Der Informant! (Start: 5.11.)

Nicht jeder, der Gutes tut, ist auch eine ehrliche Haut: Steven Soderbergh hat die wahre Geschichte des Mark Whitacre verfilmt, der Wirtschaftsverbrechen aufklären half, während er selbst welche beging

Von Kai Mihm

Matt Damon
© Fotos: Warner

Es gehört inzwischen zu den Binsenweisheiten der Filmkritik, dass Steven Soderbergh sich mit jedem Film »neu erfindet«, sprich: stilistisch und thematisch eine radi­kale Kehrtwende zum jeweiligen Vorgängerfilm vollzieht. Zuletzt brachte er in kurzer Folge sein zweiteiliges, im Cinema-verité-Stil ge­filmtes Revolutionsepos Che in die Kinos, gefolgt von dem formal experimentellen – bei uns (noch?) nicht ins Kino gekommene – Low-Budget-Drama The Girlfriend Experience mit der »Pornoqueen« Sasha Grey in der Hauptrolle, nunmehr gefolgt von dem mainstreamigeren Der Informant!, der sich am ehesten als »satirische Komödie« oder ­besser noch als Starvehikel für Matt Damon bezeichen lässt.

Basierend auf einem realen Fall erzählt der Film die Geschichte von Mark Whitacre, einem Topmanager des mächtigen (und bis heute berüchtigten) US-Konzerns ADM, der Anfang der Neunziger das FBI über illegale Preisabsprachen seines Arbeitgebers in­formierte und in den folgenden Jahren als Informant und Undercoveragent der Behörde ­fungierte. Über Whitacres Beweggründe – immerhin war er ein Spitzenverdiener mit besten Karriereaussichten – gab es im Lauf der Jahre mehrere Versionen, die höchst ge­gensätzliche Bilder des Mannes und seiner Motive zeichnen. Für die einen ist er ein psychotischer Gauner, der von seinen eigenen Verfehlungen ablenken wollte, für die anderen ein verkannter Volksheld, der die korrupten Machenschaften des amerikanischen »Big Business« offenlegte.

Soderbergh entscheidet sich tendenziell für die erste Variante. Mark Whitacre, wie Soderbergh ihn inszeniert und Matt Damon ihn verkörpert, ist ein manisch-depressives, egomanes Schlitzohr, das sowohl seine Arbeit­geber als auch das FBI jahrelang an der Nase herumführt. Das ist sehr amüsant und unterhaltsam anzusehen, nur gehen Whitacres tatsächliche Verdienste dabei in einem Sammelsurium aus skurrilen Situationen, schrägen Charakteren und geschmacklosen Kostümen unter. Dieser Verzicht auf eine wie auch immer ausgerichtete moralische Komponente zugunsten einer Fixierung auf Oberflächenreize unterscheidet The Informant! nicht nur von thematisch vergleichbaren Filmen wie Soderberghs eigenem Erin Brockovich oder Michael Manns The Insider, sondern lässt ihn zusehends wie eine belanglose Nummern­revue wirken. Jenseits des etwas herablassenden Porträts eines traurigen Spießbürgers wissen Soderbergh und sein Drehbuchautor Scott Burns (Das Bourne Ultimatum) mit der Story nicht viel anzufangen.

Zu sehr verlassen die beiden sich auf ihren Hauptdarsteller Matt Damon, der in fast jeder Szene präsent ist. Mit Schnurrbart, Hornbrille und leichtem Übergewicht erinnert Damon an Philip Seymour Hoffman in Owning ­Mahowny, der in einem anderen Umfeld von einer ähnlich unglückseligen Verquickung von Geld, Gaunerei und psychischer Labilität erzählte. Doch anders als Hoffman ge-lingt es Damon – so gut er auch ist – nicht, aus seiner Figur eine tragische Gestalt zu machen. Wie Damon ihn spielt und Soderbergh ihn inszeniert, bleibt Whitacre bis zum traurigen Ende eine Witzfigur.

In Tonfall, Ausstattung, Musik, Figurenkabinett und Absurdität ähnelt Der Informant! einem Coen-Film, speziell Burn After Reading kommt einem beim Sehen immer wieder in den Sinn. Aber wo den Coens eine meisterhafte Farce über amerikanische Befindlichkeiten gelang, beschränkt Soderbergh sich auf zynische Gags und ein paar halbgare ­Kommentare zu Kapitalimus und Konsumgesellschaft. Die tiefste Erkenntnis des Films besteht darin, dass es nicht immer hehre Motive sind, die einen Mann zum Kämpfer für eine hehre Sache machen. Anderen Regisseuren würde man das durchgehen lassen und sich an den zwei Stunden Entertainment erfreuen, die Der Informant! einem bietet. Bei Steven ­Soderbergh weiß man indes, dass er es besser kann. Seine oft beschworene Vielseitigkeit geht diesmal nach hinten los: In seinem angestrengten Bemühen, fortwährend Neues auszuprobieren, beschäftigt er sich mit allem ein wenig, aber mit nichts mehr richtig.

The Informant
USA 2009. R: Steven Soderbergh. B: Scott Z. Burn (Romanvorlage von Kurt Eichenwald). K: Peter Andrews. Sch: Stephen Mirrione. M: Marvin Hamlisch. A: Doug Meerdink. Pg: Groundswell/Section Eight-Jaffe/Braunstein Enterprise. V: Warner. L: 108 Min. FSK: 12, ff. FBW: besonders wertvoll. Da: Matt Damon, Scott Bakula, Joel McHale, Melanie Lynskey.



Start: 5.11. (D, CH), 6.11. (A)


 


 


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