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Hwal – Der Bogen Der neue Film von Kim Ki-duk: die Geschichte einer Besessenheit
Der koreanische Regisseur Kim Ki-duk wurde international durch Festivals wie die Berlinale oder Venedig bekannt, mit Filmen wie Die Insel oder Frühling, Sommer, Herbst, Winter und … Frühling, Samaria oder Bin Jip. Im Werk des 1960 geborenen Kim mischen sich gelegentlich drastische Gewaltdarstellungen mit ungewöhnlichen Figurenkonstellationen. Kim Ki-duk liebt es, sowohl die Protagonisten seiner Filme als auch die Zuschauer auf unsicherem Boden verharren zu lassen. Manche seiner Filme, wie Die Insel oder jetzt Hwal, spielen komplett auf dem Wasser. In Hwal ist der Schauplatz ein alter Fischkutter, der zugleich als Hausboot dient und sich bei näherer Betrachtung als faszinierendes Labyrinth aus Kammern, Kojen und hölzernen Gängen erweist.
Zentrales Sinnbild des Films ist ein Bogen, mit dem der Besitzer, der alte Kapitän des Kutters, nicht nur gut und gefährlich seine Pfeile verschießen kann. Er vermag es auch, dem Gerät Töne zu entlocken. Der Bogen also ist zugleich Waffe und Musikinstrument; und natürlich ist er hier auch ein mehrfach erotisch kodiertes Gerät. Der bedrohlich eingespannte Pfeil ist ein Phallussymbol, während der Bogen selbst an einen weiblichen Körper erinnert.
Hwal, der manchmal wie eine Kombination aus Elementen von Kims beiden letzten Filmen Samaria und Bin-Jip wirkt, erzählt mit ganz wenig Dialog die Geschichte vom alten Mann, dem Meer und einem jungen Mädchen. Auf seinem Hausboot, auf dem er Plätze an Hobbyangler vermietet, hat der alte Mann zehn Jahre lang ein Findelkind liebevoll groß gezogen. Bald, an ihrem 17. Geburtstag, will er das Kind, das sich zu einem hübschen Mädchen entwickelt hat, heiraten. Streng wacht er über sie. Wenn sich ihm ein Hobbyangler nähert, schleudert der Alte ihm sogleich einen seiner gefürchteten Pfeile entgegen. Der alte Mann ist so etwas wie ein majestätischer und melancholischer Kauz, eine Art Samurai-Version von Michel Simons Charakter aus Jean Vigos in manchem ähnlich gelagertem Klassiker L’Atalante.
Eines Tages freilich kommt ein junger Student an Bord. Er schenkt ihr einen Walkman, der sie plötzlich mit der Welt draußen verbindet. Sie verliebt sich in den Studenten und will mit ihm bald das Hausboot verlassen: was den großen, letzten Lebenstraum des Alten zu zerstören droht. Es hat dann den Anschein, als hätte Kim die ganze, schon märchenhaft anmutende Geschichte nur als Vorbereitung erzählt für ein in jeder Beziehung fantastisches Finale über das Scheitern einer Liebe, das letztlich zu einem Triumph wird. Das Mädchen nämlich kommt nicht los von dem alten Mann. Nicht, weil er sich besessen bis in den Tod mit einem Seil förmlich an sie kettet, sondern weil die inneren Bezüge dieser seltsamen Beziehung, die ja zwischen Erziehung und Erotik schwankt, zu stark sind. Am Ende heiratet sie den Alten in einer fast übersinnlichen Zeremonie, die ironischerweise die Sinnlichkeit feiert. Es gibt einen unglaublichen Liebesakt, bei dem ein Partner unsichtbar bleibt. Und ein Amorpfeil wird verschossen, der durch Raum und Zeit zu fliegen scheint und wie ein Bumerang zurückkehrt. Bei diesem erotischen Fantasy-Ende in einem Meer der Sinne der asiatischen Zeichen weiß man nicht, ob es sich um ein Entjungferungsritual handelt oder um einen ekstatischen Tod. Vielleicht ist hier das Mädchen nur geträumt, vielleicht gibt es den Alten nur in der Erinnerung in diesem Spiel, in dem sich Gegensätze vermählen. Hans Schifferle Der alte Mann, das Meer und eine Lolita. Kim Ki-duks Filmpoem über eine letzte Besessenheit und das erste erotische Erleben ist wunderschön und abgründig zugleich. Hwal – The Bow Start: 27.7. (D) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Kim Ki-duk liebt es, nicht nur eine Spannung aufzubauen zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, sondern diesen Suspense auch spürbar zu machen. Wie in einigen seiner Filme spielen auch in Hwal Seile, Saiten und Angelhaken wichtige Rollen: als würden diese Gegenstände die unsichtbaren Linien darstellen, die die Figuren im Innersten zu zerreißen drohen.
Der alte Mann mit dem Bogen lässt gar an alte mythische Figuren denken: an die Spielmänner diverser Sagenwelten, die zugleich musizieren, erzählen und kämpfen können. Wenn der Mann seinen Bogen benutzt, hebt sich manchmal die Spannung auf zwischen Zärtlichkeit und Gewalt. Spielend und schießend sind die Gefühlsregungen dann nicht nur zwei Seiten einer Medaille, sie werden tatsächlich eins. Das ist übrigens auch ein Merkmal von Kims gesamtem Werk: dass sich Gegensätze in überraschender und schockierender Weise annähern können. Ein idyllischer Ort wie ein Hausboot beispielsweise kann zu einem Schauplatz des Schreckens werden. Ein scheinbar netter, exotischer Film wie Hwal mit seinem poetischen Flair, seiner schmerzlich-schönen Love Story kann unvermittelt, wie ein plötzlich abgeschossener Pfeil, seine dunklen Seiten offenbaren. Kim bleibt gerade auch bei einem lyrischen Werk wie Hwal ein Kino-Krieger.
Das Mädchen wiederum ist vieles: verhätscheltes Kind, verführerische Lolita, traurige Gefangene. Vor allem aber auch ist sie trotz ihrer zierlichen Erscheinung eine Amazone. Einmal hält sie mit dem Bogen zwei aufdringliche Angler in Schach, und sie ist dabei mit der Waffe viel gefährlicher als der Alte.