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Der Barmherzige Dass die Geschichten des Kinos so manche Geschichte der Bibel neu erzählt und interpretiert haben, liegt auf der Hand. Auch wenn man es vielleicht nicht auf den ersten Blick sieht wie in Eastwoods "Gran Torino" Von Petra Bahr
Wenn Jesus heute lebte, hätte er Filme gedreht. Gekonnt entwirft er Szenen und Bilder, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Seine Gleichnisse sind die heimlichen Drehbücher der Filmemacher, seit es Kinematographen gibt. Es hat sich vermutlich niemand die Mühe gemacht, all die verlorenen Töchter und Söhne, all die barmherzigen Samariter der Filmgeschichte zu sammeln und als audiovisuellen Kommentar zur Bibel zu archivieren. Das muss auch gar nicht sein. Die biblischen Geschichten haben sich in den großen und kleinen Kinoproduktionen ihren eigenen Platz erobert. Das liegt an ihrer erzählerischen Kraft und an ihrer Lebensnähe, die verblüffend zeitlos ist. Wie im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Schon die Rahmenhandlung, die der Gleichniserzählung vorausgeht, hat das Zeug zum Film. Ich stelle mir vor, wie Religionsintellektuelle der Zeit Jesus nicht ohne Hinterlist eine akademische Frage stellen, die nur zum Schein die Wucht menschlicher Existenznot zum Inhalt hat. »Wie bekomme ich ewiges Leben?« Wie bekommt mein Leben einen Sinn über die Spanne der Jahre hinaus, die ich selbst überblicke? Wie bekommt das Leben ein Ziel, für das es sich lohnt, zu hoffen, zu arbeiten und sogar zu leiden? »Sie wollen Jesus auf die Probe stellen«, notiert Lukas, der Evangelist. Jesus aber lässt sich nicht provozieren. Er nimmt die Frage auf, als sei sie ernst gemeint. So wie große Filme ziemlich abgehobenen Fragen eine zutiefst ergreifende Ernsthaftigkeit verleihen, die dem Glamour von Quote und Business immer wieder trotzen. Wir sollten die Kino-Kommentare und Neuerzählungen biblischer Gesichten ernst nehmen. Schon allein deshalb, weil die bekanntesten Geschichten des Abendlandes – und das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter gehört dazu – in den Händen von Pfarrern und Theologen oft genug zum Klischee verkommen. Wer verbindet mit dem Stichwort des Samariters nicht den hingebungsvollen Krankenpfleger? Clint Eastwoods neuer Film, der nach eigenem Bekunden so etwas wie ein Vermächtnis sein soll, gibt dem alten Gleichnis eine neue Pointe. Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte, und deinen Nächsten wie dich selbst! Der Menschenhasser Kowalski im Film Gran Torino ist kein Anwärter auf den Samariterorden. Im Gegenteil. Statt Gott zu lieben, verspottet er den Pfarrer und flucht, was das Zeug hält. Ein zynischer Korea-Veteran, der ein innigeres Verhältnis zu Waffen und zu seinem Ford Torino, Baujahr 1972, als zu seinen Mitmenschen hat. Clint Eastwood gibt dem weißen Mittelklasserassisten sein faltiges Gesicht. Seine Träume liegen in der Vergangenheit. Die asiatischen Migranten, die in seiner Nachbarschaft einziehen, sind für Kowalski Schlitzaugen und Lumpengesindel. Er bellt, er schreit, er wütet. Ja, das ist der harte Typ, der Filmgeschichte geschrieben hat. »Erbarmungslos« ist das Attribut, das sich mit ihm verbindet. Wie der berühmte Film mit dem gleichen Titel und Eastwood in der Hauptrolle. Die Umgebung ähnelt allerdings der Wüste aus dem biblischen Gleichnis sehr. Verlassene Straßen und verwahrloste Vororte der Autogeisterstadt Detroit zeigen eine deprimierende Ödnis. Banden terrorisieren die Gegend. Als die Hmong-Familie angegriffen wird, erwacht in dem Misanthropen und Zyniker allmählich so etwas wie Zärtlichkeit. Allmählich zeigt sie sich in winzigen Bewegungen, die Clint Eastwood dem fiesen Kowalski ins Angesicht schreibt. Ein Blähen der Nasenflügel, das Zucken eines Augenlids im rechten Moment werden so zu äußeren Zeichen einer inneren Verwandlung. Allmählich kommen sich die Tochter der Nachbarsfamilie und er näher. Ruppig und humorvoll sind diese Szenen. Wachsende Zuneigung wider willen kann auch ganz ohne Pathos auskommen. Sie stellt sich allmählich ein und macht die Züge weicher. Als das Mädchen in Gefahr gerät, wechselt er die zynische Haltung des Beobachters gegen die Haltung dessen, der ihr Verteidiger wird. Die Barmherzigkeit mit der Bedrohten kostet ihn zum Schluss sogar das Leben, als das Mädchen vergewaltigt wird. Interessant an dieser Samaritergeschichte ist in meinen Augen jedoch die Verwandlung des Walt Kowalski. In der Zuwendung bricht die harte Schale seiner Einsamkeit. Seine Nächsten lieben hat offenbar auch Konsequenzen für den Umgang mit sich selbst. Dafür braucht es keine Bekenntisse. Die Zuschauer entdecken im harten Kerl ein erbarmendes Herz, ohne das Walt es vor der Kamera selbst je zugeben würde. Er hätte sich vermutlich geschüttelt, hätte der Pfarrer in ihm den barmherzigen Samariter entdeckt. Das Kinopublikum aber entdeckt plötzlich, dass ihm diese Rolle auf den Leib geschrieben ist. Dieses Moment der Überraschung ist schon im Gleichnis selbst angelegt. Der Samariter war zu Jesu Zeiten nicht das, was wir heute in ihm sehen. Er war ein Fremder, ein Ausgegrenzter, einer, mit dem man als frommer Mensch lieber keinen Umgang hatte. Wir entdecken in Walt Kowalski hoffentlich nicht nur, wie in der Filmkritik geschehen, eine Parabel auf das zynische Amerika, das dabei ist, sein Herz für die Welt neu zu entdecken. Man mag im letzten Film von Eastwood auch eine politische Parabel lesen, ergreifend ist für mich eher die Einsicht in einen Menschen, für den weder seine Umwelt noch er selbst die Rolle als barmherziger Samariter vorgesehen hatte. Walt Kowalski, der Menschenhasser, der sich niemals auf einem Kirchentag zeigen würde, lässt sich im rechten Moment anrühren. Über die Gründe für die Verwandlung kann man nur rätseln. Ist die brutale Verachtung nur die Haltung eines an der Seele Verletzten? Wandelt sich ein tief sitzendes Schuldgefühl des Veteranen in Reue? Oder ist schlicht der richtige Mensch kommen, in diesem Falle die burschikose und schlagfertige Sue, die sich für die Vorgeschichte des Menschenhassers einfach nicht interessiert? Der Film eröffnet den Zuschauerinnen und Zuschauern ihre eigene Interpretation. Die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz hat sich für Walt Kowalski überraschend erfüllt. Als modernes Gleichnis vom Barmherzigen Samariter gehört der Film von Clint Eastwood auf jeden Fall zur Cinemathek biblischer Auslegungen, die gleich neben der theologischen Bibliothek der Kommentare eingerichtet werden müsste.
Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk.10,25-37): Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: »Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?« Jesus aber sprach zu ihm: »Wie stehet im Gesetz geschrieben? Wie liesest du?« Er antwortete und sprach: »Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte, und deinen Nächsten wie dich selbst!« Er aber sprach zu ihm: »Du hast recht geantwortet; tue das, so wirst du leben!« Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: »Wer ist denn mein Nächster?« Da antwortete Jesus und sprach: »Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder.
Die anderen filmischen Bibelarbeiten während des Kirchentags haben Hans Werner Dannowski (über 1. Mose 3: Wissen, was gut und böse ist, am 21.5.) und Wim Wenders (über 1. Mose 16,1-16: Wo kommst du her, und wo willst du hin?, am 23.5.) übernommen.
Mensch, wo bist Du? Auf dem diesjährigen Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen vom 20.–24.Mai wird neben zahlreichen kulturellen Veranstaltungen auch ein stattliches Filmprogramm zu sehen sein. Dazu zählt der Dokumentarfilm Eisenfresser (Seite 62) genauso wie Fatih Akins Auf der anderen Seite und der Blockbuster Batman – The Dark Knight. Das Filmprogramm des Kirchentags läuft im Kino 46. siehe auch Kritik zu "Gran Torino" epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Petra Bahr 