Die Wolke

Verfilmung von Gudrun Pausewangs Jugendroman

„Ein Probealarm“ meint der Lehrer, selbst wenn er sich darüber wundert, dass er davon nicht unterrichtet wurde – aber das ist man wohl generell eher geneigt anzunehmen als die Katastrophe, für die ein echter Alarm steht. Die Katastrophe, das ist in diesem Film nach dem gleichnamigen Roman von Gudrun Pausewang der Unfall in einem Atomkraftwerk. Als das (mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete) Buch 1987 erschien, war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 25. April 1986 noch lebendig, heute sorgen Regierungspläne, die – mit Hinweis auf steigende Ölpreise – Laufzeit von Atomkraftwerken zu verlängern, dafür, dass man über das Thema wieder nachdenkt.

In der Romanvorlage geht es gleich auf der ersten Seite los mit dem Sirenengeheul, das vom Unfall in einem Atomkraftwerk kündet. Man kann es dem Film nicht verübeln, dass er davor noch eine Annäherung zwischen Hannah (16) und Elmar (18) gesetzt hat, mit einem Fehlstart, als Mitschüler das erste Rendezvous stören, einem Missverständnis und der Versöhnung in einem ersten Kuss – schließlich ist die Identifikation ein zentrales Moment des Erzählkinos.

 

 

Dem Roman folgend, erzählt auch der Film (fast ausschließlich) aus der Perspektive von Hannah und bündelt die Konflikte, mit denen sie schlagartig konfrontiert wird: die Abwesenheit der Mutter an diesem Tag und die daraus resultierende Alleinverantwortlichkeit für ihren siebenjährigen Bruder Uli, den Gedanken, später das Wissen, dass ihre nächsten Angehörigen tot sind, schließlich den Umgang mit der eigenen Krankheit. Zeigt der Film im ersten Teil die unmittelbaren Folgen der Katastrophe in den bekannten, aber effektiven Bildern der Massenpanik, so ist der zweite Teil schon fast meditativ, ein Innenblick auf die Protagonistin, die in einem Krankenhaus auf sich selbst zurückgeworfen ist und erst lernen muss, wieder Vertrauen zu anderen Menschen zu fassen. Dass dieser Teil den Zuschauer ebenso zu ergreifen vermag wie der erste, ist nicht zuletzt das Verdienst der Hauptdarstellerin Paula Kalenberg. Der Film setzt auf unbekannte Gesichter und überzeugt damit – was so weit geht, dass die kurzen Auftritte von Richy Müller als Elmars Vater die Illusion durchbrechen. Elmars Wiederauftauchen ist allerdings nicht das Happy End, als das es auf den ersten Blick scheint – der Film weiß glücklicherweise noch mit einigen Wendungen aufzuwarten, die den befürchteten Schematismus der Liebesgeschichte durchbrechen. 

Frank Arnold

Die Wolke erzählt, ein Jahr nach Tschernobyl, aus der Perspektive der 16-jährigen Hannah von erster Liebe und einer Atomkatastrophe. Anders als der Roman betont der Film die Liebesgeschichte, weiß aber auch einige Widerhaken einzusetzen. Herausragend ist das Spiel der Hauptdarstellerin.

Deutschland 2006. R: Gregor Schnitzler. B: Marco Kreuzpaintner (nach dem Roman von Gudrun Pausewang). P: Markus Zimmer. K: Michael Mieke. Sch: Alex Dittner. T: Michael Mladenovic. A: Patrick Müller. Ko: Ivana Milos. Pg: Clasart. V: Concorde. L: 105 Min. Da: Paula Kalenberg (Hannah), Franz Dinda (Elmar), Hans-Laurin Beyerling (Uli), Carina Wiese (Paula), Karl Kranzkowski (Dr. Salamander), Richy Müller (Albert Koch), Thomas Wlaschiha (Hannes), Gabriela Maria Schmeide (Tante Helga).

epd Film 3/2006



Start: 16.3. (D), 17.3. (A)


 


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