Superman Returns

Bryan Singers Sommerblockbuster belebt einen popkulturellen Mythos

© Fotos: Warner

Marvel-Spezialist Bryan Singer (X-Men) hat die Fronten gewechselt und einen Comic der Konkurrenz verfilmt. Sein neuer Superman trägt eine schwere Last: Er ist der teuerste Blockbuster des Sommers – und hat es mit einem Heldenbild zu tun, das  vielleicht noch nie richtig zeitgemäß war.

Fast zwanzig Jahre laborierte Superman an den Spätschäden eines Hollywood-Franchises, das Ende der Achtziger den ikonenhaftesten aller amerikanischen Helden mutwillig dem Camp geopfert und im vierten Teil sogar als „Perestroika“-Vorkämpfer verschlissen hatte. Die ersten beiden Superman-Filme von den Richards – Donner und Lester – allerdings gelten, auch wenn ihr „analoges“ Design längst antiquiert anmutet, bis heute als gültige Referenz für jede Comic-Adaption. Gerade Donners erster Teil legte mit seiner Mischung aus spiritueller Ehrfurcht, comichaften Überdrehtheiten und damals fantastischen Special Effects den Grundstein für eine neue Superman-Mythologie, die sich ins populäre Bewusstsein eingegraben hat – Christopher Reeve ist Superman.

Bryan Singer schien genau der richtige Regisseur zu sein, den Superman-Mythos neu zu beleben. Mit seinen X-Men-Filmen verhalf er dem Genre Comic-Verfilmung, nachdem sich auch das Batman-Franchise als langfristig nicht tragfähig erwiesen hatte, zu neuer Respektabilität. Superman jedoch nimmt im Universum der caped crusaders, der kostümierten Kreuzzügler, eine besondere Stellung ein. Im Gegensatz zu den gebrochenen Marvel-Helden ist der Mann aus dem Hause DC Comics eine strahlende, fast jesusähnliche Figur. Der „Man of Steel“ erfordert eine andere Sensibilität als die adoleszenten Mutanten der X-Men-Comics, und es mag kein Zufall sein, dass der Start von Superman Returns zu einem Zeitpunkt erfolgt, da amerikanische Gesellschaftskolumnisten wieder von einem klassischen Männlichkeitsbild fabulieren. Superman als Symbolfigur einer sogenannten Men-aissance? 

Die Befürchtungen sind jedoch unbegründet. Singer versucht mit Superman Returns eine interessante Gratwanderung, indem er das Ikonische, das Reeves Superman stets umgab, mit einer bislang unbekannten Melancholie, einem verhaltenen Gefühl von Entfremdung, bricht. Nach fünfjähriger Abwesenheit kehrt Superman (gespielt von dem Newcomer Brandon Routh) aus dem selbstgewählten Exil auf die Erde zurück. Sein Heimatplanet ist zerstört, und ihm wird bewusst, dass er auf dem blauen Planeten immer ein Außenseiter bleiben wird. Die mahnenden Worte seines Vaters (Marlon Brandos wahrscheinlich letzter Filmauftritt, wenn auch nur als digitaler Import aus Donners Original) drücken ihm aufs Gemüt. Schlimmer noch: Auch Lois Lane hat sich von Superman abgewandt. Seine ehemalige Flamme, inzwischen mit Kind und Verlobtem, wurde gerade mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Der Titel ihres Artikels: „Warum die Welt Superman nicht braucht“. Das sieht die Welt natürlich anders. Und Supermans Rückkehr könnte nicht spektakulärer sein: Mit bloßen Händen bringt er ein abstürzendes Passagierflugzeug unter Kontrolle und setzt es sanft in einem vollbesetzten Baseballstadion ab.

Wie schwer die kulturelle Bürde der ersten Superman-Filme wiegt, zeigt sich an der tiefen Bringschuld, in der Superman Returns gegenüber Donners Original steht. Singers Film ist voller Zitate und Anspielungen, bis hin zu offensichtlichen Respektsbekundungen wie der animierten Titelsequenz und John Williams’ musikalischem Thema als Leitmotiv des neuen Superman Brandon Routh, der dem jungen Christopher Reeve wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Superman Returns bewegt sich über weite Strecken auf vertrautem Terrain, ist eher eine Affirmation des Mythos als seine Neubestimmung. Und stellt damit zweifellos auch die teuerste Heldenverehrung aller Zeiten dar. Rund 260 Millionen Dollar soll Singers Film gekostet haben; eine stolze Summe für die Realisierung eines alten Kindheitstraums.

Aber gerade in der Nähe zum Populärmythos liegt auch die Stärke von Superman Returns. Vor allem in den Set-Designs ruht der Geist des Originals. Supermans „Fortress of Solitude“ in der arktischen Eiswüste etwa erinnert in ihrer expressionistischen Gebrochenheit an eine Seelenlandschaft. Und Kevin Spacey verleiht dem schurkischen Gegenspieler Lex Luthor düstere Züge, ohne ins Chargieren zu verfallen. Superman Returns wirkt ernster, gravitätischer, weniger campy als die Vorgänger. Singer hat dem Mythos eine sublime Tragik eingeflösst, die die Autorität Supermans jedoch nie untergräbt. Fast könnte man vergessen, dass unser Held in einem blau-roten Strampelanzug durch die Luft fliegt.

Andreas Busche

Eine respektable Rückkehr für den „Man of Steel“, die genau den richtigen Ton zwischen Heldenverehrung und melancholischer Introspektion trifft. Trotz des astronomischen Budgets von über 200 Millionen schlägt in diesem Superman ein Herz.

Superman Returns
USA 2006. R: Bryan Singer. B: Michael Dogherty, Dan Harris (nach den Superman-Comics von Jerry Siegel, Joe Schuster). P: Jon Peters, Bryan Singer, Gilbert Adler. K: Newton Thomas Sigel. Sch: John Ottman, Elliot Graham. M: John Ottman. T: Salty Brincat. A: Guy Hendrix Dyas, Damien Drew. Ko: Louise Mingenbach. Sp: Neil Corbould, Dave Young, Mark Stetson. Pg: Warner/Legendary/Bad Hat Harry. V: Warner. L: 154 Min. FSK: 12, ff. Da: Brandon Routh (Superman/Clark Kent), Kate Bosworth (Lois Lane), James Marsden (Richard White), Frank Langella (Perry White), Eva Marie Saint (Martha Kent), Kevin Spacey (Lex Luthor).

epd Film 8/2006



Start: 17.8. (D), CH), 18.8. (A)


 


 


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