In eigener Sache

Es passiert immer etwas im deutschen Film … Und von diesem Ereignisreichtum können Sie sich nun als Leser unseres Sonderhefts auch überzeugen.

Seit 2005 veranstaltet epd Film zusammen mit dem Deutschen Filmmuseum Frankfurt unter dem Titel »Was tut sich – im deutschen Film?« eine Gesprächsreihe, in der deutsche Regisseure ihre aktuellen Filme vorstellen. 2007 wurden diese Gespräche zum ersten Mal in einem Sonderheft versammelt, nun erscheint eine zweite Ausgabe mit 21 neuen Beiträgen, quer durch die Generationen und Genres. Bestellen Sie!

 

 

Good Vibrations
Marcus H. Rosenmüller
Die Wurzeln eines Regisseurs spielen immer eine Rolle, aber bei mir ist die geografische Heimat nicht der Hauptaspekt. Es sind andere Dinge, die ich Heimat nenne. Ich habe von Helmut Käutner als Vorbild gesprochen, der aus dem Kabarett gekommen ist. Bei vielen seiner Filme hat er eine ganz besondere Menschenliebe und einen gewissen Schwank eingebaut. Das ist es im Kern, was ich versuche und was ich mir bei meinen Filmen wünsche: die Menschen aus dem Kino mit einem guten Gefühl zu ent­lassen.

 

Aber wirklich...
André Erkau
Die Realität ist eine feine Sache, von der ich mich gerne inspirieren lasse, aber im Zweifelsfall entscheide ich mich doch für die gefühlte ­Re­alität.

 

 

Kino für alle
Johannes Schmid
Ich schaue nicht, wie ich etwas ästhetisch speziell für Kinder erzähle. Blöde Mütze! ist natürlich ein Film für Kinder, aber ich bin nun mal kein Kind, insofern erzähle ich auch für Erwachsene. Das fasziniert mich auch besonders am Kinderfilm: Die Zielgruppe ist unendlich groß, weil nun mal jeder auch auf die Erfahrungen seiner Kindheit zurückgreifen kann. Insofern wirkt die Genrebezeichnung »Kinderfilm« immer einschränkend. Kino soll zu generationsübergreifender Kommunikation führen.

 

Erhellen & unterhalten
Dennis Gansel
Ich will Filme machen, die einen inte­ressanten Inhalt haben, aber auch so gut erzählt sind, dass man sie sich anschauen will. Daher bin ich ein sehr großer Fan des amerikanischen Kinos der 70er Jahre, ob das jetzt Apocalypse Now oder Der Pate ist. Diese Erzählkultur haben wir in Deutschland auch, und jetzt kommt eine neue Generation von den Filmschulen, die eben versucht, das Erzählkino aus Deutschland mit politischen Inhalten zu beleben. Das ist momentan eine extrem spannende Zeit. Die Welt schaut auf deutsche Filme.

 

Alles auf Lola
Tom Tykwer
Ich werde noch mit 80 Jahren über Lola rennt reden müssen. Dieser Film hat für die Erwartungshaltung gesorgt, dass ich zwar kommerziell arbeite, aber trotzdem etwas Neues, Anderes mache – auch wenn kom­mer­zieller Erfolg nicht ­planbar ist. Denn wieso manche Filme er­folgreicher sind als andere, habe ich bis heute nicht ­kapiert. Ich halte das für ein ziemliches ­Roulette.

 

Der Unvollendete
Sebastian Schipper
Jemand hat mal gesagt, man sehne sich immer danach, ein großer Filmemacher zu sein. Aber erstens wird man das nie. Zweitens ist das eine Position, die sehr seltsam sein kann. Ich liebe die Filme, die ich gedreht habe, wirklich. Aber ich weiß auch, dass ich den Film, den ich eigentlich meine, noch nicht gemacht habe. Auf der einen Seite hat das etwas Verzweifeltes, aber es hat auch etwas sehr Aufgeladenes. Ich weiß nämlich gar nicht, was ich tun würde, wenn mir das irgendwann gelungen sein sollte.

 

Moving Moments
Andres Veiel
Mein Wunsch als Filmemacher ist, etwas begreifbar oder erfahrbar zu machen. Das hat auch etwas Körperliches. Wenn in der Arbeit mit einem Schauspieler oder Protagonisten etwas entsteht, das mich überrascht, ich plötzlich einen Gedanken denke, den ich ­vielleicht noch nie so gedacht habe, und ich etwas spüre, das ich so noch nicht gespürt ­habe – in genau dem Moment reagiert auch der Körper. Der Augenblick, wo etwas Resonanzraum erfährt und ihn öffnet, das sind die Glücksmomente der Arbeit, die immer wieder auftreten – auch zu einem schrecklichen Thema.

 

Wir und die
Romuald Karmakar
Das binäre System, bestehend aus Wir- und Sie-Gruppe, ist stets ein Bestandteil von radikalen Bewegungen. Für mich war bei den Hamburger Lektionen interessant zu sehen, inwieweit es Anknüpfungspunkte in unserer Geschichte gibt. Und dieser Text ist Teil unserer Geschichte. Dazu gehört auch der Absolutheitsanspruch, die Selbstermächtigung. Und das Definieren einer Gruppe, die sich über ihr Eliteverständnis als eine Gemeinschaft sieht, und über diese Gemeinschaft Dinge tut, die andere nicht ­machen. Diese wesentlichen Elemente sind etwas Außer-Islamisches, wo man sich wiedererkennt.

 

Der gefundene Film
Volker Koepp
Ich mache immer Filme über Leute, die ich selbst mag, die mich interessieren, und ich versuche nie, jemanden zu öffnen oder zu »knacken«, wie man so schön sagt. Manchmal fahren wir einfach los, halten irgendwo, parken auf einer Kreuzung, stellen die Kamera auf und warten. Warten, was passiert. Und es passiert fast immer etwas.

 

Planet Berlin
Michael Schorr
Nach Berlin zu gehen, ergibt sich irgendwie von selbst. Berlin ist als Stadt generell reizvoll, vielleicht auch wegen des Ost-Themas. Und Berlin ist natürlich so eine Independent-Stadt, was Film, aber auch was Musik und Malerei betrifft. Es passiert einfach viel auf einem relativ unabhängigen, noch nicht so eingefahrenen Niveau. Das alles macht die Verlockung wohl aus. Es ist tatsächlich so eine Art Planetarium.

 

Kunst & Zeit
Helma Sanders-Brahms
Der Film ist eine wunderbare Kunst, die dem Komponieren sehr nah ist. Musik und Film sind so verwandt, weil auch Musik in der Zeit stattfindet. Sie können ein Musikstück nur genießen, wenn Sie es von Anfang bis Ende hören. Einen Film kann man auch nur in der Zeit genießen. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass diese Kunst, die ich da ausübe, eine tiefe Verwandtschaft zur Musik hat und dass ich einmal einen Film machen wollte, der diese Verwandtschaft auf die Spitze treibt.

 

Primetime
Werner Schroeter
Wenn ich an Filmbilder denke in dem Zusammenhang mit meinem eigenen langen Film- und Theaterarbeiten, fällt mir immer Die Passion der Jeanne d’Arc von Dreyer ein. Ich habe ihn ein einziges Mal 1961 im Fernsehen gesehen, es gab damals ja nur die ARD, da lief er um 20.30 Uhr, ein Film ohne Ton. Stellen Sie sich das vor! Dieses Wahrnehmen eines Kulturauftrags seitens des Fernsehens! Diesen Stummfilm, dieses Meisterwerk von Dreyer, um 20.30 Uhr zwei Stunden lang zu zeigen – undenkbar heute.

 

Lust for Life
Oskar Roehler
Ich war immer fasziniert von Filmen, die so etwas wie einen Schrei nach Leben ausdrücken, James-Dean-Filme, die Jugendrebellion in den 50ern, auch Scorsese. Filme in den 70ern waren sehr lebendig , die waren sehr vital und sehr energetisch. Fritz Lang fand ich eher abstrakt, dadurch irgendwie ein ­bis­schen hölzern und auch von so einer Todessehn­sucht geprägt. Selbst wenn ich die tief in mir habe, wie wir alle vielleicht, und das bei Opern auch schätze, mag ich es bei meinen Lieblingsfilmen nicht. Ich möchte da Leben spüren, merken, dass Leute ausbrechen und Abenteuer erleben wollen, Sehnsüchte haben.

 

Kommissar & Kamera
Peter Fleischmann
Als ich einen Kommissar gespielt habe, habe ich gedacht: Es ist doch erstaunlich, was Regisseure und Kommissare gemein haben. Beide sind darauf geeicht, Leute anzuschauen und zu beobachten. Es gibt immer Menschen, die beobachten und andere, die beobachtet werden.

 

 

Die Fernsehfalle
Hans Weingartner
Ich musste meinen Fernseher abschaffen, weil ich suchtgefährdet war. Ich hatte zu viele Tage, wo ich mich abends gestresst, fertig und genervt vor die Glotze gesetzt und stundenlang rumgezappt, also Fernsehen als Droge missbraucht habe. Das ist, glaube ich, heutzutage die Haupt­gebrauchsform von Fern­sehen. Eigentlich müsste Fernsehen unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.

 

Das Sonderheft
Das Heft zur Reihe erscheint Ende Oktober und enthält ausführliche Gespräche mit 21 Regisseurinnen und Regisseuren.
epd Film/Deutsches Filminstitut – DIF: Was tut sich – im deutschen Film?. Werkstatt­gespräche. Frankfurt am Main 2009, ill., 68 Seiten, 5,90 €.

Bestellungen: Evangelischer Pressedienst, epd Film, Postfach 50 05 50, 60394 oder telefonisch 069/58 098 191 


 


 


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