„Wahrscheinlich komm ich nicht wieder“ – Zum Tod des Schauspielers Frank Giering ( 23.11.1971 –23.6.2010)



Von Anke Sterneborg

Frank Giering
© Verleih

Von Anfang an war er der in sich Gekehrte, Leise, Ernste. Während seine Freunde in Absolute Giganten zappeln und quasseln, toben und gestikulieren, schaut er immer wieder nur verträumt und nachdenklich ins Leere. Steht einfach nur so da und schaut mit blauen Augen, die tief unter den schweren, dunklen Brauen liegen, während ein scheues Lächeln über seine Lippen huscht.

Schon als Kind interessierte sich der 1971 in Magdeburg geborene Frank Giering nach eigenen Angaben am meisten für Menschen, die irgendetwas Geheimnisvolles an sich hatten: „Das gefiel mir immer besser als dieses offene Zurschaustellen“. Als seine Freunde lautstark das Frauenanmachen proben, sagt er nur: „Findet Ihr nicht, dass Ihr ein bisschen viel redet. Ich hab mal einen Film gesehen mit Robert Redford, der hat nur an der Tür gelehnt, mit so’ner Frau und hat gesagt  ‚Ich bin so allein in der großen Stadt’..“ Tatsächlich hatte dieser große deutsche Schauspieler, der mit 38 Jahren am 23.Juni viel zu früh gestorben ist, etwas fast Amerikanisches in seiner zurückhaltenden Art. Kein Wunder, dass sich unter seinem Einfluss die beiden deutschen Terroristen Gudrun Ensslin und Andreas Baader in eine deutsche Version von Bonnie und Clyde verwandelten, und dass er auch mal mit James Dean verglichen wurde.

Von Einsamkeit und Melancholie musste Giering in seinen Filmen nicht reden; er trug sie in sich, musste die Kamera also einfach nur in seine Seele schauen lassen. Ohne viel zu tun, entwickelt er dabei eine Intensität, die selten und kostbar ist im deutschen Kino. So war er gleich in seiner ersten Filmrolle in Der Verräter dem Österreicher Michael Haneke aufgefallen, der ihn dann in Funny Games besetzte, in dem er einen auf den ersten Blick ausgesprochen zuvorkommenden Jugendlichen spielt, der sich als skrupellos sadistischer Psychopath entpuppt. Das war die andere Seite seiner Verlorenheit - wenn Traurigkeit in Verstörung umschlägt, scheue Zurückhaltung in aggressive Gewalt. Für diese Bruchlinien von banaler Normalität und haltlosem Schrecken hatte Giering ein besonderes Gespür, und er lotete sie immer wieder aus, auf beiden Seiten des Gesetzes, als brütender Täter oder auch als stiller Ermittler - seit 2006 spielte er neben Christian Berkel den Kommissar Henry Weber in der ZDF-Serie Der Kriminalist. Einsamkeit und Verlorenheit schwangen in seinen Rollen immer mit, in der Beziehung von Romuald Karmakars Jon-Fosse-Verfilmung Die Nacht singt ihre Lieder ebenso wie im Familienabgrund von Hierankl . Mehr als 60 Credits sammelte Frank Giering in 16 Jahren, damit die Pausen zwischen den Filmen nur ja nicht so lang wurden und er dem Alkohol aus dem Weg gehen konnte, der ihn am Ende sein Leben kostete. In seinem vielleicht schönsten und intensivsten Film, Absolute Giganten von Sebastian Schipper, verbringt er eine letzte Nacht mit seinen Freunden, bevor er im Hafen von Hamburg auf einem Containerschiff nach Kapstadt fährt, und von da nach Singapur: „Wahrscheinlich komm ich nicht wieder   ich muss woanders hin, ich muss irgendwohin, wo ich wirklich hingehöre. Ich weiß nicht, wo es ist,  aber ich werde es finden und da bleib ich auch“  Man möchte sich vorstellen, dass Frank Giering diesen Ort ganz weit weg nun doch noch gefunden hat.   

 


 


 


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