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Goldener Löwe für israelischen Antikriegsfilm Fatih Akin gewinnt bei Filmfestspielen in Venedig mit "Soul Kitchen" Jury-Spezialpreis Von Barbara Schweizerhof (epd)
Venedig (epd). Mit der Verleihung des Goldenen Löwen an das israelische Antikriegsdrama "Lebanon" von Samuel Maoz gingen am Samstagabend die Filmfestspiele von Venedig zu Ende. Der Film versteht sich als vehementes Antikriegsplädoyer und zeigt den Einmarsch der israelischen Armee 1982 ins Nachbarland Libanon aus der Perspektive einer Panzerbesatzung. Für die eingeschlossenen Soldaten erweist sich der Krieg als traumatische Erfahrung des Orientierungs- und Kontrollverlusts. Für den Zuschauer macht der Film dies als klaustrophisches Erlebnis nachvollziehbar, indem er ausschließlich das eingeschränkte Sichtfeld der Soldaten abbildet und realistisch deren Hilflosigkeit und Angst zeigt. Auch bei der Vergabe des Silbernen Löwen für die beste Regie unterstützte die Jury unter Vorsitz des taiwanesischen Regisseurs Ang Lee ("Tiger and Dragon") eine Art Plädoyer: Die im Iran geborene Fotografin Shirin Neshat erzählt in ihrem Frauendrama "Women without Men" von vier weiblichen Schicksalen im Teheran des Jahres 1953. Vor dem Hintergrund des damaligen Sturzes von Ministerpräsident Mossadegh zeigt der Film, wie sich in den damaligen gesellschaftlichen Veränderungen bereits die Vorboten der islamischen Revolution Jahrzehnte später erkennen lassen. In Ausstattung und Farbgebung bringt Neshat atmosphärisch genau die Epoche auf die Leinwand und sendet einen Appell für die Gleichberechtigung der Frauen im Islam aus. Als wollte sie einen Gegenakzent zu diesen mehr politischen Filmen setzten, vergab die Jury ihren Spezialpreis an den deutschen Regisseur Fatih Akin und seine Komödie aus dem Hamburger Szenemilieu "Soul Kitchen". Am vorletzten Tag der "Mostra" präsentiert, avancierte der Film binnen kurzem zum absoluten Publikumsfavoriten des Festivals. Im Heimatland der "commedia all'italiana" traf Akins vor keinem Klamauk zurückschreckende Komödie um den vom Pech verfolgten Restaurantbesitzer Zinos, einem Hamburger mit griechischem Migrationshintergrund, punktgenau den Sinn für Humor. Jenseits von Politik oder Humorverständnis belegen die genannten Auszeichnungen eine starke Konjunktur des deutschen Kinos: Bei allen drei Filmen zeichnet Deutschland als Produktionsland ("Soul Kitchen") oder ist als Koproduktionspartner ("Women without Men" und "Lebanon") beteiligt. Insgesamt wurde die Preisvergabe in diesem Jahr mit verhaltenen Reaktionen aufgenommen. Den zweifellos heftigsten Applaus erhielt Colin Firth, der für seine Rolle in "A Single Man" die begehrte "Coppa Volpi" bekam. Im Regiedebüt des bekannten Modemachers Tom Ford spielt er einen zum Selbstmord entschlossenen Homosexuellen, der den Schmerz über den Verlust seines Lebenspartners nicht verwinden kann. In fließendem Italienisch dankte Firth nicht nur der Jury, sondern dem ganzen Land und seinen Leuten, das ihm so viel gegeben habe. Auf weniger Gegenliebe stieß die Entscheidung bei der besten weiblichen Darstellerin, spielte die russisch-italienische Schauspielerin Kseniya Rappoport nach Auffassung vieler doch in einem der schlechteren Filme des Programms: im italienischen Thriller "La Doppia Ora". Gleich drei als sichere Favoriten auf einen Löwen geltende Filme sind damit leer ausgegangen. Michael Moore hatte mit seinem "Capitalism - A Love Story" zwar das Publikum von den Sitzen gerissen, aber offensichtlich nicht die Jury. Werner Herzog, als erster Regisseur in der Geschichte des Festivals gleich mit zwei Filmen vertreten, war mit seinem "Bad Lieutenant" wärmstes aufgenommen worden, musste dann aber erleben, wie das Interesse an ihm nach dem schwächeren zweiten Film sehr nachließ. Der erklärte Liebling der Kritik aber war die in Wien geborene Jessica Hausner. Ihr sehr zurückhaltender Film "Lourdes" zeigt eine Gruppe Kranker auf Pilgerreise, in der es zu einer Wunderheilung kommt. Die französische Schauspielerin Sylvie Testud brilliert darin als junge Frau, die sich plötzlich wieder aus ihrem Rollstuhl erheben kann. In der Bilanz zeigte sich das Wettbewerbsprogramm in diesem Jahr zwar in der Summe stärker als im vergangenen, doch insgesamt als sehr durchwachsene Mischung. Einerseits gab es aktuelle Politbeiträge wie der von Moore, andererseits einen Überhang an Genre-Ware wie George Romeros "Survival Of The Dead". Dazwischen verloren sich die Werke von bewährten Regiemeistern wie Jacques Rivette, Patrice Chéreau und Claire Denis, die allesamt ihr Publikum eher enttäuschten. An der unglücklichen Mischung lag es vielleicht, dass die Jury einen der schönsten Film der Auswahl übergangen hat: In Brillante Mendozas "Lola" geht es um zwei Großmütter, die einen heiklen Ausgleich finden müssen: der Enkel der einen hat den der anderen umgebracht. Voller Respekt enthüllt der Film, wie es aussieht, wenn Gewalt einmal nicht mit Gewalt beantwortet wird. Ihre jeweilige Notlage zwingt die in bitterer Armut lebenden Großmütter dazu, eine Lösung zu finden, die das Weiterleben ermöglicht. Am Ende hat man den Eindruck: diese Greisinnen könnten jeden Krieg verhindern – vielleicht sogar den Nahostkonflikt lösen. epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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