Bernd Eichinger hat seinen Ruf als Deutschlands renommiertester Produzent 1980 mit der Adaption von Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo errungen. In den folgenden Jahrzehnten setzte der Münchner immer wieder auf den Bekanntheitsgrad von Bestsellern. Gilt die Verfilmung von Umberto Ecos „Der Name der Rose“ durch Jean-Jacques Annaud als Geniestreich, so enttäuschten andere Produktionen. Fräulein Smillas Gefühl für Schnee und Das Geisterhaus folgten der Storyline, konnten aber dem Stil und den Implikationen der Bücher nicht gerecht werden. Auch Eichingers eigene Regiearbeit Der grosse Bagarozi verschenkte das erzählerische Potenzial der Geschichte.
Mit verhaltener Skepsis wurde daher die Ankündigung aufgenommen, Oskar Roehler verfilme für Eichinger Michel Houellebecqs Roman, in dem der Autor präzise und äußerst pessimistisch die Beziehungsunfähigkeit seiner Generation sezierte und daraus eine sehr düstere Zukunftsperspektive ableitete. Dem Ansatz folgte Roehler zunächst, doch dann entfernte er sich konsequent von der Vorlage, weil er an die Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen glaubt. Folglich mussten alle Reflexionen Houellebeqcs über eine Gesellschaft, in der die Reproduktion der Spezies künftig über das Klonen von perfekten Menschen erfolgen könnte, unter den Tisch fallen.
Äußerlich verlegt Roehler das Geschehen aus dem Frankreich am Ende des vergangenen Jahrtausends nach Berlin und in die deutsche Provinz der Gegenwart. Er macht die Hauptfiguren, die Halbbrüder Bruno und Michael, im Vergleich mit dem Roman einige Jahre jünger, was deren Herkunft als Kinder einer radikalen Emanze, die als Jüngerin von Flower Power und 68ern nur an ihre eigene sexuelle und spirituelle Selbstverwirklichung dachte, glaubhafter macht. Die Männer sind jetzt auch in einem Alter, in dem sich Roehler selbst vor sechs Jahren in Die Unberührbare mit dem frühen Verlust seiner Mutter für seine eigene Biografie künstlerisch auseinander setzte.
Bruno und Michael sind zugleich Brüder im Geiste von Roehlers ungleichem Geschwisterpaar in Agnes und seine Brüder, in denen die Männer ebenfalls das Vertrauen in ihre Gefühle verloren hatten und wehrlos ihrer Einsamkeit ausgeliefert waren. Als Ursache für diese Deformation machen Houellebeqc und Roehler einzig die Abwesenheit der Mutter aus, die gefühlsmäßig nie verkraftet wurde. Während Bruno heute von seinen sexuellen Obsessionen beherrscht wird, an denen seine Ehe scheitert, hat der hochintelligente Michael, der nur seine Arbeit als Wissenschaftler kennt, kein Sexualleben. Beide sind ihren Trieben beinahe hilflos ausgeliefert, was Christian Ulmen und Moritz Bleibtreu durch ungeheure Naivität im Mimenspiel und Passivität in der körperlichen Präsenz rüberbringen.
Bruno und Michael erinnern auch insofern an Agnes und seine Brüder, als sie ihre sexuellen Bedürfnisse nicht ausleben konnten. Die innere Blockade der Männer bricht in Elementarteilchen erst durch die Kraft der Liebe auf. Sehr schüchtern nähert sich Michael seiner Jugendliebe aus dem Heimatdorf an, die wie er in der Stadt nicht glücklich wurde. Bruno findet das Glück da, wo es am wenigsten zu vermuten ist: an Orten, wo es nur um Sex und die Befriedigung von Bedürfnissen mit wechselnden Partnern geht. Als Brunos große Liebe ist Martina Gedeck in dem Quartett die einzig optimistische und lebenslustige Frau, die nie die Scheu hatte, ihre Gefühle auszuleben. Umso tiefer sitzt ihr Schock, an den Rollstuhl gefesselt nie wieder die Emotionen des Begehrens und Begehrtwerdens erleben zu können. Von den Männern ist sie auf der Suche nach einer wirklichen Partnerschaft zu oft verletzt worden, und nun hat sie nicht die Kraft, lange auf den zögerlichen Bruno zu warten. Doch selbst über ihren Tod hinaus schafft es Roehler, dem Drama eine versöhnliche Note zu geben.
Katharina Dockhorn
Oskar Roehler hat die Handlung der französischen Vorlage nach Berlin transferiert und entschärft. Eher melancholisch als zynisch entfaltet der Film ein Geflecht verfehlter, hoffnungsloser Beziehungen.
Deutschland 2005. R und B: Oskar Roehler (nach dem Roman von Michel Houellebecq). P: Bernd Eichinger, Oliver Berben. K: Carl-Friedrich Koschnick. Sch: Peter R. Adam. A: Ingrid Henn. Ko: Esther Walz. Pg: Constantin/Movie-the art of entertainment. V: Constantin. L: 113 Min. FSK: 12, ff. DEA: Berlinale 2006. Da: Moritz Bleibtreu (Bruno), Christian Ulmen (Michael), Martina Gedeck (Christiane), Franka Potente (Annabelle), Nina Hoss (Jane), Uwe Ochsenknecht (Brunos Vater), Corinna Harfouch (Dr. Schäfer), Jasmin Tabatabai (Yogini), Michael Gwisdek (Prof. Fleiser), Herbert Knaup (Sollers).
Interview
Die Figuren sollen nicht im Dreck enden
Oskar Roehler im Gespräch mit Katharina Dockhorn
Sie haben der Adaption ihren Stempel aufgedrückt. Ist Elementarteilchen ein typischer Oskar-Roehler-Film geworden?
Bei den Drehvorbereitung und beim Dreh selber habe ich so viel wieder entdeckt, und hätte ich jemals den Anspruch gehabt, eine Trilogie zu drehen, dann wäre Elementarteilchen der zweite Film nach Agnes und seine Brüder geworden. Als der Roman 1998 erschien, war das wie eine kleine Offenbarung für mich. Er hat mir vieles erklärt, worüber ich zum Teil noch gar nicht so genau nachgedacht hatte. Er seziert unsere Gesellschaft und entlarvt sie als eine bis ins letzte ausgeklügelte materialistische Krake, die jedem Menschen, der nicht perfekt ins Muster passt, das Leben zur Hölle macht.
Aber der Film geht doch nicht so pessimistisch mit den Figuren um wie der Roman, oder?
Die Art und Weise, wie im Roman die Persönlichkeiten der Figuren und deren Konflikte anlegt sind, ist großartig: Michael ist ein 40-Jähriger Autist mit der Sexualität eines Vierjährigen mit einem völlig überentwickelten Intellekt. Als er seine Jugendliebe wiedertrifft, beginnt sich gefühlsmäßig zart und schüchtern etwas in ihm zu regen. Zuvor hatte er keine Instinkte, während sein Halbbruder Bruno nur von seinen Instinkten gesteuert wird. Beide haben auf absolut konträre Art den natürlichen Zugang zu ihren Gefühlen verloren. Michel Houellebecq liefert seine Figuren diesem Umstand aus. Sie entwickeln sich nicht weiter. Er lässt sie erkranken, sterben und verrecken. Das empfand ich als unreif und schade, denn weder in der Kunst noch im Leben möchte man so vom Schicksal enttäuscht werden. Daher haben wir versucht, die Figuren weiter zu entwickeln.
Wobei Sie wahrscheinlich besonders die Verletzung angesprochen hat, die die beiden Männer erlitten haben, als ihre Mutter sie verlassen hat?
Die Verletzung des Grundvertrauens in die Mutter ist die Voraussetzung für das Verhalten der beiden Brüder. Eine Trennung oder Scheidung war damals eine absolute Katastrophe. Ich denke aber auch, dass sich das Schicksal der Brüder von dem der heute 20-jährigen Scheidungskinder unterscheidet. Ihre Eltern blieben diesen erhalten, und es gab keine Repressalien durch die Gesellschaft. Sie sind in einer liberalen Gesellschaft aufgewachsen, die mit Trennungen gelernt hat umzugehen, und haben dadurch wahrscheinlich bessere Voraussetzungen für ihre eigene Liebesfähigkeit.
Die Diskussion im Buch um das Klonen von Menschen haben Sie weitgehend außen vor gelassen. Warum?
Die Frage nach der Beschaffenheit einer Gesellschaft, die sich durch Klonen fortpflanzt, beantwortet der Roman nicht. Auch geht Houellebecq nicht der Frage nach, wie sich die Menschen in einer solchen Gesellschaft untereinander verhalten würden. Dies versucht er erst jetzt in seinem neuen Roman zu beantworten. In „Elementarteilchen“ stellt er das Problem nur sehr propagandistisch dar, was vermutlich Ausdruck eines großen Harmoniebedürfnisses ist. Über Hunderte von Seiten beschreibt er, welch ein Moloch die Gesellschaft und das Leben sind. Und wie jeder Romantiker will er sich dem entziehen, durch die Schaffung eines Paradieses, in dem Frieden und Harmonie herrschen. Das kann in einem Roman gut beschrieben werden, ist aber filmisch nicht umsetzbar. Andererseits kann ich mich auch nicht mit dem Rückschluss anfreunden, Sexualität mache die Menschheit aggressiv und schaffe Kriege und müsse deshalb abgeschafft werden.
Haben Sie letztlich aus einem pessimistischen Buch einen sehr optimistischen Film gemacht?
Na ja, einen sehr optimistischen Film? Ich hatte keine Lust, die Leute im Dreck enden zu lassen. Ich wollte, dass die Figuren trotz ihrer Verletzungen und Enttäuschungen aus der kleinen Chance, die sie bekommen, auch was machen können.
Also auch eine Weiterentwicklung als Filmemacher?
Ich weiß nicht, ob es sich um eine Weiterentwicklung handelt. Es hat bei mir eher ein Umdenken stattgefunden. Ich will mit meinen Filmen Zuschauer erreichen, die ich früher nicht erreicht habe. Jetzt suche ich mir eher Geschichten, die mich berühren und versuche mich in eine andere Welt hineinzuversetzen.
epd Film 3/2006
Start: 23.2. (D), 24.2. (A), 2.3. (CH)


epd Film Abonnement
© epd Hinweis zum Urheberrecht