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Der Erfolg und sein Preis – Der deutsche Beitrag „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ von Oskar Roehler im Wettbewerb der Berlinale Von Rudolf Worschech
Film über die NS-Vergangenheit sind fast zu einem Genre innerhalb des deutschen Films geworden – durchaus begrüßenswert, da sie eine Zeit des Unrechts in Erinnerung rufen, die nur die wenigsten noch aus eigener Anschauung kennen. Aber jeder Film, der sich heute mit dem ”Dritten Reich” beschäftigt, muss sich auch die Frage stellen: wie nähert man sich einem Gegenstand, der oft der Beschreibung Hohn spricht? Einige deutsche Filme haben für sich in Anspruch genommen, zu zeigen, „wie es wirklich war“, und dafür die berechtigte Kritik geerntet, dass ihnen die Perspektive, die Entschiedenheit, fehle. Vielleicht haben die Produzenten von „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, der am Donnerstag im Wettbewerb der Berlinale lief, sich deshalb Oskar Roehler, den großen Provokateur des deutschen Films, als Regisseur ausgesucht. Seine Stärken sind die Übersteigerung, die Zuspitzung, der Tabubruch. Aber so sehr Roehler in seinen Filmen („Elementarteilchen“, „Agnes und seine Brüder“, „Die Unberührbare“) auf die 68er-Generation einprügelte, so zahm und bieder bleibt er bei seinem Film über die Entstehung und Wirkung des vielleicht perfidesten antisemitischen Hetzfilms der Nazizeit. Perfide deshalb, weil „Jud Süß“ (1940) als Spielfilm viel suggestiver arbeitet als etwa die „Dokumentation“ „Der ewige Jude“, nicht nur antisemitische Klischeees bedient, sondern auch die historische Figur des Jud Süß, eines Justizopfers des 18. Jahrhundert, im Stil der NS-Ideologie als „Volksschädling“ und Vergewaltiger auszustattet. Roehler hat aus der Entstehungsgeschichte des Films Jud Süß ein Kostümstück gemacht, ein Making Of, das zwar die Frage nach Verstrickung stellt, sie aber ziemlich eindimensional beantwortet. Der österreichische Schauspieler Ferdinand Marian wird in diesem Film gezwungen, die Rolle des Jud Süß Oppenheimer anzunehmen – auch um seine Frau, eine „Halbjüdin“, zu schützen. Und weil er kein Star ist, wie andere Schauspielergrößen des Nazifilms, kann er diese Rolle letztendlich auch nicht ablehnen, was, wie wir wissen, etwa Gustav Gründgens oder Willi Forst gelang. In der historischen Realität gab es diesen Beweggrund nicht, Marians Frau war Katholikin – und so reiht sich dieser Film ein in die Legendenbildung vieler am Nazi-„Jud Süß“ Beteiligter: dass sie nur Opfer der Machenschaften von Joseph Goebbels wurden. Der hat, das macht auch Oskar Roehlers Film deutlich, „Jud Süß“ zu seinem Lieblingsprojekt erkoren: einen „künstlerischen“ Film über „den“ Juden. Die künstlerische Ambition stellt Roehlers Film komischerweise auch nie in Frage – in Wahrheit ist Harlans „Jud Süß“ ziemlich billig und platt. Marian widersetzt sich in „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ zuerst den Ansprüchen von Goebbels, nimmt sogar einen jüdischen Kollegen bei sich als Gärtner auf und gibt vor, die jüdische Rolle sympathisch interpretieren zu wollen. Tobias Moretti, bekannt als TV-„Kommissar-Rex“, brilliert in der Marian-Rolle, ein Charmeur und Getriebener (wie viele in Roehlers Filmen), der auch äußerlich dem historischen Vorbild nahe kommt. Marian selbst war ja ein begnadeter Schauspieler, man kann ihn in als Verführer in Käutners „Romanze in Moll“, drei Jahre nach „Jud Süß gedreht, bewundern, und Moretti wird seinem Vorbild gerecht. Da kann Moritz Bleibtreu nicht mithalten, der seinen Goebbels mit rheinischer Jovialität gibt, nicht als dämonischer Manipulateur wie Ulrich Matthes in „Der Untergang“, aber auch nicht als Karikatur wie Sylvester Groth in „Mein Führer“. Dass Bleibtreu bei Goebels’ öffentlichen Reden immer ein bisschen Hitler-Rhetorik und – Gestik miteinbringt, mag der Neuinterpretation der Rolle geschuldet sein – überzeugend macht es sie nicht. Wie überhaupt der ganze Film in der Ausstattung einer zweifelhaften Nazi-Grandezza stecken bleibt und sich zu einer Interpretation, gar zu einer Satire, nur selten aufschwingt. Den spezifischen Roehler-Touch vermisst man in diesem Film schmerzlich. Einmal blitzt er auf: wenn Marian mit der Frau (Gudrun Landgrebe) des Ghettokommandanten Frowein den coitus a tergo ausübt, und dabei auf ihr Verlangen hin die Worte der Vergewaltigungsszene aus „Jud Süß“ nach sprechen muss, während die Bomben der Alliierten den Himmel wie ein Feuerwerk illuminieren. Solche Szenen hätte man sich mehr gewünscht.
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