Kelly Reichardt – Ein kleines Porträt zum Start ihres Films „Wendy and Lucy“



Von Kai Mihm

Kelly Reichardt
© Peripher

Geboren 1964 in Miami, Florida

Filme, amerikanische Filme zumal, werden immer länger. Und immer geschwätziger. Jede Wendung, so scheint es, muss erklärt und beschrieben werden. Nicht zuletzt in dieser Hinsicht vollziehen die Arbeiten von Kelly Rei­chardt eine Gegenbewegung. Ihre bislang drei Langfilme dauern gerade mal 75 bis 80 Minuten und sind von einer zunächst irritierenden Reduziertheit an Figuren, Dialogen, Orten und überhaupt dem, was man eine konventionelle Handlung nennen würde. Speziell Old Joy und ihr aktueller Film Wendy and Lucy, beide nach Kurzgeschichten des Oregon-Autors Jon Raymond, haben keine »Geschichte«, aber ein Thema: In seiner Wort- und Ereignislosigkeit erzählt Old Joy vom Ende einer Freundschaft und von der Befindlichkeit einer politischen und gesellschaftlichen Klasse im Post-9/11-Amerika; Wendy and Lucy, inspiriert vom italienischen Neorealismus, geht an den Rand des sozialen Gefüges und beobachtet eine junge, mittellose Frau, die auf ihrer Reise nach Alaska mit ihrer Hündin Lucy (die bereits in Old Joy auftaucht) in einem Kaff in Oregon strandet und zusehends ihr Erspartes, ihre Perspektive und jede Hoffnung zu verlieren droht. »Die Idee dazu kam kurz nach Hurricane Katrina«, sagte Reichardt kürzlich in einem Gespräch mit Gus Van Sant, »Jon und ich dachten darüber nach, wie es ist, kein Netz zu haben und ohne jede Hilfe einen Weg aus der Not zu finden.«

Kelly Reichardt hat in Massachusetts Kunst studiert und anschließend in kleinen Positionen an Filmen von Hal Hartley und Todd Haynes mitgearbeitet. Für ihr Debüt River of Grass kehrte sie 1994 in ihren Heimatstaat Florida zurück. Das schwarzhumorige Low-Budget-Drama handelt von einer gelangweilten Hausfrau, die mit einem Zufallsbekannten in die Everglades flüchtet, weil sie glaubt, einen Mann erschossen zu haben. Wie auch Reichardts spätere Langfilme erzählt River of Grass von einer räumlichen Bewegung bei einem gleichzeitigen persönlichen Stillstand. Ihre Filme sind nicht ohne Poesie und Schönheit, aber der Freiheitsmythos des amerikanischen Kinos wird bei Reichardt auf bittere Weise konterkariert. Die urwüchsige Natur in River of Grass und Old Joy erscheint ähnlich beengend und ausweglos wie das urbane Niemandsland in Wendy and Lucy. »Merkwürdigerweise sehen manche Menschen am Ende meiner Filme einen Hoffnungsschimmer«, so Reichardt zu Van Sant, »ich sehe da nicht viel Hoffnung. Die Filme entstanden noch zu wenig optimistischen Zeiten. Das war, bevor die Hoffnung nach Amerika zurückkehrte.«

River of Grass, Old Joy und Wendy & Lucy gibt es als US-/UK-­Import auf DVD (Fox Lorber, Soda Pop Pictures). Wendy and Lucy startet am 22.10.

siehe auch Kritik "Wendy and Lucy"


 


 


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