Ein Jahrzehnt im Ausnahmezustand

– Das 6. Internationale Festival des deutschen Film-Erbes Hamburg zeigt Filme aus den vierziger Jahren
"Razzia"
© cinefest Hamburg

Unter dem Motto „das Grundthema bleibt, der Focus ändert sich“ widmet sich das von CineGraph und Bundesarchiv-Filmarchiv veranstaltete cinefest vom 14.-22.11. der Filmproduktion der vierziger Jahre. Während sich das Festival im Vorjahr mit der propagandistischen Indienstnahme des Film beschäftigte, konzentriert es sich dieses Jahr ganz auf die Reaktion von Filmemachern in Europa auf Krieg und die unmittelbare Nachkriegszeit. Die Auswahl der Filme lassen dabei mehrere Interessensschwerpunkte zu: Wie haben Filmregisseure in verschiedenen europäischen Ländern auf das Chaos um sie herum reagiert? Welche künstlerischen Lösungen fanden sie, um die humane und kulturelle Katastrophe zu bewältigen? Griffen sie dabei auf bewährte Stilmittel zurück, nahmen sie ältere Traditionen wieder auf oder entwickelten sie neue filmästhetische Strategien?

Die Erfahrung des Krieges sowie Zerstörung und Chaos der Nachkriegszeit stehen im Mittelpunkt der so genannten „Trümmerfilme“, die auch stilistisch neue Wege gingen. Zu den prominentesten Vertretern dieses „Genres“ gehört sicher Helmut Käütner, dessen „In jenen Tagen“ in lockerer episodischer Erzählweise ein Panorama menschlichen Verhaltens im „Dritten Reich“ darstellt. Rudolf Jugerts „Film ohne Titel“ (an dem Käutner als  Ko-Autor mitwirkte) ist eine kluge Auseinandersetzung über die Wirren von Krieg und Nachkrieg, der die Frage nach der Liebe in diesen schwierigen Zeiten  stellt und auf ironische Weise über das Filmemachen nach der „Stunde Null“ reflektiert, während Liebeneiners Heimkehrer-Drama „Liebe 47“ mittels expressionistischer Bildsprache und surrealistischen Traumsequenzen auf die Zeit Bezug nimmt.

Neben den „Trümmerfilmen“ gab es eine Reihe von Filmen, die sich der Themen Antisemitismus und Holocaust annahmen. In einem semidokumentarischen Stil schildern Herbert B. Fredersdorf und Marek Goldstein das Schicksal der Juden in „Lang ist der Weg“, während G.W. Pabst in dem Historienfilm „Der Prozess“ einen angeblichen Ritualmord behandelt.

Auch Filmemacher der von den Nazis okkupierten Länder beschäftigten sich intensiv mit den Lebensverhältnissen unter der Besatzung, zeigten den Widerstand der Bevölkerung und setzten sich kritisch mit dem Thema der Kollaboration auseinander. Das Festival zeigt in diesem Zusammenhang Jean Pierre Melvilles psychologisches Kammerspiel „Le Silence de la Mere“ und René Cléments dokumentarisches Résistence-Drama „La Bataille du Rail“. Britische Produktionen aus der Zeit sind u.a. Michael Powells und Emeric Pressburgers „The Life and the Death of Colonel Blimp“ sowie Carol Reeds „The Way Ahead“; als Sondervorführung läuft Stuart Coopers Doku-Drama „Overlord“ aus den siebziger Jahren.

WF  

 

 

 

 


 


 


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