„Zombies sind bei mir nicht die Schurken“

Frank Arnold sprach mit George A. Romero über seinen Zombiefilm „Survival of the Dead“

Frank Arnold

Mit seinem sechsten Zombie-Film „Survival of the Dead“ kehrt George A. Romero, der im Februar seinen 70. Geburtstag feierte und 1968 mit „Night of the Living Dead“ gewissermaßen den Zombiefilm im Alleingang wieder belebte, in die deutschen Kinos zurück, nachdem der Vorgänger hierzulande nur auf DVD erschien.

 

An welchem Punkt in der Drehbuchentwicklung stießen Sie auf William Wylers “The Big Country”, in dem – wie in Ihren Film – zwei starrsinnige Patriarchen ihre Familienfehde bis zum bitteren Ende austragen?

 

Romero (lacht): Ungefähr in der Mitte. Am Anfang stand die Idee, dass die Protagonisten auf eine Insel gehen sollten und dort auf andere Leute stoßen, die die eigentlichen Schurken der Geschichte sind. Denn das sind bei mir nie die Zombies, sondern immer Menschen. Als sie auf dieser Insel auf diese zwei Familien stoßen, die miteinander seit langem im Streit liegen, dachte ich sofort an Wylers Film. So habe ich ihn mit meinen Mitarbeitern angeschaut, und wir beschlossen, dieses Muster passte gut in unseren Film, es würde ihm ein zeitloseres Gefühl verleihen.

 

Am Ende sind die beiden alten Patriarchen für immer aneinander gebunden. Sehen Sie das genauso für sich und die Zombies?

 

Durchaus möglich. Ich war mit ihnen verbunden und werde es wohl auch für den Rest meines Lebens bleiben. Aber diese Parallele habe ich noch nicht gesehen.

 

Mit „Night of the Living Dead“ haben Sie 1968 den modernen Zombiefilm erschaffen und in Ihren nachfolgenden Filmen die Geschichte vom Verhältnis zwischen Zombies und Menschen immer weiter entwickelt. Wie weit planen Sie dabei im Voraus, wie weit folgen Sie spontanen Eingebungen?

 

Es gibt einen Plan, aber vieles hängt in der Tat von der spezifischen Situation ab, in der ich anfange, ein Drehbuch zu schreiben. Zwischen den ersten vier Filmen Iag jeweils ein Abstand von zehn oder mehr Jahren und mir gefiel die Idee, dass ich dadurch in der Lage war, über verschiedene Jahrzehnte zu sprechen und unterschiedliche  Entwicklungen der nordamerikanischen Gesellschaft zu zeigen. Nach „Land of the Dead“ hatte ich die Idee, die Entwicklung der Medien zu thematisieren und diesen Film ganz schnell zu drehen. Ich wollte zurück zum Low Budget-Film, zu den Wurzeln, und mehr Kontrolle haben. Das waren die beiden Ausgangspunkte für „Diary of the Dead“ Ein anderer Grund, den Film zu machen, war, dass ich mein Urheberrecht an dem Franchise retten musste, denn die Rechte an den früheren Filmen, die ich mit meinen Partnern zusammen gemacht hatte, lagen jetzt alle bei anderen Leuten. Bei der Arbeit an „Diary“ merkte ich auch, dass mir diese schnelle Arbeit mit einer Gruppe von vertrauten Mitarbeitern sehr entgegenkam. Weil wir den Film für so wenig Geld gemacht hatten, spielte er viel Geld ein. Deshalb wollten die Produzenten einen Nachfolgefilm. So kam es, dass ich mich entschloss, eine Reihe von drei Filmen zu machen, die alle einen Bezug zu „Diary“ hatten, indem sie Nebenfiguren jenes Films in den Mittelpunkt stellen. Wenn „Survival“ Geld einspielt, habe ich schon Konzepte für zwei weitere Filme. Eigentlich ist das Ganze ein großer Film, der in vier Segmente aufgeteilt ist.

 

„Diary of the Dead“ hatte einen sehr eigenen Stil, er war auf HD gedreht und Videokameras waren auch ein zentrales Element der Geschichte. Wie weit beeinflusste das „Survival of the Dead“, der Momente des Kammerspiels mit denen einer klasssischen Westernsaga verbindet?

 

Meine Absicht ist es, jeden der vier Filme in einem ganz eigenen Stil zu inszenieren, das ist das, was mir Vergnügen bereitet. Bei „Diary“ ergab sich der Stil gewissermaßen aus der zentralen Rolle, die die Videokameras spielten, der neue Film ist in der Tat viel klassischer.

 

Sind Sie bei diesem Film auch dazu zurückgekehrt, auf Filmmaterial zu drehen?

 

Nein, das war vom Budget her gar nicht möglich. Ich wusste, dass ich viele Computereffekte im Film haben würde, dementsprechend war es einfacher, mit der digitalen RED-Kamera zu drehen. Ich weiß, dass es da weit verbreitete Vorurteile gibt und viele auf den ‚Filmlook’ schwören – ich nicht. Ich finde, die Bilder sind schön ausgefallen, man kann mit dem neuen Digitalmaterial wirklich gute Bilder schaffen.

 

Sie leben seit einiger Zeit in Kanada. Hat das Ihren Blick auf die amerikanische Gesellschaft verändert? Sieht man sie von Kanada aus klarer? 

 

Das würde ich nicht unbedingt sagen. Eigentlich ist die amerikanische Gesellschaft genau so hier, Toronto unterscheidet sich nicht sehr von Buffalo, New York, das nur anderthalb Stunden entfernt ist. Ich habe die USA ja auch nicht aus politischen Gründen verlassen, ich kam einfach her, um einen Film zu drehen und habe mich verliebt in den Ort und die Menschen.

 

Eine Reihe Ihrer Filme wurden in den letzten Jahren neu verfilmt, in Deutschland kommt jetzt das Remake von „The Crazies“ in die Kinos. Sie sind als Executive Producer genannt. Haben Sie irgend etwas mit diesen Filmen zu tun oder rührt die Nennung im Vorspann nur daher, dass das Original von Ihnen stammt?

 

Nein, ich habe nichts mit dem konkreten Film zu tun. Ich würde auch nie ein Remake eines meiner Filme machen. Da stehen eher kommerzielle Erwägungen dahinter: jemand sah meinen alten Film und sagte sich: ‚Drehen wir ein Remake im Stil von „28 Days Later“!’. Ich finde, der Regisseur Breck Eisner hat ganz gute Arbeit geleistet, aber es ist kein Film, den ich so gedreht hätte.

 

Ist es unhöflich, Sie zu fragen, ob Sie heute mehr Geld durch diese Remakes verdienen als mit Ihren eigenen neuen Filmen?

 

Nein, das ist nicht unhöflich. Für „The Crazies“ trifft es auf jeden Fall zu, denn mit dem Original habe ich damals kein Geld verdient. Den haben wir für 275.000 Dollar gedreht und da ich nie Mitglied der Gewerkschaft war, habe ich mich und meine Produktionsfirma praktisch selber ausgebeutet.

 

Sie haben im Februar Ihren 70. Geburtstag gefeiert und es gab zwischen einzelnen Ihrer Filme lange Durststrecken. Woher kommt heute Ihre Energie, weiter zu machen?

 

Schwer zu sagen. Filmemachen bereitet mir einfach Freude, mein Alter spüre ich dabei nicht.

 

Einige Ihrer älteren Filme wurden verstümmelt, „Knightriders“ etwa wurde um dreißig Minuten gekürzt. Wären Sie interessiert, noch einmal zu ihnen zurückzugehen und Sie in Ihrer ursprünglichen Form auf DVD heraus zu bringen?

 

Ich habe an keinem dieser Filme die Rechte, die liegen bei ganz verschiedenen Gesellschaften. Es gibt von all diesen Filmen die originalen Versionen, damit muss ich mich wohl zufrieden geben, obwohl es natürlich schön wäre, wenn diese dem heutigen Publikum zugänglich gemacht werden könnten.

 

Wahrscheinlich wurden Ihre Filme in den meisten Fällen mehr auf Video und DVD gesehen als im Kino. Wie ist das mit Ihnen selber? Gehen Sie noch regelmäßig ins Kino oder sehen Sie heutzutage die meisten Filme zu Hause?

 

Nein, wir gehen oft ins Kino. Was meine eigenen Filme anbelangt, so hatten die meisten von ihnen keinen großen Kinostart, so bin ich dankbar dafür, dass sie auf Video und DVD ein langes Nachleben haben.

 

Und wie oft sehen Sie Sich Michael Powells „Tales of Hoffmann“ in der DVD-Edition von Criterion an? Ist das immer noch einer Lieblingsfilme?

 

Oh ja. Ich sehe ihn zwar nicht jede Woche, aber doch ziemlich oft. Ich mag es vor allem, den Film anderen Leuten zu zeigen, die ihn noch nicht kennen.

 

Hatten Sie in der Zwischenzeit Gelegenheit, Martin Scorsese oder Thelma Schoonmaker, die Witwe von Michael Powell, kennen zu lernen?

 

Thelma kenne ich schon lange. Marty und ich haben einmal gemeinsam an einem Projekt für das Fernsehen gearbeitet, das wir auch an ABC verkaufen konnten, das dann aber nicht zustande kam. Wir lebten in den sechziger Jahren beide in New York und waren die einzigen, die regelmäßig die 16mm-Kopie dieses Films ausliehen. Kennen gelernt haben wir uns aber erst später.

 

 


 


 


epd Film Abonnement



© epd Hinweis zum Urheberrecht