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Der Tiger und der Schnee Liebe und Krieg im neuen Film von Roberto Benigni
Dieser Mann findet sich schön, ohne Zweifel. Wie würde Roberto Benigni sich sonst trauen, als Bräutigam Attilio in blütenweißer Baumwollunterwäsche vor dem Altar zu erscheinen? Aber es ist nur der Traum eines Poeten, der alle Eitelkeit abgestreift und sich – nackt und bloß – nur mit seinen Gefühlen bekleidet der Auserwählten stellt. An Roberto Benigni scheiden sich die Geister, wie bei jedem Komiker. Man liebt ihn, oder man liebt ihn nicht. Und dann liebt man ihn eben nicht nur als jüdischen Kellner in Das Leben ist schön, sondern auch als infantilen Nationalhelden Pinocchio und nun in Der Tiger und der Schnee als unglücklich verliebten Dichter Attilio. Attilio schmückt sich hemmungslos mit fremden Versen und bringt diese mit dem gewissen strahlenden Benigni-Blick an den Zuschauer. Man kann in der geträumten Hochzeitsgesellschaft der Anfangsszene des Films (die als running gag immer wieder auftaucht) aber auch die Leihgeber, die Dichter Montale, Borges, Ungaretti, Yourcenar als special guests entdecken und nebenbei Tom Waits am Piano mit dem melancholischen „You Can Never Hold Back Spring“ zuhören. Wobei auch noch Benignis radebrechender Zuchthäusler aus Jim Jarmuschs Down By Law am Erinnerungshorizont aufscheint – auch das war schon so ein Dichter, der nur auf die große Liebe und auf das kleine Glück aus war.
Der linkische römische Dichter Attilio liebt Vittoria (Nicoletta Braschi), die dem stürmischen Verehrer aus dem Weg geht, wo sie kann, dann dem Dichterfreund Fuad (Jean Reno) kurz vor Kriegsausbruch in den Irak folgt, weil sie ein Buch über ihn schreiben will. Poeten und Literaten bestreiten das Erzählpersonal, dazu kommen noch die Zwillingstöchter des Dichters, die in der Rahmenhandlung Zuhörer spielen, und ein Rechtsanwalt als running gag, der den permanenten Rechtsverletzer aus der Schlinge zieht. Als Vittoria schwer verletzt und bewusstlos in einem Krankenhaus von Bagdad liegt, schlägt die Stunde des Liebenden, der sich bis zu ihrem kargen Lager durchkämpft und seine Gefühle unter härtesten Bedingungen unter Beweis stellt.
Marli Feldvoß Ein märchenhafter Antikriegsfilm, ohne rechte Handlung, aber mit viel Gefühl und Träumen sowie Verweisen auf Literatur und den Regisseur selbst. Roberto Benigni spielt einen verliebten Dichter, der seiner Angebeteten in den Irak-Krieg hinterherreist. La tigre e la neve Start: 30.3. (D, CH) epd Film Abonnement © epd Hinweis zum Urheberrecht |
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Vielleicht wurde die Idee zu diesem Film mit Benignis Fernsehauftritt als „Dante“-Rezitator geboren, wer weiß. Wahrscheinlich strickt der grenzenlose italienische Optimist aber nur weiter an seinem ureigenen Glücksmodell, das sich besonders gut mit dem großen Widersacher „Krieg“ verträgt. Nach dem Inferno des Holocaust hinein ins Inferno des Irakkrieges, wo Benigni seinen ganz persönlichen Krieg gegen das Chaos, Minenfelder, Bombardements, Straßensperrren, störrische Kamele, stoische Amerikaner, nicht zuletzt gegen den Tod selbst ausfechten kann.
Der Film über die Liebe, so rein wie Schnee und so wild wie ein Tiger, kennt eigentlich keine richtige Handlung und keine wirklichen Protagonisten, sondern folgt nur dem Gefühl, das eine einzelne Kreatur genauso wichtig nimmt wie die vielen potenziellen Opfer, die der Kriegsschauplatz Irak fordern wird, und formt es zur Parabel. Eine Art Antikriegsfilm also, auch das, der die Fronten abbaut, sich spielerisch, clownesk, wie der jüdische Kellner oder Friseur über die mörderischen Triebe erhebt und nur einmal in die Nähe der Verzweiflung gerät, wenn sich der Dichter Fuad erhängt. Auch das ein schönes Bild, auf das man wie zufällig stößt, das die ganze Absurdität des Krieges offenbart. Hier entsteht ein Erzählbruch, den Benigni nicht kitten kann und will, wo Sinnlosigkeit und Unglück unerwartet die Oberhand gewinnen und darin ein kleines Stück Wirklichkeit im Märchen enthüllen.