Honig für den Bären – Ein Resumee der 60. Filmfestspiele von Berlin

Auf der diesjährigen Berlinale stand einmal mehr die Sprachlosigkeit der Männer und ihre daraus resultierenden Gewalttaten im Zentrum. Umso beredter fiel am Ende die Kritik an Festivaldirektor Dieter Kosslick aus

Von Barbara Schweizerhof

Goldener Bär für "Bal" und Regisseur Semih Kaplanoglu
© Fotos: Berlinale

Die Welt, wie sie sich auf den Leinwänden der Berlinalekinos darstellt, ist notorisch düster, problembeladen, voller Gewalt und Gewalttaten. Der langjährige Festivaldirektor Moritz de Hadeln pflegte dieses finstere Bild einst mit seiner melancholisch-ungeschlachten Gestalt und der Unfähigkeit, anders als gequält zu lächeln, aufs Beste zu ergänzen. Sein Nachfolger Dieter Kosslick, der in diesem Jahr seine neunte Berlinale ausrichtete, ist dagegen eine echte Frohnatur und keiner Clownerie abgeneigt. Selbst noch die ernsten Worte, die er spricht, will er oft als Witz verstanden wissen. Zu den präsentierten Filmen steht dieses Auftreten oft in hartem Kontrast. Man war deshalb geneigt, in der Tatsache, dass das diesjährige Wettbewerbsprogramm drei Komödien mit einschloss, den Versuch zu erblicken, ein wenig Licht und Lachen in die traditionelle Düsternis zu bringen. Aber ge­rade die Komödien mit ihrem finsterem bis schwarzem Humor verstärkten den allgemeinen Trend.

In Noah Baumbachs Film Greenberg etwa bringt Ben Stiller es fertig, seine Figur eines Musikers nach einem Nervenzusammenbruch so sehr ins verquatscht Neurotische zu drehen, dass man sich mehr zum Mitleid als zum Lachen verführt fühlt. In der norwegischen ­Auftragskillerkomödie A Somewhat Gentle Man (Regie: Hans Petter Moland) zieht ein wortkarger Stellan Skarsgard in der Titelrolle den Zuschauer zwar sofort auf seine Seite, doch ein dauergrauer skandinavischer Himmel und die Beschränktheit und Hässlichkeit der übrigen Figuren sorgen für genug depressiven Hintergrund, um aufkeimende Heiterkeit gleich wieder zu dämpfen. Und im französischen Film Mammuth (Regie: Benoit Delépine, Gustave de Kerverne) schließlich klappert Gérard Dépardieu als Rentner auf einer alten Münch frühere Arbeitsstellen ab, auf der Suche nach alten Zahlungsbescheiden. Ausstaffiert mit schulterlangen, dünnen Haaren, die im Fahrtwind wehen, hat man Depardieu kaum je in solch bizarrer Unansehnlichkeit erlebt. Grobkörnige Aufnahmen aus oft unangenehmer Nähe unterstreichen noch seine physische Monstrosität. Der Humor des Films steht ganz in der belgischen Tradition von Grotesk-Komödien, in der die Grobheit der Witze unmittelbar das Ausmaß der Verzweiflung anzeigt.

Keiner der drei Filme wurde bei der offiziellen Preisvergabe bedacht, was daran liegen mag, dass es Komödien traditionell schwer haben, »ernst genommen« zu werden. Dabei haben sie den großen Vorteil, dass sie jene Themen mit der Distanz der Selbstironie behandeln, an denen sich die übrigen Wettbewerbsbeiträge mit Blut, Schweiß und Tränen abarbeiteten. Mit wenigen Ausnahmen ging es dabei einmal mehr in der Hauptsache um den Mann und seine Unfähigkeit zu kommunizieren.

Im rumänischen If I Want To Whistle, I Whistle (Regie: Florin Serban) zum Beispiel steht ein 17-Jähriger kurz vor seiner Entlassung aus einer Jugendstrafanstalt. Es passieren Dinge, die sein sofortiges Eingreifen »draußen« erforderlich machen, aber er kann mit niemandem darüber reden und sieht sich zu Taten gezwungen, die seine Freilassung gefährden. Der Film, mit dem Alfred-Bauer-Preis und dem Großen Preis der Jury bedacht, besitzt zwar eine Intensität, die man an vielen anderen Wettbewerbsbeiträgen vermisst hat, und doch wünscht man sich, er hätte seinen Helden mehr in Dialogen als nur in Gewalttaten zum Sprechen gebracht.

Ähnliches gilt für einen weiteren zweifachen Preisträger: How I Ended This Summer von Aleksei Popogrebsky, der für die beste Kamera (Pavel Kostomarov) und für den besten männlichen Darsteller (ex aequo: Grigori Dobrygin und Sergei Puskepalis) ausgezeichnet wurde. Der Film spielt auf einer entlegenen Wetterstation in der Arktis. Ein alter und ein junger Mann kommen hier nur schwer miteinander zurecht, weil sie kaum gemeinsam reden. Als der eine dem anderen eine wichtige Nachricht verschweigt, eskaliert die Situation. Popogrebskys Film mag mit seinen Aufnahmen aus dem wechselvollen Lichterspiel des arktischen Sommers bestechen, kann damit aber seine dramaturgischen Schwächen nur notdürftig verdecken.

Überzeugend erhebt Benjamin Heisenberg dagegen in seinem Räuber die Sprachlosigkeit des Mannes zum Stilmittel. Der Geschichte des österreichischen Bankräubers und Mörders Johann Kastenberger nachempfunden, zeigt der Film seinen Helden (meisterhaft verkörpert von Andreas Lust) als undurchdringliches Rätsel, so wortlos und verschlossen, so ganz von seinen Taten getrieben, dass jeder Versuch, die Figur in Begriffe zu fassen, wie überflüssiges Geschwätz erscheint. Eine Radikalität, die man eigentlich eher von einem Regisseur wie dem Dänen Thomas Vinterberg erwartet hat. In seinem Submarino zeigt er zwei Brüder, die das Elend ihrer Kindheit auch als Erwachsene nicht abschütteln können. Ihrer Wortlosigkeit aber steht das ganze Arsenal der sozialpädagogischen Bestimmungen zur Seite, von Vorbelastung über Suchtgefährdung bis zur Aggressionsstörung, was dem Film den Charakter eines soziologischen Bilderbuchs verleiht.

Zweifellos der sympathischste unter all den schweigsamen und zur Sprachlosigkeit verdammten Männern dieser Berlinale aber war der kleine Jusuf aus Semih Kaplanoglus Honig (Bal). Der Film, zur Zufriedenheit aller mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, zeigt die Welt aus der Perspektive eines 7-Jährigen, der seine Kindheit in den nordanatolischen Bergen und Wäldern verbringt. Wortlosigkeit steht hier einmal nicht für Not, Gewalt oder Bedrängnis, sondern stellt eine Art Unschuld und Urzustand dar, in der die Dinge mit ihrer Sinnlichkeit noch auf ganz unmittelbare, manchmal auch bedrohliche Weise mit dem Jungen kommunizieren.

Obwohl die meisten mit der Preisvergabe zufrieden waren, hagelte es am Ende Kritik für ein allgemein als unterdurchschnittlich empfundenes Wettbewerbsprogramm. Heftig wie nie wurde Festivaldirektor Dieter Kosslick für sein mangelndes Gespür für wahre Filmkunst angegriffen. Dabei ist es nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet ein Film von Oskar Roehler in dieser Hinsicht eine Art Dammbruch verursacht hat. Sein kruder – und trotzdem einer differenzierteren Auseinandersetzung würdigen - Jud Süß – Film ohne Gewissen wurde verrissen wie noch kein deutscher Beitrag in der Ära Kosslick. Roehler könnte damit zu einer Art Nemesis der Berlinaledirektoren werden, schließlich ist es genau zehn Jahre her, dass de Hadeln den großen Fehler beging, Roehlers Die Unberührbare nicht zur Berlinale einzuladen und damit nach Meinung vieler den letzten Anstoß für seine Ablösung gab.


 


 


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