»Mir ist kalt...«

In "Männer die auf Ziegen starren", trainieren US-Soldaten die esoterische Kriegführung: Feind wegdenken. Bizarr? Nicht seltsamer als das, was klassische Kriegssatiren auf die Leinwand gebracht haben. Ein Rückblick

Von Rudolf Worschech

Ben Stiller, Robert Downey Jr., Jack Black
  in "Tropic Thunder"

Als vor drei Jahren Clint Eastwoods Kriegsfilm-Doppel Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima in die Kinos kam, haben die Medien die Schicksalsfrage des Genres: ob man es nun mit einem Kriegsfilm oder einem Anti-Kriegsfilm zu tun habe, nicht mehr gestellt. Obwohl ziemlich viel Kampfgeschehen gezeigt und die Notwendigkeit des Pazifikkriegs nie angezweifelt wird. Aber vielleicht lag das daran, dass Eastwood im ersten Teil den Fokus auf die mediale Geschichte der vom AP-Fotografen Joe Rosenthal berühmt gemachten Errichtung der amerikanischen Flagge auf der Insel Suribachi richtet: eine PR-Kampagne, mit der die Bevölkerung zur Zeichnung von Kriegsanleihen bewegt werden sollte. Der Einsatz der Iwo-Jima-Helden an der Heimatfront hat etwas Surreales, wenn sie in Sportstadien die Flagge wieder und wieder aufrichten müssen.

Das Moment des Surrealen oder Grotesken zeichnet alle Kriegssatiren aus, die in den letzten vierzig Jahren entstanden sind. Jeder geradlinig erzählte Kriegsfilm läuft ja Gefahr, durch die Schilderung grausamer Details, durch Beschreibung von Mut und Opferbereitschaft Identifikation hervorzurufen. Der Vietnamfilm Wir waren Helden ist 2002 daran gescheitert: Zu versuchen, die Dinge so zu schildern, wie sie waren, nutzt im Kriegsfilm nichts. In diesem Genre ist die Satire für die Subversion zuständig. Der Zweite Weltkrieg war der letzte »anständige« Krieg der USA, am Ende stand die Niederringung des deutschen Faschismus. Spätestens seit Vietnam haben die amerikanischen Militärs die Weltöffentlichkeit nicht mehr auf ihrer Seite – die Lage ist diffuser geworden. Das haben die Kriegssatiren seitdem beherzigt. In Apocalypse Now von Francis Ford Coppola ist die Undurchschaubarkeit selbst Thema geworden, in der apokalyptischen Reise des Captain Willard und seines Platoons durch einen undurchdringlichen Dschungel. Der Film ist insgesamt keine Satire, aber er enthält in seiner collageartigen Erzählweise großartige, bitterböse satirische Momente, etwa Wagners Walkürenritt zum Napalmangriff oder den Auftritt der Playboy-Bunnies. Ist Apocalypse Now ein Antikriegsfilm? »Wer einen Antikriegsfilm dreht, kann ebenso gut einen Film gegen den Regen drehen«, soll Drehbuchautor John Milius gesagt haben.

Anfang der Siebziger kamen zwei Filme in die Kinos, die vordergründig nichts mit Vietnam zu tun hatten, aber immer auch als Anspielungen darauf verstanden wurden, Robert Altmans MASH und Catch 22 von Mike Nichols. Altmans im Koreakrieg angesiedelter Film (der den Bezug auf Vietnam schon dadurch kenntlich macht, dass einer der Beteiligten mit Spitznamen »Me Lai« heißt) ist eine Groteske, in der drei Ärzte mit ihrem mobilen Hospital ihren Spaß im Krieg zu organisieren wissen. Das Sterben aber bleibt in diesem Film immer präsent, und aus dem Ineinander von Tod und Komik bezieht MASH die Spannung. Geht Altman mit seinem Humor gern ins Derbe, so serviert Mike Nichols einen Krieg à la Kafka. Der Bombenschütze Captain Yossarian, 1944 auf Sizilien stationiert, ist der einzig Normale in einer wahnsinnigen Welt, in der es schon einmal vorkommt, dass er eine Auszeichnung nackt entgegennehmen muss – weil die Uniformen in der Wäsche sind. Catch 22 schildert eine durchbürokratisierte Kriegsmaschine, die irgendwie ins Leere läuft. Eigentlich will Yossarian nicht kämpfen, sondern sich für verrückt erklären lassen. Wer aber nicht mehr kämpfen will, kann nicht so verrückt sein, dass er nicht mehr fliegen müsste. Das ist der »Catch 22«, der Haken der Geschichte, das Paradox, nach dessen Muster der Film gestrickt ist.

Als Klamotten funktionieren die Filme von Altman und Nichols dennoch nicht, dazu sind sie viel zu unversöhnlich. Denn Klamotten schaffen es, dem Drill und den militärischen Strukturen einen gewissen Charme abzugewinnen; im deutschen Film reicht da der Bogen von Paul Mays »08/15«- Trilogie aus den fünfziger Jahren über Leander Haußmanns Kasernenhofschwank »NVA« bis hin zu dem Atze-Schröder-Vehikel »U-900«, das eine Parodie versucht auf Wolfgang Petersens Boot, sich aber allzusehr verlässt auf den vermeintlichen Witz seines Hauptdarstellers.

Wahrscheinlich setzen wir Zuschauer uns die Bilder von den Kriegen, die die Menschheit in den letzten Jahrzehnten geführt hat, aus den Filmen zusammen, die darüber gedreht wurden. Und wahrscheinlich sind deshalb die Kriegssatiren die besten, die sich direkt mit der Bilderproduktion, der Ikonografie des Krieges auseinandersetzen. Three Kings von David O. Russell mit George Clooney, Mark Wahlberg und Ice Cube ist inszeniert wie ein Popvideo: die Suche dreier Soldaten nach dem Gold des Diktators Saddam Hussein im zweiten Golfkrieg wird mit so schnellen Schnitten, ungewöhnlichen Perspektiven und rasanten Fahrten erzählt, dass es einen schwindelt. Die Ästhetik dieses Films zielt gewissermaßen auf eine Fragmentierung der Kriegs-Realität und unserer Bilder vom Krieg. Das hat Richard Lester schon drei Jahrzehnte vorher versucht, in Wie ich den Krieg gewann (1967), mit John Lennon in einer Nebenrolle. Der Weg eines Platoons britischer Musketeers von der Ausbildung bis zu ihrem Ziel, hinter den feindlichen Linien in Afrika ein Kricketfeld zu errichten, ist eine Dekonstruktion, verfremdet, absurd – und in ihrer intellektuellen Kühle irgendwie auch zahnlos.

Kühle wird man Ben Stillers Film Tropic Thunder nicht nachsagen können. Auch er verhackstückt so ziemlich jede Standardsituation des Kriegs-, besonders des Vietnamfilms. Wohin die Reise geht, zeigt schon die Eröffnungssequenz, in der eine Luftlandeeinheit ein Platoon aus dem Dschungel zu retten versucht. Da wird ein Soldat von Kugeln durchsiebt und reißt seine Arme in die Luft wie weiland in Platoon; ein Kamerad hält seine Armstümpfe, und es gibt den denkwürdigen Filmdialog: »Mir ist kalt. Ich spüre meine Beine nicht mehr« – bis sich die Szenerie als Filmset enthüllt. Später werden die drei Hauptdarsteller gegen reale Drogenkrieger antreten müssen. Anspielungen auf Apocalypse Now und andere Filme sind in Tropic Thunder so offensichtlich wie die Rambo-Parodie in Hot Shots 2. Ist Tropic Thunder ein Kriegsbilderpanorama, so hat Steven Spielberg seine Kriegssatire 1941 – wo bitte geht’s nach Hollywood wie eine Revue verpackt, die Paranoia der Amerikaner nach Pearl Harbor wie ein Musical inszeniert, mit John Belushi als manischem Piloten. Der Film floppte, aber beim Wiedersehen wird man seine Überdrehtheit zu schätzen wissen.

Spielberg hat mit einem Besetzungscoup der vielleicht größten Kriegssatire überhaupt seine Reverenz erwiesen. In »1941« spielt Slim Pickens einen Amerikaner, der von einem vor Los Angeles operierenden U-Boot gefangen genommen wird. Pickens war in Stanley Kubricks Dr. Strangelove der Major Kong, der am Schluss auf der Atombombe in den Untergang ritt. An Dr. Strangelove kann man sehr schön beobachten, wie, um Karl Kraus zu bemühen, die Realität versuchte, der Satire nachzueifern. Der »War Room« ist der zentrale Raum in diesem Film aus dem Kalten Krieg: eine Mischung aus Bunker, Albert Speer’schem Größenwahn und US-amerikanischen Großmachtsfantasien. George W. Bush wollte, so heißt es, bei seinem Amtsantritt als Präsident in den War Room geführt werden, den er aus Kubricks Film kannte – den es aber nie gab. Verstanden hat Bush den Film auch nicht, denn Dr. Strangelove ist ein Anschlag auf die – damals – größte Autorität der westlichen Welt, die amerikanische Regierung. Schon die satirische Grundannahme des Films war ja als Prämisse des Kalten Krieges bittere Realität: Sicherheit durch Abschreckung.

Das großartig Subversive an Dr. Strangelove ist, wie er den Autoritäten Infantilität, Unzurechnungsfähigkeit und Verantwortungslosigkeit unterstellt. Die Szenen im War Room, besonders das Telefonat des US-Präsidenten mit seinem offenbar angetrunkenen russischen Kollegen, sind an bizarrer Komik kaum zu überbieten. Aber Dr. Strangelove endet tragisch: mit der Detonation der Bombe. Und während er Auf­­nahmen von Atompilzen zeigt, unterlegt Kubrick diese merkwürdig schönen Bilder der Zerstörung mit einem Song aus dem Zweiten Weltkrieg: »We‘ll meet again/Don‘t know where/Don‘t know when/ But I know we‘ll meet again/some sunny day/Keep smiling through/Just like you always do/‘Til the blue skies drive the dark clouds away.« Das kann man gar nicht witzig finden. 


 


 


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