Zeit der Agonie – Filme von Rafi Pitts und Semih Kapanoglu im Wettbewerb der Berlinale



Von Rudolf Worschech

„Caterpillar“ von Koji Wakamatu
© Berlinale

In Berlin liegt alles noch unter einer dicken Eisdecke, nur ein paar Gehwege sind geräumt.  Selten erreichen die Temperaturen hier den Gefrierpunkt, und wenn, dann kommt in der Nacht die Kälte wieder angekrochen. Aber vielleicht ist das ja das perfekte Wetter für die Filme des Wettbewerbs dieser Jubiläums-Berlinale, die jetzt schon in ihrem letzten Drittel ist. Dieses Jahr ist nicht das Fest des Erzählkinos, mehr eine Schau metaphorischer und archaisch erzählter Filme.

Meist sind es Männer, die in diesen Filmen unter Druck stehen, die sich abstrampeln, sich aber doch nicht weiterentwickeln: der Bankräuber in Benjamin Heisenbergs „Der Räuber“, der wie ein Hamster in einem Laufrad Überfälle begehen musst, oder der von dem Komiker Ben Stiller gespielte Greenberg in dem Film gleichen Titels, der aus seinem von ihm selbst gesponnenen Kokon nicht ausbrechen kann. Hochsymbolisch hat Koji Wakamatu den Krieg in seinem „Caterpillar“ verarbeitet: Da kommt ein Soldat 1940 aus dem Krieg heim – als menschlicher Torso, dem die Extremitäten amputiert werden mussten. Von den anderen als Kriegsheld verehrt, erfüllt auch seine Frau ihm gegenüber ihre patriotische Pflicht: sie pflegt und füttert ihn nicht nur, sondern schläft auch mit ihm. Schon schnell stellt sich heraus, dass er sie schon vor dem Krieg geschlagen hat und im Krieg an einer Vergewaltigung beteiligt war. Wie auf einer Theaterbühne sind die Szenen im Haus der Bühne inszeniert, und ähnlich schlicht ist auch die Message dieses Films.

Ohne eine solche Eindimensionalität kam auch „Zeit des Zorns“, der neue Film des Iraners Rafi Pitts, nicht aus, der am Dienstag im Wettbewerb lief. Vor kurzem wurde Ali aus dem Gefängnis entlassen – wofür er einsaß, wird im Lauf  des Films nie enthüllt. Er ist gezwungen, nachts als Wachmann zu arbeiten, so dass er seine Frau und seine kleine Tochter kaum sehen kann. Als sie eines Tages verschwunden sind, geht er zur Polizei und muss in einem demütigenden Gespräch mit einem Beamten erfahren, dass seine Frau und sein Kind in einer Schießerei mit Demonstranten getötet wurden. Ali, dessen Hobby die Jagd war, fährt mit seinem Gewehr an einen Highway am Rande Teherans und schießt auf einen Polizeiwagen, aus Rache, aber auch aus Zorn und Trauer über seinen Verlust. Nach einer Verfolgungsjagd wird er von zwei Polizisten in einem abgelegenen Waldstück festgenommen. Die drei verlaufen sich in einem endlosen Wald, und es wird klar, dass die Polizisten untereinander große Konflikte haben. Pitts hat zur Zeit der letzten Präsidentschaftswahlen gedreht. Er hat die Stadt Teheran wie einen Dschungel aus Beton und Highways inszeniert und den Wald als einen Ort der Einsamkeit. Von den ersten Minuten an liegt ein Gefühl der Verlorenheit überdeutlich über diesem Film. Und dass damit eine Gesellschaft in Agonie und unter Druck gemeint ist, schaut aus jedem Bild heraus.

In gewisser Weise vorhersehbar ist auch „Honig“ des türkischen Regisseurs Semih Kapanoglu: Er beginnt mit seinem Ende, dem Tod eines Mannes, der in einem Wald einen Bienenkorb auf einem Baum installieren will. Es ist Yakup, der Vater des sechsjährigen Yusuf, der gerade in die Schule gekommen ist und dort Lesen und Schreiben lernt. Die Familie lebt in einem Haus in einem Bergwald, die Mutter kümmert sich um Teepflanzen, der Vater betreibt Bienenzucht. „Honig“ ist ein stiller, konzentrierter, langsam erzählter Film, dessen Handlung sich in wenigen Worten zusammenfassen lässt: Als der Honig ausbleibt, weicht Yakup in ein weit entferntes Waldstück aus, um dort seine Bienenkörbe aufzustellen. Als er nicht zurückkommt, beginnt eine Zeit des Wartens und des Suchens. Es gibt nicht viele Dialoge in diesem Film, und als Yakup seinen Sohn einmal barsch anfährt und dann verschwindet, stellt der Kleine das Reden ein. Doch der Film beeindruckt gerade durch seine Wortlosigkeit und Sparsamkeit, mit der er die Vater/Sohn-Beziehung schildert. Faszinierend sind auch die Szenen in der Schule, in der Yusuf Schwierigkeiten mit dem Fortkommen und dem Vorlesen hat.  Die Kamera klammert sich förmlich an das Gesicht des stotternden Jungen, in dem Verzweiflung und Ratlosigkeit geschrieben stehen.

 

 


 

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