Ratatouille

Lob des Essens: im neuen Animationsfilm aus dem Hause Pixar

von Frank Arnold


© Fotos: Walt Disney

Jetzt weiß man endlich, wozu die hohen Kochmützen gut sind: Sie bieten genug Platz, damit sich darunter eine Ratte mit einer Leidenschaft fürs Kochen verstecken kann. Hier gibt sie dem gastronomisch unbegabten Mützenträger Anweisungen, wie er das Mahl zuzubereiten hat – indem sie ihn, durch Ziehen an seinen Haaren, dirigiert wie eine Marionette oder eine Figur in einem Videospiel.

Sie sind ein ungleiches Paar, die energiegeladene, einfallsreiche Ratte Remy und der schluffige, unbeholfene Linguini. Fast zur selben Zeit treffen sie in Paris ein, im Restaurant des großen Kochs Auguste Gusteau, das nach dessen Tod nicht mehr das ist, was es einmal war. Der Neffe des verstorbenen Restaurantchefs wäre gern ein großer Koch, zeigt aber keinerlei Talent in dieser Richtung, ganz im Gegensatz zu Remy, den es aus der französischen Provinz hierher verschlagen hat und der dabei von seiner Familie getrennt wurde. Remy ist eine Ratte mit einer Vorliebe für Haute Cuisine, die nichts von der Devise ihres Vaters hält, sich von Abfällen zu ernähren. Leider geht die Wertschätzung seines Vaters dafür nur so weit, Remys ausgeprägten Geschmacks- und Geruchssinn dafür einzusetzen, vergiftete Lebensmittel aufzuspüren.

Gutes Essen ist Remys Leidenschaft – als es ihn zum ersten Mal in die Restaurantküche verschlägt, verfeinert er sofort eine Suppe mit diversen Kräutern. Die kommt bei den Gästen an und wird Linguini zugutegeschrieben. So sind die beiden fortan aufeinander angewiesen. Wobei Remy immer wieder Ermunterung erhält vom verstorbenen Auguste Gusteau, mit dem er heimliche Zwiesprache pflegt. Dabei führen die beiden einen Zweifrontenkrieg. Zum einen gegen Gusteaus Nachfolger Skinner, der plant, den guten Namen seines Vorgängers auszunutzen, um mit massenhaft produzierter Tiefkühlkost reich zu werden. Zum anderen gegen den Restaurantkritiker Anton Ego, dessen letzter Verriss Gusteau mit ins Grab trieb. Im Gegensatz zu Skinner ist Ego aber lernfähig. Am Ende wird sein verwöhnter Gaumen mit der titelgebenden Ratatouille überrascht. Die besteht aus einfachsten Zutaten, nämlich wohl vertrauten Gemüsesorten – entscheidend ist die Zubereitung.

Das trifft auch auf diesen Film zu: ein junger Mann macht seinen Weg in der großen Stadt, es entwickelt sich eine Freundschaft zweier Außenseiter – die Zutaten sind bewährt, es kommt nur darauf an, wie man sie zu einem originellen Ganzen zusammenfügt, so dass auch diejenigen, die im Kino in den letzten Jahren zu viele witzige sprechende Tiere gesehen haben, das Besondere dieses Films zu schätzen wissen.

Abgesehen vom perfekten Timing, das etwa bei einer Verfolgungsjagd durch die Küche unter Beweis gestellt wird oder wenn am Ende das ausgeklügelte Zusammenspiel der Ratten bei der Küchenarbeit gezeigt wird, und dem Charme, den der Film in der Perfektion des Ausdrucks in den Gesten, in den Handbewegungen von Remy findet, gefällt diese Pixar-Produktion einmal mehr durch die überzeugende Konstruktion eines in sich geschlossenen Universums. Das unterscheidet Pixar-Filme von ihren Mitbewerbern, die Modernität zu suggerieren versuchen, indem sie ihr Personal ‚hip’ sprechen lassen, in ‚smarten’ Dialogen voller popkultureller Referenzen.

„Anyone Can Cook“, der Titel des Buches von Gusteau, mag, zumal für die Franzosen, ein wahrhaft provokanter Titel sein. Der bekehrte Anton Ego stellt das am Schluss etwas komplexer dar, während Remy & Co. kein Feinschmeckerlokal eröffnen – sondern ein Bistro.  

Held des achten Spielfilms aus der Animationsschmiede von Pixar ist eine Ratte mit einer Vorliebe für gutes Essen und Kochen. Wie schon in The Incredibles ist Regisseur Brad Bird auch hier ein eindringliches und amüsantes Plädoyer für das Besondere, gegen Mittelmaß und Selbstzufriedenheit gelungen.

Ratatouille
USA 2007. R und B: Brad Bird. P: Brad Lewis. K: Robert Anderson. Sch: Darren Holmes, A.C.E. M: Michael Giacchino. T: Randy Thom. A: Harley Jessup. Animation: Dylan Brown, Mark Walsh. Sp: Apurva Shah. Pg: Disney/Pixar. V: Walt Disney. L: 111 Min. FSK: ohne Altersbeschränkung. FBW: besonders wertvoll.

epd Film 10/2007



Start: 3.10. (D, A, CH)


 


 


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