von Katrin Hoffmann
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Greg Timmermans © Fotos: Kinowelt |
Der Mensch sei »nur da ganz Mensch, wo er spielt«, meinte Friedrich Schiller. Von Rollenspielen im Internet hat er natürlich nichts gewusst. Die machen süchtig, dumm und lebensuntüchtig. Oder? Nic Balthazars preisgekröntes Kinodebüt stellt an die neuen Unterhaltungsmedien andere Fragen. Und findet eine Utopie im virtuellen Raum.
Abtauchen in die fiktive Welt des Onlinespiels »Archlord«, das ist die Überlebensstrategie des 17-jährigen Ben. Er spielt jeden Morgen nach dem Aufstehen genau bis 6:33 Uhr; dann muss er sich der Realität des Familienlebens und Schulalltags stellen. Ben ist Autist – hochintelligent, aber nicht fähig, auf »normalen« Kommunikationswegen mit seiner Umwelt in Verbindung zu treten. So wird jeder Gang in die Schule zum Horrortrip, der den Jugendlichen den Demütigungen seiner Mitschüler aussetzt. Seine alleinerziehende Mutter ist geduldig und bringt ihn allmorgendlich mit den gleichen guten Wünschen auf den Weg; den Jungen auf eine Sonderschule zu schicken, käme für sie nie infrage. Welche Qualen ihr Sohn allerdings erleiden muss, erfährt sie nur bruchstückhaft, auf Umwegen – denn Ben kann nicht erzählen. Als die Demütigungen überhandnehmen, rastet Ben aus und beschließt, auszusteigen: »2 late 2 heal« schreibt er im Chat seiner Gefährtin aus dem Onlinespiel. Aber was bedeutet das in seinem Fall? Game over? Oder könnte er die Reset-Taste drücken, um zu einem neuen Spiel zu wechseln?
Ben X, das Spielfilmdebüt des 1964 in Gent geborenen Nic Balthazar, der seit zwanzig Jahren fürs belgische Fernsehen Kultursendungen produziert und moderiert und vor allem auch als Filmkritiker bekannt ist, hat eine lange Vorgeschichte. Vor fast zehn Jahren hatte sich in Gent ein 17-Jähriger in den Tod gestürzt – ein Junge, der unter einer leichten Form von Autismus litt und wie Ben im Film von Gleichaltrigen gemobbt und gepeinigt worden war. Balthazar verarbeitete den Fall zunächst zu einem Jugendbuch unter dem Titel „Niets Was Alles Wat Hij Zei“ (Nichts war alles, was er sagte), dann zu einem Ein-Personen-Stück, das multimediale Elemente aufnahm. 2007 konnte er mit der belgischen Produktionsfirma MMG die Filmversion realisieren, die auf mehreren internationalen Festivals ausgezeichnet wurde – in Montréal bekam sie den Preis der Ökumenischen Jury (siehe auch epd Film 10/2007). Der Regisseur, der sich selbst mit schönem Understatement als »Filmfan« bezeichnet und ganz offensichtlich eine Affinität zu den verschiedenen Facetten der populären Kultur hat, nimmt sich mit seiner Geschichte Freiheiten, ohne das Vorbild für seinen Helden, das jugendliche Opfer der entfesselten zeitgenössischen Konkurrenzgesellschaft, zu verraten – man könnte sagen, Balthazar hat das Versprechen der Neuen Medien ernst genommen und an den Optionen im Menü gedreht. Herausgekommen ist ein bemerkenswerter Kinofilm, der kritisch ist, aber nicht hoffnungslos, empathisch, aber nicht pädagogisierend, der Technik gegen-über aufgeschlossen, aber nicht blind.
Es ist ein Off-Erzähler, der in Ben X dem Zuschauer das Erleben des Helden nahebringt. Ben analysiert seine Situation durchaus treffend; da er sich jedoch nicht mitteilen kann, versucht er über das Internetspiel, mögliche Verhaltensweisen einzustudieren. Sein virtueller Stellvertreter, sein Avatar BenX ist in der Parallelwelt eine mächtige Figur, er hat ein hohes Level erreicht – wieso funktioniert das nicht im richtigen Leben? In einer computerspielaffinen Ästhetik werden Einblicke in die Struktur von Bens Denken vermittelt. In Parallelmontagen, Überblendungen und im Sound – der Score stammt von dem belgischen House- und Ravemusiker Praga Khan – verlinken sich immer wieder die reale Ebene und die virtuelle »Archlord«-Welt: Wenn Ben am Schultor ankommt, wo seine Peiniger ihn erwarten, verwandeln sie sich in computeranimierte Gegner, Ben rechnet in seinen Gedanken die Chancen auf einen Sieg aus – aber er kann nur verlieren. Nic Balthazar hat eigens Szenen mit Schauspielern drehen und diese dann in Computerspielgrafik umwandeln lassen, um die beiden Welten optisch kurzzuschließen. Der Zuschauer begreift sehr intensiv, in welcher Not Ben steckt und wie dramatisch sein Unvermögen ist, sich adäquat zu äußern. Ähnlich wie Julian Schnabel in Schmetterling und Taucherglocke gelingt es Balthazar, psychische innere Vorgänge physisch greifbar zu machen. Die Korrelation von »Realität« und Spiel ist streckenweise so gelungen, dass man droht sich wie Ben im Cyberspace zu verlieren.
Bens Abhängigkeit von der interaktiven Welt macht ihn zugleich angreifbar durch Cybermobbing. Aufnahmen einer besonders quälenden Szene, die seine Klassenkameraden johlend per Handy gefilmt haben – man nennt das »Happy Slapping« – erreichen Ben per E-Mail und SMS, kommentiert und mit Karikaturen versehen. Der Film hinterfragt auf verschiedenen Ebenen sowohl die Rolle der Medien als auch des gesellschaftlichen Umfeldes. Wechselnd mit Bens subjektiver Sicht werden in dokumentarischem Duktus, in einer fiktiven Nachrichtensendung, Eltern und Lehrer befragt. Immer lautet die Klage: dass erst etwas Schreckliches geschehen muss, bevor Mobbing sichtbar wird. Und es spricht für den Film, dass er dabei nicht stehen bleibt, sondern die Medienschelte selbst als Mantra, als Entschuldungsversuch einer Kultur begreift, die tatsächlich auf einer weit tieferen Ebene gestört ist, der es grundlegend an Solidarität und Empfindung mangelt. Unter diesem Aspekt erklären sich auch die christlichen Motive, die den Film durchziehen, vom Kirchturm an Bens Schulweg über das Kruzifix, das er im Werkunterricht zu einem Stilett umfunktioniert, bis hin zum Glorienschein, der Ben in einer »erlösenden« Schlusspointe umgibt. Das Leiden des Jungen wird hier auch als Passion interpretiert – Ben muss für die Unzulänglichkeiten seiner Umwelt büßen und tut dies in Form einer ganz eigenen, hochintelligent inszenierten Wiederauferstehung. Er hat die Reset-Taste betätigt und fängt das Spiel des Lebens noch einmal von vorne an.
Ben X
Belgien 2007. R, B: Nic Balthazar. P: Peter Bouckaert, Erwin Provoost. K: Lou Berhmans. Sch: Phillippe Ravoet. M: Praga Khan. A: Kurt Loyens. Pg: MMG/éé & BosBros./Film-TV. V: Kinowelt. L: 90 Min. FSK: 12, ff. Da: Greg Timmermans, Laura Verlinden, Marijke Pinoy, Pol Goossen, Titus De Voogdt, Maarten Claeyssens.