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Spurensuche am Rand der Zivilisation – Höhepunkte der Berlinale-Sektionen Forum und Panorama Von Silvia Hallensleben
Nicht nur bei der 60. berlinale, auch beim Internationalen Forum des Jungen Films innerhalb des heute beginnenden Festivals herrscht dieses Jahr Jubiläumsstimmung: 40 Jahre sind es, seit die Freunde der Deutschen Kinemathek offiziell ihre eigene Sektion erhielten. Der Geburtstag wurde im Juli schon gefeiert. „Dialoge mit Filmen – Vier Jahrzehnte Forum“ gab zwölf Filmemachern Gelegenheit, ihre persönlichen Lieblingsfilme im Kino zu präsentieren und wird während der berlinale wiederholt. Ein Höhepunkt dürften mit „My Childhood“ und „My Ain Folk“ (1972/73) zwei Filme einer Trilogie sein, in der der britische Regisseur Bill Douglas seine Kindheit in einem schottischen Bergarbeiterdorf heraufbeschwört. Mit Sabu, Angela Schanelec und Sharon Lockhart sind gleich drei der Jubiläumskuratoren auch im aktuellen Programm vertreten. Schanelec nutzt in „Orly“ den Betrieb eines Großflughafens als quasi-dokumentarisches Bühnenbild für vier aus der Distanz beobachtete Minidramen. Der japanische Regiepunk Sabu (Hiroyuki Tanaka) adaptiert in „Kanikosen“ einen kommunistischen Agitprop-Roman von 1929, der 2008 in Japan ein erstaunliches Revival in der Manga-Version hinlegte: Im düsteren Bauch einer schwimmenden Fischfabrik inszeniert Sabu unter dem Knarren monströser Zahnräder eine Revolte, die eindeutig auf heutige Arbeitsverhältnisse und -zwänge gemünzt ist. Sharon Lockhart lässt ihre Kamera 99 Minuten im Wattenschlick stehen und beobachtet einen Muschelsammler, der bei Tagesanbruch seiner Arbeit nachgeht („Double Tide“). „Kanikosen“ und „Double Tide“ sind charakteristisch für das diesjährige Forumsprogramm, zeugen von einer Aufmerksamkeitsverschiebung: vom Niedergang der großen Industrien zu Überlebenskämpfen an den Rändern der Zivilisationen und Kulturen. Da passt es ins Bild, dass zwei der Filme auch sprachlich Neuland betreten, in “Crossing the Mountain” (Yang Rui, China) und in “The Man Beyond the Bridge” (Laxmikant Shetgaonkar, Indien) werden Wa und das südindische Konkani gesprochen. Insgesamt sind neben Japan auch Südkorea und Taiwan wieder stark vertreten. Das Forum hat zudem einen Trend zur eigenwilligen Anwendung klassischer Elemente des Gangsterdramas angekündigt. Der lässt sich an den deutschen Beiträgen beobachten, in Thomas Arslans „Im Schatten“ und in Dominik Grafs TV-produzierter Miniserie „Im Angesicht des Verbrechens“ um einen russischstämmigen Berliner Polizisten, die „Spannung, Authentizität, Gewalt, Liebe, Lebensfreude, Musik und Action“ verspricht. Als „lebendiger Einblick in das Weltkino-Schaffen zur Zeit der Krise“ versteht sich das Panorama-Programm. Die Programmpolitik ist traditionell stärker am Markt orientiert als beim Forum und eher an inhaltlichem Gewicht denn an formal-künstlerischer Finesse. Ein Feuerwerk an Ideen hält „Sex & Drugs & Rock & Roll“ von Mat Whitecross bereit, ein Porträt des legendären Ur-Punkers Ian Dury. In eine Wunderwelt entführt „Kosmos“ von Reha Erdem: eine mystisch aufgeladene türkische Kleinstadtgeschichte vom Auftauchen eines geheimnisvollen kleinkriminellen Wunderheilers, die das Breitwandformat zu atmosphärisch aufgeladenen Ortsansichten zu nutzen versteht. Faszinierend, wenn auch reichlich plakativ, kommt João Daniel Tikhomiroffs „Besouro“ daher. Daniel nutzt chinesische Martial-Arts-Traditionen, um vom Erwachen schwarzen Selbstbewusstseins in den 1920er Jahren zu erzählen. Ein Drittel des Panorama-Programms wird von Dokumentarfilmen bestritten, darunter wie üblich viele Porträts so unterschiedlicher Personen wie Fritz Bauer, Candy Darling und Daniel Schmid.
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