Wer kriegt den Bären

Am Samstagabend werden auf den Internationalen Filmfestspielen von Berlin die Preise vergeben. Das Favoritenfeld ist so breit wie nie

Von Barbara Schweizerhof

Ben Stiller in "Greenberg"
© Tobis

Berlin (epd) Die Schlangen an den Ticketverkaufsstellen werden allmählich kürzer, die ersten Absperrungen sind schon abgebaut und eine vorsichtig wärmende Frühlingssonne bringt dem eifrigen Berlinalebesucher in Erinnerung, dass man seine Zeit auch anders verbringen könnte. Kein Zweifel also, die Berlinale geht ihrem Ende zu. Am Samstagabend werden die Preise verliehen, eine ganze Reihe silberner Bären, aber nur ein Goldener – für den besten Film. Zuschauer und Journalisten zerbrechen sich gleichermaßen den Kopf: Wer wird das Rennen machen? Wie wird die siebenköpfige Jury unter Leitung der deutschen Autorenfilmlegende Werner Herzog entscheiden?

Die Buhrufe für Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ am vorletzten Tag des Wettbewerbs haben verdeckt, dass allgemein Zufriedenheit herrscht mit dem diesjährigen Programm. Zwar wird das herausragende Meisterwerk vermisst, der eine Film, von dem alle sagen: „Der muss etwas bekommen!“ Statt dessen gibt es gleich mehrere Beiträge aus ganz verschiedenen Ländern und von verschiedenen Genres, die man sich gut als Preisträger vorstellen könnte. So haben sich zwei Werke als Favorit unter den internationalen Filmkritikern herauskristallisiert. Zum einen der türkische „Bal“ („Honig“) von Semih Kaplanoglu, der in lyrischen Bildern die Welt eines kleinen Jungen zeigt, eine Kindheit in Bergen und Wäldern voll atmosphärischem Zauber, in der die harten Realitäten, wie der Tod des Vaters, erst langsam einbrechen. Zum anderen der russische Film „How I Ended This Summer“ von Aleksei Popogrebsky, der in spektakulären Aufnahmen aus der Umgebung einer Wetterstation in der Arktis vom sich zuspitzenden Konflikt zwischen einem jungen und einem älteren Mann erzählt. Beide Filme werden für ihre filmischen Qualitäten gelobt, während beim dritten Kritikerfavoriten politische Sympathien eine Rolle spielen: Der Film des Iraners Rafi Pitts, „Zeit des Zorns“, beeindruckte weniger durch erzählerische Stringenz als vielmehr dadurch, dass man das etwas wirre Drama um einen sich an der Staatsmacht rächenden Witwer als Metapher und Kommentar zur aktuell angespannten Lage im Iran begreift. Als weitere Titel, die für den Goldenen Bären und/oder den silbernen für die beste Regie in Frage kommen, werden der österreichisch-deutsche „Räuber“ von Benjamin Heisenberg und das rumänische Jugendgefängnisdrama „When I Want To Whistle, I Whistle“ genannt.

Würde heute noch, wie in den ersten Jahren der Berlinale, das Publikum über die Bärenvergabe entscheiden, hätte sicher eine der Komödien, die in diesem Jahr für leichtere Töne im Wettbewerbs sorgten, große Chancen. Zum Beispiel der norwegische „A Somewhat Gentle Man“, in dem ein herausragender Stellan Skarsgard dem Auftragsmördertum als Beruf Adieu sagt und sich auf seine Rolle als Vater und Großvater besinnt. Oder auch die amerikanische Indie-Komödie „Greenberg“ von Noah Baumbach, in der ein depressiver Ben Stiller nach einem Nervenzusammenbruch wieder zu sich zu kommen versucht. Große Sympathien erntete auch Gérard Depardieu, der in der  französischen Groteske „Mammuth“ als langhaariger Rentner auf seinem Motorrad, einer alten Münch, eine Fahrt in die eigene Vergangenheit unternimmt.

 

Egal ob Kritiker- oder Zuschauerfavorit: die genannten Filme lassen bereits ahnen, dass diese Berlinale stark von Männern geprägt war, weshalb es für den Preis der beste weiblichen Darstellerin kaum eine wirkliche Favoritin gibt, sondern lediglich zwei Frauen, die mit ihren Hauptrollen überhaupt in Frage kommen: die Japanerin Shinobu Terajina, die in „Caterpillar“ mit einem aus dem Krieg heimkehrenden und schrecklich verstümmelten Ehemann zurechtkommen muss, und die Argentinierin Maria Onetto, die in „Puzzle“ das titelgebende Spiel für sich entdeckt.

 

Das Feld der Favoriten ist also in diesem Jahr so breit wie selten. Die Wetten werden zusätzlich dadurch erschwert, dass es schwer fällt, Jurypräsident Werner Herzog einzuschätzen, der sich im Vorfeld als Nichtkinogänger - er habe 2008 gar keinen und im letzten Jahr nur zwei Filme gesehen - geoutet hat. So meinen einige, dass Roman Polanski für seinen „Ghostwriter“ auf irgendeine Weise Respekt gezollt wird, andere setzen einfach darauf, dass Herzog mit einer Entscheidung für einen Außenseiterfilm, für ein Werk, an das bislang eben niemand gedacht hat, am Ende die gesamte Berlinale-Öffentlichkeit überraschen und vielleicht sogar empören wird.


 


 


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