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Tsotsi Oscargekrönter Gangsterfilm aus Südafrika
Ein Gangster wird von der Gegenwart eines Babys in seinem Innersten berührt und zu einem besseren Leben bekehrt – diese Story schmeckt nach Kitsch. Und tatsächlich setzt Tsotsi mit den Effekten des Gefühlskinos auf reinigende und tröstende Tränen. Gavin Hood, ein in Los Angeles ausgebildeter Autor und Regisseur und weißer Südafrikaner in einem vorwiegend schwarzen Team, verknappte den einzigen Roman des südafrikanischen Dramatikers Athol Fugard zu einer dichten, auf wenige Tage konzentrierten Handlung. Das Drama des Films besteht in dem Zusammenprall der armen mit der reichen schwarzen Bevölkerung – an die Stelle des Rassenkonflikts ist die Kluft zwischen Benachteiligten und Privilegierten, zwischen Verlassenen und Geborgenen getreten.
„Tsotsi“ bedeutet „Gangster“ im Soweto-Slang, und so nennt sich auch die Hauptfigur des Films, ein aggressiver junger Bandenchef mit weichen Zügen (Presley Chweneyagae), der seine Hütte allein bewohnt und keinen Familiennamen trägt. In einer illegalen Bierbar, dem Treffpunkt der Szene, kommt es zwischen ihm und seinem Nachbarn Boston (Mothusi Magano) – einem, der gern Lehrer wäre und kein Geld dafür hat – zum brutalen Streit. Boston provoziert Tsotsi damit, Erinnerungen an die Kindheit zu offenbaren, die dieser verdrängt. Tsotsi gerät außer sich, verletzt den Besserwisser schwer und flieht in die Stadt, in eines der besseren Viertel, in dem die schwarze Mittelklasse ihre Familienvillen besitzt.
Presley Chweneyagae spielt den agilen, von seinen brutalen Instinkten getriebenen Gangster ebenso überzeugend wie den leise faszinierten Mann, der sich unbeholfen neugierig auf das Baby (dargestellt von den Zwillingen Nonthutu und Nthuthuko Sibisi) einlässt. Er versteckt es in einer Papiertragetasche, versucht es mit Dosenmilch zu ernähren, hält das weinende Bündel hilflos. Tsotsi sucht sich an der Wasserstelle des Quartiers eine junge Mutter aus, die er in ihre Behausung verfolgt und halb nötigt, halb bittet, das Baby zu stillen. Die junge Frau (Terry Pheto) – sie heißt Miriam (hebräich für Maria) wie die Gottesmutter – lebt allein und ernährt sich und ihr eigenes Baby durch Näharbeiten.
Hoods Film erzählt holzschnittartig vom Verlust der eigenen Kindheit und der schmerzenden Erinnerung daran. Totsi erinnert sich in Rückblenden an die Grausamkeit seines Vaters und an den Tag, an dem er die Familie verlor. Eine der gefühlsträchtigsten Szenen des Films zeigt ihn mit dem Baby am Rand von Soweto auf einem Platz, von dem aus Tsotsi dem Winzling „sein“ Johannesburg zeigt, das Panorama der Metropole, das er als verlassenes Kind von seinem Unterschlupf aus immer im Blick hatte. Die Polizei ist dem Kidnapper auf der Spur, die Gangsterfreunde ihrerseits drängen auf Taten. So dringt Tsotsi in die Villa der Familie ein, nimmt den Familienvater als Geisel, hat jedoch im Grunde bereits die Lust auf Raub und Zerstörung verloren – die Blickwechsel mit dem Vater des geraubten Babys deuten auf eine vorsichtige Verständigung hin. Totsis Veränderung, die Kraft, mit der er seine traumatischen Erinnerungen endlich ertragen kann, führt auch dazu, dass er den verletzten Gegner Boston zu sich nimmt und pflegt. Am Ende dieser frommen Läuterung kommt, was kommen muss: Totsi gibt auf Miriams Drängen hin das Baby seinen Eltern zurück, die Polizei verhaftet ihn. Das moralische Traktat des Films mag aufgesetzt wirken, seine Kraft als Geschichte über Verdrängung und Erinnerung mindert das nicht. Claudia Lenssen Im Mittelpunkt des Films von Gavin Hood steht nicht der Rassenkonflikt, sondern die Kluft zwischen armen und reichen Schwarzen in Südafrika. Erzählt wird mit Sepiatönen, wie der junge schwarze Gangster Tsotsi durch die zufällige Entführung eines Babys geläutert wird. Tsotsi Start: 4.5. (D), 5.5. (A), 11.5. (CH) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Auf den Punkt präzise Dialoge weisen auf die theatralische Ausdruckskraft des Originalautors zurück. Hier geht es nicht um die Dokumentation eingeschränkter Sprache, sondern um innere Prüfungen, die einen klaren Ausdruck für ihre Botschaft finden. Gavin Hood baute ein „ideal“-typisches Stück Soweto, der Vorstadt der verarmten schwarzen Bevölkerung von Johannesburg, im Studio nach, um mit der 35-mm-Kamera in Gassen und Winkel des Elendsquartiers eindringen zu können. Ein gnädiges Sepia-Braun liegt wie die Abendsonne über vielen Szenen und verheißt menschliche Wärme. Kwaito-Musik, der expressive Rap der Südafrikaner, gibt die Beats vor.
Der aufgebrachte und betrunkene Tsotsi beobachtet eine Frau, die im Regen mit ihrer defekten Fernbedienung versucht, das elektrische Schutzgitter zu ihrem Grundstück zu öffnen. Tsotsi ergreift die Gelegenheit, schießt die Frau nieder, raubt ihren silberfarbenen BMW, fährt ihn nach einer wilden Flucht zu Schrott und nimmt in einer spontanen Reaktion das Baby mit, das er im Auto entführt hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein.
In den stillen, zwischen Bedrohung und Anziehung changierenden Szenen mit Miriam lernt der Einsame eine Binnenwelt kennen, in der ein ihm fremdes Fluidum aus klassischer weiblicher Häuslichkeit und künstlerischer Betätigung existiert. Das ist ein Kontrast zu Tsotsis Welt des einsamen Wolfs, der seine Gangsterfreunde Butcher (Zenzo Ngqobe) und Aap (Kenneth Nhosi) kontrollieren und in Schach halten muss. Miriam gestaltet Mobiles und Schmuck, der ihre Stimmung ausdrückt; die Boys um Tsotsi brauchen Geld und einen Kick, um sich zu spüren. 