Gangster mit Ehrenkodex – Gespräch mit « PublicEnemy No1 »-Regisseur Jean-François Richet



von Frank Arnold

V.Cassel, E. Anaya, J-F. Richet, G. Depardieu
© Senator

Monsieur Richet, erinnern Sie Sich noch an Ihre erste Lektüre der Autobiografie von Jacques Mesrine?
Richet: Ich war sehr jung, das muss 1985/’86 gewesen sein. Als man mir den Film vorgeschlagen hat, hatte ich kaum noch Erinnerungen daran und musste sie erst noch einmal lesen.

Haben Sie die Figur Mesrine beim zweiten Mal anders gesehen, hat sie sich für Sie verändert?
Richet: Ja, jetzt wusste ich, dass er in diesem Buch seine Legende beschrieben hat, während ich beim ersten Lesen alles für bare Münze genommen habe.

Mit dem Buch hat er seine Legende konstruiert. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Büchern über ihn, verfasst von Leuten, die mit ihm - in den unterschiedlichsten Funktionen - zu tun hatten. Hat diese Lektüre Ihre Sicht auf Mesrine verändert – oder ist er dadurch noch mehr ein Phantom geworden, weil es so viele unterschiedliche Sichtweisen auf ihn gibt?
Richet: Sicherlich gibt es so viele Sichtweisen wie es Bücher gibt. Ich habe mich beim Lesen aber nur bestätigt gefunden: ein Gangster mit einem Ehrenkodex, der das Geld  aus dem Drogenbereich oder der Prostitution nicht anrührt - der einfach anders tickt. Ich habe sehr viele Menschen getroffen, ich habe sehr viel gelesen und dann geschaut: was ist die Schnittmenge davon? Das, was alle erzählen, wird wahrscheinlich näher an der Wirklichkeit sein als alles andere. Und das war die Grundlage meines Drehbuches.

Vincent Cassel meinte, dass Mesrine in den Banlieus heute immer noch populär ist, aber als einer, der eine ferne Ikone ist, nicht unähnlich Che Guevara, jemand, dessen Namen man kennt, ohne allzu viele Details zu wissen. Würden Sie das bestätigen?
Richet: Ja, die Leute wussten ganz grob, dass er sehr viele Banken überfallen hat, sie wussten, dass er von der Polizei auf offener Straße erschossen worden war. Sein Name war ein Symbol für Rebellion – man darf nicht vergessen, dass inzwischen 47 Jahre vergangen sind.

Ich musste, vor allem beim Sehen des zweiten Teils, öfter an einen deutschen Film denken, „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Dessen Geschehen ist in derselben Zeit angesiedelt und bei den führenden Köpfen dieser Gruppe gibt es ebenfalls eine Art Selbststilisierung. Und beide Filme erzählen die Stationen in einer Art Chronologie. Ich habe mich gefragt, wieweit die Attitüde, die Mesrine für sich konstruiert hat, auch sehr eng verknüpft ist mit den siebziger Jahren, mit dem linken Terrorismus der Zeit? Er hat sich ja auch den linken Gruppen der Zeit angenähert, Leuten wie Charlie Bauer.
Richet: Ich denke, das war nur in den siebziger Jahren möglich – auch, weil es damals eine linke Presse gab, die es heute nicht mehr gibt. Deren Unterstützung fand er, weil er gegen die Hochsicherheitstrakte angekämpft hat. Im allgemeinen Gangstermilieu war Mesrine nicht groß angesehen. Insofern weiß ich nicht, ob es eine Frage der Notwendigkeit war oder aber eine Frage des intellektuellen Reifens, des Nachdenkens, als er zur Linken tendierte. Was ich allerdings weiß, ist, dass er sich beworben hat, in einem palästinensischen Ausbildungslager aufgenommen zu werden: Da war er durchaus schon auf dem Sprung, sich mit Linksextremisten zu verbünden – aber man hat ihn abgelehnt. 1977 war er jedenfalls die populärste Figur in Frankreich, er fing immer mehr an, mit den linksradikalen Gruppen zu sympathisieren und der Staat konnte sich nicht leisten, dass dieser Gangster, der so populär war, in eine andere Richtung abdriftet

Gerade die Szene im Hochsicherheitstrakt erinnert deutsche Zuschauer an Baader-Meinhof, weil wir den Begriff Hochsicherheitstrakt ausschließlich mit denen verknüpfen. In dem deutschen Film konnte man auch sehen, dass die Linke damals eher unreflektiert mit dem Terror sympathisiert hat. Gab es in Frankreich in Zusammenhang mit Ihrem Film eine Debatte über die damalige Zeit?
Richet: Nein, die linke Presse in Frankreich ist für mich eine, die ihr Mäntelchen nach dem Wind dreht. Ich glaube, die Linke in Frankreich hat alle Bewegungen gewohnheitsmäßig verraten.

Mit dem Remake von John Carpenters „Assault on Precinct 13“ haben Sie vor einigen Jahren einen Film in Hollywood gedreht und sind für MESRINE nach Frankreich zurückgekehrt. Kann man daraus schließen, dass Ihre Arbeitsbedingungen in den USA nicht Ihren Erwartungen entsprachen?
Richet: Mein nächster Film wird wieder in den USA entstehen. Mir ist es gleich, wo ich drehe. Mir geht es nur um das Thema – und um das Echo, das ich damit auslöse. In den USA hat „Assault …“ viel Geld eingespielt, denn der Film war nicht teuer. Will ich mein Recht auf den final cut bewahren, so muss ich mit einem begrenzten Budget operieren, damit bewahre ich meine Freiheit.

 

 

 

 


 

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