Kunst und Glamour - Abschluss der 60. Filmfestspiele von Cannes Kunst und Glamour

Abschluss der 60. Filmfestspiele von Cannes

Cannes (epd). "Jedem sein eigenes Kino": Das könnte als Motto über dem diesjährigen Wettbewerb der 60. Filmfestspiele von Cannes stehen. Es wurden nicht nur verschiedene Handschriften des Autorenfilms vorgeführt. Das am Sonntagabend zu Ende gegangene Festival bewies auch Mut zum Experimentellen und schreckte selbst vor Trivialem nicht zurück. Dafür war, so ist anzunehmen, Quentin Tarantino zuständig, der mit seinem "Death Proof" eine etwas langatmige Hommage an die Low-Budget-Actionfilme der siebziger Jahre lieferte. Künstliche Kratzer und holprige Schnitte inklusive.

Man identifiziert das Festival von Cannes immer mit dem Staraufgebot auf dem roten Teppich und drumherum, und viele, wie Sharon Stone, kommen nicht, weil ein Film von ihnen hier läuft, sondern weil sie Promotionsarbeit leisten - die amerikanische Schauspielerin tut dies etwa für eine Aids-Stiftung.

Aber das ist nur das halbe Cannes. Es führt in seinem Wettbewerb und vor allem auch in den dem innovativen Kino gewidmeten Nebenreihen auch vor, wohin sich das Kino entwickeln wird. Mit "4 Monate, 3 Wochen und zwei Tage" bewies der rumänische Regisseur Cristian Mungiu ein erstaunliches Gespür dafür, wie sich gesellschaftliche Machtverhältnisse in Bilder umsetzen lassen.

Er erzählt die Geschichte einer - illegalen - Abtreibung in den letzten Jahren des Ceausescu-Regimes in statischen, ausgebleichten Bildern. Mitunter sind Juryentscheidungen faule Kompromisse - aber in diesem Fall hat die Jury unter ihrem Präsidenten Stephen Frears genau das Richtige getan und Mungiu für sein Erstlingswerk die Goldene Palme gegeben.

Im vergangenen Jahr, als zwei rumänische Filme noch in Nebenreihen liefen, hat Thierry Fremaux, der künstlerische Leiter von Cannes, von einer Renaissance des rumänischen Kinos gesprochen. Sie scheint das ganze osteuropäische Kino zu betreffen, das mit vier Filmen erstaunlich zahlreich im Wettbewerb vertreten war. Der Russe Alexander Sokurov lieferte einen etwas naiven Verständigungsfilm in Sachen Tschetschenien ab ("Alexandra"), sein Landsmann Andrej Zvjagincev eine bildmächtige, aber inhaltsarme Parabel über die Zerstörungskraft eines patriarchalen Mannes ("Izgnanie", zu dt. "Verbannung").

Den Ungarn Béla Tarr kennt man im Festivalzirkus als Regisseur überlanger, visionärer Epen. Mit seinem "The Man From London" hat er einen Roman von Georges Simenon adaptiert, aber natürlich keinen gewöhnlichen Krimi realisiert, sondern eine Verfilmung á la Tarr. Der Film beginnt mit einem minutenlangen Blick über einen Hafen von einem Kontrollturm aus, in dem ein Mann einen Mord beobachtet, der sein Leben verändern wird.

In "The Man From London" ist die Handlung nichts und der Stil alles. Tarr und sein Kameramann Fred Kelemen haben in Schwarzweiß gedreht, kontrastreich in den Nachtszenen und fahl am Tag, und ein in sich geschlossenes Universum für eine existenzialistische Parabel kreiert.

Auch "Le Scaphandre et le papillon" ("Die Taucherglocke und der Schmetterling"), der in Frankreich realisierte Film des amerikanischen Künstlers Julian Schnabel, beginnt mit einer fast quälend langen Sequenz: wie ein Mensch versucht, seine Umwelt wahrzunehmen. Lange braucht Jean-Dominique Bauby, der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift "Elle", um wieder zu sehen: Er leidet nach einem Schlaganfall an einem "Locked-in-Syndrom" und kann nur mit dem Blinken eines Augenlids kommunizieren.

Faszinierend an diesem Film ist, dass er zu großen Teilen nur aus der Innenperspektive Baubys erzählt und den Zuschauer zwingt, die Welt aus seiner Perspektive wahrzunehmen. Gleichzeitig kommt er aber überhaupt nicht Mitleid heischend daher, sondern witzig und selbstironisch. Dass Schnabel dafür den Regiepreis des Festivals gewinnen konnte, war eine weitere richtige Entscheidung der Jury in diesem gelungenen Jubiläumsjahr.

Rudolf Worschech


 


 


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