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Vor dem Sturm In seinem ersten Jahr in Locarno hat Festivalleiter Olivier Père Zeichen gesetzt. Er zeigte innovatives Kino, das mit einem unruhigen, düsteren, verstörenden Grundton auf die aktuelle Weltlage reagiert Von Anke Sterneborg
Die europäischen Regisseure machen sich ihren eigenen Reim auf den amerikanischen Monstermutations- und Zombie-Horror: In MONSTERS und RAMMBOCK spielen der Brite Gareth Edwards und der Deutsche Marvin Kren auf unterschiedliche Weise mit den Regeln des Genres. Dem schmutzigen, blutigen Splatter ihrer mit viel Improvisationslust gedrehten Filme trotzen sie ein paar ungewohnt zärtliche Momente ab, im Liebesspiel zwischen den Monstern im einen Film und im Todessprung der Opfer im zweiten. Auf der ehrwürdigen Piazza Grande, auf einer der größten Open-Air-Leinwände Europas vor rund 8000 Zuschauern stehen diese beiden Filme für die schöne Mischung aus hartem Existentialismus und zarten Gefühlen, als Pole eines gelungenen Festivals. Mit solchen Filmen setzt der neue Programmdirektor Olivier Père ein Zeichen für das wildere, rauere, innovativere Kino, mit dem er hier antritt – ein Kino mit dem Potenzial aufzurütteln, zu provozieren, zu überraschen, aber auch zum Denken anzuregen. In Locarno geht es gar nicht um die gro-ßen Stars und Mainstreamfilme, sondern um die Entdeckungen des Gegenwartskinos und die Bewahrung des Filmerbes (in diesem Jahr unter anderem vertreten durch Alain Tanner, Jia Zhang-ke, Francesco Rosi und Ernst Lubitsch). Der von der Quinzaine des réalisateurs in Cannes kommende Olivier Père hat das Programm gestrafft und stilistisch zugespitzt. Den neuen Wind konnte man schon im Eröffnungsfilm spüren, nach dem luftigen 500 DAYS OF SUMMER im letzten Jahr setzte Benoît Jacquots AU FOND DES BOIS einen düsteren, verstörenden Grundton, mit der Geschichte eines jungen Wilden, der eine junge Frau auf mysteriöse Weise hörig macht. Isild Le Besco spielt diese junge Frau zwischen Abscheu und Anziehung und präsentierte außerdem noch ihr eigenes Regiedebüt BAS-FONDS, über drei monströs verwahrloste junge Frauen, die in einer militant aggressiven Wohngemeinschaft fressen, ficken, fernsehen und irgendwann auch töten. Wenn man die ätherisch kühle Schönheit auf dem Podium sieht, stellt sich die Frage, was sie an dieser bisweilen sinnlos provokanten Geschichte interessiert haben mag. Die Unruhe und Angst angesichts der vielfältigen Krisen der wirklichen Welt schlagen sich in vielen Filmen dieses Festivals nieder, zwischen vitalem Aufbäumen und Lethargie vibrieren sie durch alle Sektionen: In HAN JIA (WINTER VACATION) von Li Hongqi, dem überraschenden Gewinner des Goldenen Leoparden, erfassen sie eine Gruppe Teenager, die sich in einem nordchinesischen Dorf die Stunden des letzten Ferientags vertreiben. In SAÇ (HAIR) von Tayfun Pirselimo#glu breiten sie sich im einsamen Alltag eines todkranken Perückenmachers aus, der sich auf die Spuren einer rätselhaften Kundin macht, die ihm unter Tränen ihr langes Haar verkauft. In CURLING, für den Denis Coté den Regiepreis bekam, legen sie sich auf die Schneedecke in einem abgeschiedenen kanadischen Dorf, in dem ein Vater seine Tochter vom Leben abschirmt. Sie sickern in COLD WEATHER von Aaron Katz in den Alltag zielloser Slacker, die in den Sog eines möglichen Verbrechens geraten. Sie brechen aus den Helden von BELI BELI SVET hervor, die in der kargen Schönheit einer serbischen Minenstadt tragisch verstrickt sind. Und in RUBBER ergreifen sie Besitz von einem Autoreifen, der bei Quentin Dupieux zum psychopathischen Killer wird. Zu den vielschichtigsten und schönsten Filmen dieses an Entdeckungen reichen Festivals gehörte YOU ARE HERE, ein labyrinthisch wucherndes, filmisches Gedankenspiel, das an die frühen Werke von Peter Greenaway erinnert, an die besten Filme von Guy Maddin und an Thriller, die wie MEMENTO oder INCEPTION mit den Tücken der Wahrnehmung jonglieren. Schlingernd zwischen kühler Logik und absurdem Zufall mühen sich darin die Helden damit ab, dem Chaos des Alltags ordnend beizukommen: Eine Frau (Tracy Wright) legt ein Archiv aus Fundstücken an, ein junger Mann versucht durch systematische Verknüpfung von Zeichen einen chinesischen Text zu übersetzen, in einem Büro sitzen Angestellte, die Passanten durch die Straßen von Toronto leiten. Der Kanadier Daniel Cockburn bezeichnet seinen Film als Meta-Krimi, der so aussieht, »als habe Lars von Trier Hal Hartley dazu gezwungen, denselben Kurzfilm sieben Mal zu drehen, um ihn dann von Steven Soderbergh zusammenschneiden zu lassen – im Geiste von SCHIZOPOLIS, nicht von OCEAN’S ELEVEN.« Mit dieser Beschreibung trifft er nicht nur seinen Film, sondern auch das gelungene Festival recht gut.
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