kontakt mit den Opfern kommen: Sie müssen deren eilig verscharrten Leichname ausgraben und sie ankleiden, damit sie würdig bestattet werden können. Fuller, das legt die Szenographie nahe, denkt bereits einen Schritt weiter und fasst schon die Umerziehung ins Auge.  

Ford, der das Grauen nicht mit eigenen Augen sah, wurde im Sommer 1945 beauftragt, Stevens‘ filmisches Beweismaterial zu montieren, damit es am 29. November bei den Nürnberger Prozessen vorgeführt werden konnte. Das letzte Wort der Ausstellung gehört nicht einem Amerikaner, sondern dem französischen Schriftsteller Joseph Kessel, der als Berichterstatter in Nürnberg war. Er beschreibt den Prozess als klugen, bekümmerten Triumph der Inszenierung. Die Bänke der Angeklagten waren so ausgeleuchtet, dass diese nicht geblendet wurden und nichts ihren Blick auf die Leinwand versperrte. Aber das Licht auf ihren Gesichtern war hell genug, damit man jede Regung auf ihnen genau sehen konnte.

“Filmer les camps. De Hollywood à Nuremberg“ ist im  „Memorial de la Shoah“ in Paris noch bis zum 31. August zu sehen.


 


 


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