Dalai Lama pictures!

Der Buddhismus ist, vor allem in seiner tibetischen Variante, das marktgängigste aktuelle Glaubensmodell. Das könnte man jedenfalls meinen, wenn man einen Blick auf die neuere Filmproduktion wirft

von Martin Gieselmann

"Zehn Fragen an den Dalai Lama"
© NFP

Wer Lhasa und die religiösen Stätten Zentraltibets in den 1980er Jahren besuchte, dem fielen zahlreiche buddhistische Kindermönche ins Auge, die immer wieder die westlichen Besucher mit einem halblauten »Dalai Lama pictures« zum Kauf einer Fotografie mit dem Konterfei des religiösen Führers Tibets animierten. Die Vitalität dieses an sich verbotenen Werbens um Aufmerksamkeit für den in China von offizieller Seite geächteten Dalai Lama war ebenso rührend wie effektiv. Zahllose Bildchen wechselten den Besitzer. Sie wurden von Besuchern erstanden, die nicht nur die Schönheit des Landes genossen, sondern auch das Gefühl, den entrechteten Tibetern mit einer kleinen Spende Gutes zu tun. Betrachtet man die Produktion von Kino- und Dokumentarfilmen zum Buddhismus allgemein und zu Tibet im Besonderen, stellt man fest, dass dieses Prinzip noch immer funktioniert: Im übertragenen Sinne werden »Dalai Lama pictures« nach wie vor fleißig gedreht, gesendet und gesehen. Wie ist diese Faszination zu erklären und was sagt sie über den westlichen Betrachter aus? Und: Warum macht gerade die tibetische Variante den Großteil der filmischen Bearbeitungen des Buddhismus aus?

Einen Teil der Antwort liefert der Dalai Lama selbst mit seiner Persönlichkeit und medialen Präsentation. Dabei ist er nicht das einzige geistige Oberhaupt einer Religion, das sich der Medien bedient. Man denke an die Auftritte von Papst Johannes Paul II. oder des Ajatollah Chomeini, der schon aus dem Pariser Exil seine Herrschaft im Iran mit Hilfe der Medien wirkungsvoll einläutete. Doch während sich Letztere vorwiegend an Landsleute und Glaubensbrüder gerichtet haben, geht der Dalai Lama bewusst auch auf ein nicht buddhistisches, westliches Publikum zu. Seine Mission ist überaus erfolgreich – nicht zuletzt auch im Filmgeschäft, wo zahlreiche prominente Schauspieler und Regisseure sich als Sympathisanten oder gar gläubige Buddhisten präsentieren. Schon in den Neunzigern machten sich große Filmprojekte zu Verfechtern der Sache Tibets. Filme wie Little Buddha (Bernardo Bertolucci, 1993), Sieben Jahre in Tibet (Jean-Jacques Annaud, 1997) oder Kundun (Foto) (Martin Scorsese, 1997) stellten dar, wie der friedfertige tibetische Buddhismus von der areligiösen Staatsmacht Chinas unterdrückt wurde. Auf diese Betrachtungsweise wurde in der Volksrepublik China empfindlich reagiert. Selten ist der Gehalt US-amerikanischer Filme so scharf kritisiert worden wie in diesen Fällen, und eine Reihe der prominenten beteiligten Akteure belegte man mit Einreiseverbot.

Letztlich erreichte man damit jedoch zumindest im Westen nur einen noch engagierteren Einsatz für den Dalai Lama. Die Tatsache, dass China diesen Filmen eine derartige politische Bedeutung zumaß, verstärkte die Position des Dalai Lama in zweifacher Hinsicht. Erstens wuchs die Sympathie mit seinem friedfertigen Freiheitskampf, und zweitens erhöhte sich dadurch seine spirituelle Autorität im Westen. Gerade weil er nur über die Kraft der Worte und des Glaubens verfügte, fielen ihm die Sympathien zu. Der Dalai Lama avancierte so gesehen zum guten, machtlosen und gläubigen Helden, eine Kombination, die für den Film wie geschaffen ist. Unterfüttert wurde diese Tendenz auch durch Dokumentarfilme, etwa Tibet – Widerstand des Geistes (Clemens Kuby, 1990), die ihre Authentizität noch dadurch unterstreichen, dass sie auf schwierige Produktionsbedingungen verweisen. Auch diese »Dalai Lama pictures« verkauften sich besser und wirkten glaubwürdiger, weil es sich um verbotene Ware handelte.

Auf der Grundlage einer charismatischen und mit allen Merkmalen eines Helden ausgestatteten prominenten Führungsfigur hat der Buddhismus tibetischer Prägung aber auch eine hervorgehobene Stellung gegen-über anderen buddhistischen Glaubensformen eingenommen. Weder der japanische Zen-Buddhismus noch die zahlenmäßig weit verbreiteten, südostasiatischen Varianten des Buddhismus konnten diese Wirkung im Westen erzielen. Dabei sollten gerade die südost­asiatischen Varianten, die betonen, dass man aus eigener Kraft zur spirituellen Erlösung gelangen möge, dem westlichen Selbstverständnis näher sein als die vergleichsweise autoritative Unterweisung im tibetischen Buddhismus. Dennoch sind andere als die tibetischen Formen – zumindest in der Wahrnehmung im Westen – als marginal zu bezeichnen.

Das zeigt sich daran, dass sie deutlich weniger unantastbar sind, wenn es um die Verfilmung buddhistischer Stoffe geht. Eine Filmemacherin wie Doris Dörrie, die dem Buddhismus in ihren Interviews durchaus positiv gegenübersteht, siedelte ihren ironischen Kommentar auf selbigen in Erleuchtung garantiert (2000) daher nicht zufällig in Japan an. So gelang es ihr, die Merkwürdigkeiten der östlichen »Erleuchtung« ihrer westlichen Landsleute aufs Korn zu nehmen, ohne den Buddhismus beschädigen zu müssen. Und es bedurfte schon eines ausgeprägt anarchischen Naturells wie dasjenige eines Herbert Achternbuschs, um wie in Ab nach Tibet! (1993) über die gewissermaßen sakrosankte Stellung Tibets hinwegzusehen.

Der Buddhismus im Film weist aber noch weitere Besonderheiten auf, aus denen sich seine Attraktivität im Westen generiert. So wird in einigen der genannten Filme der westliche Betrachter buchstäblich für eine Reise in die Welt des Buddhismus abgeholt. Dies ist etwa in Living Buddha (Clemens Kuby, 1994) und Little Buddha der Fall, in denen wesentliche Teile der Handlung in nordamerikanischen Metropolen angelegt sind. Andere Filme betonen dagegen vor allem die Unterweisung durch die spirituelle Autorität der buddhistischen Oberhäupter.

Während im Westen die Autorität der Glaubensvertreter eher zurückgeht und die Akzeptanz ihrer Stellungnahmen sogleich von einer kritischen Zuhörerschaft hinterfragt wird, verfügen die buddhistischen Führer über ein erstaunlich hohes Maß an Glaubwürdigkeit und Autorität. So verwundert es wenig, dass das Lehrer-Schüler-Verhältnis, das im tibetischen Buddhismus besonders stark verankert ist, in einer Reihe von Dokumentationen  hervortritt. Dies wird etwa in neueren Dokumentarfilmen wie Dalai Lama Renaissance (Khashyar Darvich, 2007) oder 10 Questions for the Dalai Lama (Rick Ray, 2006) deutlich. Wenn in Dalai Lama Renaissance vierzig sogenannte innovative Denker, darunter Physiker, Therapeuten oder Philosophen, auf den Dalai Lama treffen und er ihnen Wege aus der offenkundigen mentalen Desorientierung weist, so funktioniert dies nur, weil sich diese westlichen Individualisten der spirituellen Autorität des Dalai Lama unterwerfen. Mit der Darstellung der ordnenden Eingriffe durch die Autorität des buddhistischen Lehrmeisters wird ein Kernstück der Funktionsweise des Buddhismus im Film offenkundig: Der westliche Besucher wird in diesen Filmen zum heilsuchenden Pilger. Rationalere Unterweisungen in der Form der Dokumentation interreligiöser Dialoge, bei denen zum Beispiel prominente christliche Vertreter mit buddhistischen Kollegen diskutieren – etwa in Buddha im Reich Gottes (Dieter Zeppenfeld, 2001) – haben keine derartigen Effekte aufzuweisen und fallen in ihrer Wirkung daher häufig weit schwächer aus.

Die skizzierten Merkmale beleuchten Grenzen und Möglichkeiten des Buddhismus im Film. Es ist deutlich, dass einige Aspekte des real praktizierten Buddhismus nicht in den Blick kommen, andere unterrepräsentiert sind. Man darf daher getrost davon ausgehen, dass eine weitergehende Befragung von Fachleuten zum Thema Film und Buddhismus – seien es Historiker, Religionswissenschaftler, Ethnologen oder gar Buddhologen und Tibetologen – weitere Schieflagen zutage fördern würde. Gleichzeitig ist aber auch festzuhalten, dass der Film beim Thema Buddhismus ein weiteres Mal seine Stärken ausspielt: Er überwindet mühelos die Grenzen seiner Entstehung, er befördert und bedient die Sehnsüchte seines Publikums und entführt ins Unbekannte. Dass er dabei mal näher, mal weiter von den Wirklichkeiten entfernt ist, kann man ihm nicht vorwerfen. Und: Es gereicht dem Faszinosum Buddhismus im Film kaum zum Schaden. 

epd Film 12/2008


 


 


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