Kritik von Silvia Hallensleben, Interview von Barbara Schweizerhof
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© Fotos: Concorde |
Als 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage im Mai dieses Jahres die Goldene Palme in Cannes errang, war sich die Kritik mit wenigen Ausnahmen einig: Mit der Prämierung des rumänischen Dramas habe die Jury treffsicher den stärksten Film des sowieso schon starken Wettbewerbs ausgezeichnet (übrigens zum ersten Mal überhaupt einen rumänischen Film).
Dabei waren es offensichtlich die inneren Werte, die zählten: Denn der nach Okzident (2002) zweite Spielfilm des 1968 in Iasi geborenen Cristian Mungiu kommt ästhetisch so karg und spröde daher wie das Land und die Zeit, aus der er seine Geschichte nimmt: das Rumänien der ausgehenden achtziger Jahre.
Es beginnt mit einem Wohnheimzimmer als Bühne: Metallbetten, ein kleiner Tisch vor dem Fenster, Regale mit alltäglichem Krimskrams. Und zwei junge Frauen, die sich auf ein nicht genauer benanntes Vorhaben vorbereiten, während draußen vor dem Fenster in großen Flocken der Schnee fällt. Eine Reise steht an, Fische in einem kleinen Aquarium werden versorgt, auf einem Bett liegt ein aufgeklappter Koffer. Doch während die blonde Otilia mit geschäftiger Entschlossenheit ein zielgerichtetes Programm durchzuziehen scheint, ist die andere unsicher und zaudernd und muss immer wieder Mut zugesprochen bekommen. Dann verlässt Otilia den Raum, und die Kamera folgt ihr durch den dunklen Hausflur zu anderen Zimmern, wo Kommilitonen einen geschäftigen Schwarzmarkt mit Kosmetik, Getränken und Tabak betreiben. Nur die Marke „Kent“, auf die Otilia besonders scharf ist, ist leider ausgegangen.
Geschickt spinnt Cristian Mungiu im ersten Teil des Films eine Erzählstrategie, die unter dem Vorwand eines fast dokumentarischen Naturalismus zentrale Informationen diskret zurückhält. Die meisten ahnen es wohl schon bald, doch erst nach und nach beginnen wir wirklich zu verstehen, wozu das alles dient: das geliehene Geld, das angemietete Hotelzimmer und das Treffen mit einem Fremden im Auto an der Straßenecke: Gabita ist schwanger und will abtreiben – in einem Land, in dem Schwangerschaftsabbrüche zwar mit scharfen Gefängnisstrafen verfolgt werden, doch in großem Umfang illegal praktiziert werden. Ein Zimmer in einem ganz bestimmten Hotel hat Herr Bebe, der den Abbruch durchführen soll, bei seinen Klientinnen dafür bestellt. Doch als Otilia dort ankommt, will die Dame an der Rezeption von der Reservierung nichts wissen. Erst im nächsten Hotel klappt es nach langen erniedrigenden Verhandlungen mit dem nächsten Empfangsdrachen und mit Hilfe der „Kent“, die Otilia doch noch bei einem Schwarzhändler erstehen konnte. Aber Herr Bebe, ein Familienvater mit warmer Stimme, ist ärgerlich, weil auch anderes nicht so läuft wie verabredet, und findet das vereinbarte Honorar plötzlich nicht mehr ausreichend. Gabitas Schwangerschaft ist schon viel weiter fortgeschritten als von ihr zugegeben. Und Otilia, die die ganze Angelegenheit für die etwas weltfremde Freundin organisiert, hat noch eine andere Verpflichtung zu erfüllen. Die Mutter ihres Verlobten feiert Geburtstag und Otilias Nichterscheinen wäre ein schwerer Affront.
Mit nüchterner Konsequenz entfaltet Mungius Drehbuch aus dieser Konstellation eine ebenso schlichte wie ergreifende Geschichte, die nebenbei und ganz unspektakulär unsere Erwartungen an filmische Plotkonstruktionen unterläuft. Dazu braucht der Regisseur keine doppelten Saltos oder verwegene Schicksalsfügungen, nur ein paar Menschen und Räume, eine klare Perspektive (die von Otilia) und eine Kette von Ereignissen und Zuständen, die so präzise auseinander folgen wie die klandestine Operation und die daraus entstehenden Sachzwänge: Wir werden Zeugen peinlicher Verhandlungen auf den verschiedensten Ebenen, erleben Bedrohung und freundschaftliches Opfer, banges Warten und gehetzte Ausflüge in die nächtliche Stadt, wo im Dunkel unheimliche Geräusche und Gestalten lauern: stockfinstere rumänische Nacht, keine „amerikanische“, wo milder Blauschleier auf den Schatten liegt. Und auch die Tage in der namenlosen Kleinstadt wurden von Kameramann Oleg Mutu in ein bleiernes Licht getaucht, das jede Lebensregung zu verschlucken scheint. Ein Tag und eine Nacht in 113 Filmminuten, die sich fast wie Realzeit anfühlen, weil jede Szene in nur einer einzigen genau durchkalkulierten Einstellung aufgelöst wurde. Dabei ist die Kamera entweder fast unbewegt auf das Geschehen im Raum gerichtet oder sie folgt Otilia dicht bei ihren zunehmend verzweifelteren Bewegungen durch die Stadt.
Der Film verzichtet bei seiner bitteren Bestandsaufnahme ganz auf moralische Bewertungen. Die Wirklichkeit ist grausam genug. „Lass uns nie wieder drüber reden“, bittet Otilia am Ende ihre Freundin, als die beiden im verlassenen Hotelrestaurant sitzen und die Autolichter im Fenster auf ihren Körpern reflektieren. Cristian Mungiu hat sich das Gegenteil zum Programm gemacht: das verschämte Schweigen zu brechen, das bis heute die Lebensgeschichten so vieler in seinem Land bestimmt. „Tales from the Golden Age“ nennt er die Trilogie über den Alltag unter Ceausescu, von der dieser Film der erste Teil sein soll. Sicherlich: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage ist ein auf einer wahren Geschichte beruhender und bis in die deprimierenden Milieuschilderungen akkurat recherchierter Film. Doch wie jeder herausragende Film geht er weit über solch konkreten Bezug hinaus, mit Themen von geradezu existenzieller Wucht: Hilflosigkeit, Angst und Verantwortung, Leben und Tod, Freundschaft und Verrat. Aus solchem Stoff einen auf den ersten Blick unscheinbar kleinen Film zu machen, das ist große Kunst.
4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage ist ein auf einer wahren Geschichte beruhender und bis in die deprimierenden Milieuschilderungen akkurat recherchierter Film, der aber weit über seine konkreten Bezüge hinausgeht und Themen von geradezu existenzieller Wucht anschlägt: Hilflosigkeit, Angst und Verantwortung, Leben und Tod, Freundschaft und Verrat.
4 luni, 3 saptamani si 2 zile
Rumänien 2007. R und B: Cristian Mungiu. P: Oleg Mutu, Cristian Mungiu. K: Oleg Mutu. Sch: Dana Bunescu. T: Titi Fleancu, Dana Bunescu, Cristian Tarnovetchi. A: Mihaela Poenaru. Ko: Dana Estrate. Pg: Mobra/Saga. V: Concorde. L: 113 Min. Da: Anamaria Marinca (Otilia), Laura Vasiliu (Gabita), Vlad Ivanov (Domnu Bebe), Alex Potocean (Adi), Luminita Gheorghiu (Adis Mutter), Adi Carauleanu (Adis Vater).
Interview
Regisseur Cristian Mungiu zur Situation des rumäischen Films
Seit Sie die Goldene Palme in Cannes erhalten haben, spricht man vom „rumänischen Filmwunder“. Kommt es Ihnen selbst wie ein Wunder vor?
Wenn man bedenkt, dass in Rumänien im Jahr 2000 kein einziger Film produziert wurde, ja. Wer die Unzulänglichkeiten des rumänischen Förder- und Auswahlsystems kennt, der muss erst recht zugeben, dass das, was in den letzten fünf Jahren passierte, schwer zu glauben ist. Denn mein Erfolg im Wettbewerb von Cannes war schließlich gut durch diverse Preise für meine Kollegen in den Jahren zuvor vorbereitet.
Hat dieser internationale Erfolg nicht auch etwas Kurioses, schließlich ist Rumänien heute ein Land mit nur wenigen Kinos und dementsprechend wenigen Kinogängern?
Tatsächlich gibt es in ganz Rumänien nur noch etwa 35 Filmtheater. Deshalb habe ich beschlossen, meinen Film selbst zu vertreiben. Im ganz buchstäblichen Sinn: Ich habe mir Projektionsausrüstung aus Deutschland geliehen – gesponsert hauptsächlich von privater Seite – und einen Wohnwagen organisiert, der durch Rumänien zieht und in den größeren Städten, in denen es kein Kino mehr gibt, meinen Film zeigt. Das Feedback ist sehr gut, was beweist, dass die Menschen bei uns nicht mehr ins Kino gehen, weil es eben keine Kinos mehr gibt, und nicht, weil sie keine Filme mehr sehen wollen. Aber es stimmt, dass man in Rumänien nicht mehr von Publikumserfolgen sprechen kann angesichts der geringen Gesamtanzahl der Besucher. Deshalb müssen wir uns auf die Festivals verlassen, um Anerkennung für unsere Filme zu bekommen.
Warum und wie wird man Filmregisseur in einem Land, in dem sich das Kino in so einer Krise befindet?
Aufgrund der Liebe fürs Kino, würde ich sagen. Wenn man wirklich mit Leidenschaft Geschichten erzählen will, hofft man eben, manchmal entgegen aller Indizien, dass es Menschen geben wird, die deinen Film sehen wollen. Und ich mache ja meine Filme nicht nur für ein rumänisches Publikum. 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage wird so um die 60.000 Besucher in Rumänien haben und wahrscheinlich etwa eine Million im Ausland.
Kommen Sie aus einer anderen Kinokultur als Ihre Kollegen aus dem Westen?
Ich weiß nicht. Ich gehöre zu einer Generation von rumänischen Filmemachern, die lange gegen unser bisheriges Fördersystem kämpfen mussten, um ihre Filme realisiert zu bekommen. Am Ende haben wir uns durchgesetzt, aber die Situation ist weit entfernt davon, ideal zu sein. Allerdings hat es eine solche Serie von Erfolgen fürs rumänische Kino vorher noch nie gegeben. Meine Generation versteht das Kino offenbar auf eine Weise, die überall geschätzt wird.
Wie finanzieren Sie Ihre Filme? Wie sieht das Fördersystem in Rumänien aus?
Es gibt eine staatliche Institution, das National Center for Cinematography, das ein bis zwei Mal im Jahr einen Drehbuchwettbewerb ausschreibt. Finanziert wird dieser Fonds durch eine Steuer auf Fernsehwerbung. Wer diese Ausschreibung gewinnt, bekommt ungefähr die Hälfte des rumänischen Budgets, 300.000 bis 400.000 Euro. Zusätzlich bekommt man Zugang zu anderen Fonds wie dem des staatlichen Fernsehens. Ich war in den letzten Jahren sehr involviert bei der Neufassung des Filmförderungsgesetzes in Rumänien, deshalb weiß ich, wie man es benutzen muss. Auf Privatgelder zur Finanzierung möchte ich nicht zurückgreifen, da ich die Rückzahlung nicht garantieren kann. Für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage reichte mir außerdem die Zeit nicht, um nach ausländischen Koproduzenten zu suchen. Ich habe mit dem Film im vergangenen Oktober angefangen in der Hoffnung, ihn für Cannes fertig zu haben. Eine Koproduktion hätte sehr viel mehr Zeit zur Vorbereitung gebraucht.
Sie haben als Assistent bei kommerziellen Filmen gearbeitet, die in Rumänien produziert werden, weil die Kosten dort so gering sind. Die Filme, die Sie selbst machen, sind jedoch ganz anders in Machart und Ästhetik. Was also haben Sie dort am Set gelernt?
Um etwas anders zu machen, muss man zuerst begreifen, wie man es macht. Es gibt viele Dinge, die ich an den Mainstream-Produktionen sehr schätze – Rhythmus, Spannung, Atmosphäre, eine starke durchgehende Erzähllinie –, nur dass ich ans gleiche Ziel mit anderen Mitteln und auf eine ehrlichere Weise gelange. Was ich als Regieassistent gelernt habe, ist das Organisieren. Das hat es mir später ungemein erleichtert, mein eigener Produzent zu werden. Was meinen eigenen Schreibstil anbelangt: ich habe viele andere Dinge geschrieben, bevor ich mein erstes Drehbuch verfasst habe. Meinen Stil als Regisseur leite ich daraus ab, das Leben zu beobachten und zu verstehen, was in einen Film passen könnte und was nicht.
Fühlen Sie sich mit Ihren Kollegen Cristi Puiu, Catalin Mitulescu, Corneliu Porumboiu in besonderer Weise verbunden?
Wir bekamen alle zu etwa der gleichen Zeit internationale Anerkennung und wir sind alle in etwa gleich alt, zwischen 30 und 40; das ist der Grund, weshalb wir als eine Generation wahrgenommen werden. Obwohl wir nicht unbedingt die gleichen Ansichten über das Kino haben und keinem gemeinsamen ästhetischen Manifest folgen. Allerdings fühle ich zu den Filmen dieser Generation eine größere Nähe als zu jenen, die bis dahin in Rumänien gemacht wurden.
Was sind die Auslöser für diese „neue rumänische Welle“?
Es gibt dafür sicher eine ganze Reihe von Gründen. Angefangen vom verbesserten Fördersystem, das es mehr jungen Regisseuren ermöglichte, ihren ersten Film zu machen. Auch die positive Konkurrenz unter diesen Filmemachern spielt eine Rolle. Jeder möchte einen Film machen, der mindestens so viel Anerkennung bekommt wie der letzte seines Kollegen. Aber ich glaube auch, dass diese Filmemacher einfach sehr talentiert sind und dass sie mehr nachgedacht haben und besser verstehen, wie das Kino funktioniert.
Und was ist Ihr nächstes Projekt?
Was mein nächstes Projekt als Autor sein wird, weiß ich noch nicht. Ich habe den Eindruck, dass ich in letzter Zeit so schnell gerannt bin, dass ich nun erstmal anhalten und warten muss, bis meine Gedanken hinterherkommen.
Das Interview führte Barbara Schweizerhof per E-Mail.
siehe auch den Artikel Das rumänische Kinowunder
epd Film 11/2007
Start: 22.11. (D)


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