Reise nach Jerusalem

Das Kino aus Israel erlebt zurzeit einen kleinen Boom. Filme wie "Lemon Tree" und "Waltz with Bashir" laufen mit Erfolg auf den großen Festivals und werden international wahrgenommen

von Marli Feldvoß

"Waltz with Bashir"
© Pandora

Wenn Sie nach Israel wollen, fahren Sie nach Tel Aviv, nur nicht nach Jerusalem«, warnte mich Dror Shaul kürzlich bei einem Interviewtermin auf dem Frankfurter Flughafen. Zu spät. Da war ich längst aus Israel zurück und hatte von allein gemerkt, wie nicht nur in Jerusalem, sondern überall im Land gleich nach der Ankunft der Adrena­linspiegel zu klettern anfängt. Diejenigen, die den Druck nicht mehr aushalten, viele Künstler, suchen schon lange das Weite, um aus der Distanz wieder zu sich und zu ihrem Land zu finden. Die trifft man dann in Berlin, London oder New York wieder. Der Jerusalemer Bürgermeisterssohn und Autor Amos Kollek hat sich erst in New York einen Namen als Regisseur gemacht. Die palästinensische Schauspielerin Hiam Abbass (Lemon Tree) lebt mit ihrer Familie in Paris.

 Was Tel Aviv betrifft: Es gibt sicher ein nächstes Mal, um die als »sophisticated« verschriene europäischste Stadt Israels noch besser kennenzulernen. Vielleicht im nächsten Jahr, wenn Tel-Aviv-Yafo sein hundertjähriges Jubiläum feiert. Damals im April 1909 hatten sich ein paar Dutzend auffällig gut gekleideter Männer und Frauen im Norden von Yaffa am Strand versammelt, um ihr gemeinsam erworbenes Land mit Hilfe der legendären »Muschel-Verlosung« untereinander aufzuteilen. Heute erhebt sich hinter den Dünen eine imposante Wolkenkratzerkulisse mit 380.000 Einwohnern, davor – wie man in Shira Geffens und Edgar Kerets Episodenfilm Jellyfish zu sehen bekommt – Strandidylle mit Eismann. Der alte Stadtkern mit seiner wunderbaren Bauhaus-Architektur könnte mittlerweile eine Sanierung vertragen, nur das stilbewusste Hotel Cinema am Dizengoff Square, das früher einmal Esther Cinema hieß und die alten Projektoren als Dekorationsstücke gerettet hat, strahlt im aufpolierten Glanz der Moderne.

Das Land Israel und sein Kino sind inzwischen eine enge Liaison eingegangen. Unterwegs, egal wohin, zu irgendeinem Kibbuz, zu den Golanhöhen im Norden, zum Toten Meer  im Süden oder nach Jerusalem – immer schiebt sich dazu ein Filmerlebnis vors Auge. Als hätte das Kino die Aufgabe des Treuhänders und Chronisten übernommen. Man braucht im Grunde nur ins Kino zu gehen, wenn man sich mit den unterschiedlichen Problemen des Einwanderungslandes auseinandersetzen will, dessen Bevölkerung, wie sich heute zeigt, partout nicht in einem Melting Pot aufgehen will, wie es die Gründerväter beabsichtigten, sondern in eine bunt gewürfelte Stammesgesellschaft mit vielen partikularen Interessen zerfällt. Dieser Tatsache kommt die »Neue Welle« des israelischen Kinos entgegen, die sich in den letzten Jahren herausgebildet hat. Hauptmerkmal dieser Strömung ist, dass die Filmemacher sich nicht mehr der zionistischen Doktrin verpflichtet fühlen, sondern mit der eigenen Stimme sprechen, ihre persönliche Sichtweise hervorkehren – das Ich und nicht das Wir –, Fragen der eigenen Identität in den Mittelpunkt stellen. Als Vorreiter kann die in Haifa angesiedelte Komödie Broken Wings (Nir Bergman, 2002, Publikumspreis der Berlinale 2003) gelten, in der ein Vater nicht etwa im Krieg, sondern am Stich einer Biene stirbt und damit seine Familie in die Krise stürzt.

Wer mehr darüber wissen will, fragt am besten Katriel Schory, seit neun Jahren Leiter des Israel Film Fund und glühender Verfechter totaler künstlerischer Freiheit. »Wir nehmen, was kommt. Wir mischen uns nicht ein«, sagt er. Ob  ein solcher Satz auch bei der deutschen Filmförderung zu hören wäre? Der frühere Produzent und Filmemacher war jedenfalls die treibende Kraft hinter der Erneuerung des israelischen Kinos und bewirkte, dass im Januar 2001 in der Knesset endlich ein Kinogesetz verabschiedet wurde, das eine erhebliche Erweiterung der Filmförderung und deren Unabhängigkeit von wechselnden Regie­­rungsmehrheiten und ihren Launen vorsah. Mit diesem Rückgrat hat sich das israelische Kino – damit ist zunächst der von Schory betreute Spielfilm gemeint – mit Riesenschritten aus der Nische der Ausnahmekunst befreit. »Wir waren nicht mehr das Stiefkind der Kultur.« Seitdem müssen die privaten Fernsehsender Abgaben leisten, um das israelische Kino zu finanzieren. Die Zuschauerzahlen taten einen gewaltigen Sprung von 36.000 (1998) – dem Tiefpunkt überhaupt – auf 1,4 Millionen (2004). Heute verzeichnen sogar einzelne Filme Traumzahlen wie 500.000 verkaufte Karten für Turn Left at the End of the World (Avi Nesher, 2004) oder 270.000 für Die Band von nebenan (Eran Kolirin, 2007).

Das Bekenntnis zur Filmkultur ist heute in Israel das Normalste der Welt. Eine wichtige Rolle spielt dabei wohl auch, dass Film als Unterrichtsfach in der High School gelehrt wird. Die große Akzeptanz des Kinos ist auch zu spüren, wenn man sich auf einem Festival wie dem Docaviv in Tel Aviv bewegt, das im April sein zehnjähriges Bestehen feierte. Dort hat man – selbstbewusst – neben dem internationalen auch noch einen israelischen Wettbewerb eingerichtet; zehn  Beiträge sind ­gemeldet. Dazu gehört auch der Fes­ti­val-Eröffnungsfilm The Beetle von Yishai Orian, ein weiteres Beispiel für die Segnungen der »Neuen Welle«. In einem historischen Rückblick erzählt The Beetle zunächst davon, dass der erfolgreichste Kleinwagen aller Zeiten – »unser Käfer« nämlich – in Israel nur mit dem gefälschten Gütesiegel »Made in Belgium« an den Kunden zu bringen war; trickreich unterliefen die eigenen Behörden den verordneten Boykott deutscher Produkte. Aber das ist lange her. Eigentlich geht es dem jungen Filmemacher darum, seine ganz persönliche Reise ins verfeindete Ausland zu schildern. Er liebte seinen 40 Jahre alten Käfer so sehr, dass er das Nummernschild abmontierte, seine Kippa absetzte und klammheimlich über die jordanische Grenze fuhr, um ihn dort reparieren zu lassen und neue Freundschaften zu schließen.

Wer einmal an den hermetisch abgeriegelten Grenzübergängen zur West Bank oder vor der bis zu neun Meter hohen Mauer in der Gegend von Jerusalem gestanden hat, versteht erst richtig, wie viel Zivilcourage hinter einem solchen Filmvorhaben steckt, das auf die gesamte israelische Sicherheitspolitik zu pfeifen scheint. Auch im Frühjahr 2008 sind bewaffnete Zwischenfälle und Tätlichkeiten zwischen Israelis und Palästinensern an der Tagesordnung, fliegen täglich Raketen aus dem Gazastreifen über die Grenze, nur 30 Kilometer südlich von Tel Aviv. Nach dem im Sommer geschlossenen Waffenstillstand scheinen beide Seiten eher mit sich beschäftigt.

Trotzdem: In Israel herrscht Ausnahmezustand und das seit der Staatsgründung vor 60 Jahren. Auf den 1967 eroberten Golanhöhen sind Schützengräben und Pappsoldaten, die auf die Feinde zielen, für den Tourismus hergerichtet. Erst in den letzten Jahren ist das Bild des Soldaten und das hohe Ansehen der israelischen Armee ins Wanken geraten. Kriegsteilnehmer Ari Folman befragt in Waltz with Bashir (2008) seine Alpträume und die alten Kameraden, um Schritt für Schritt die schreckliche Erinnerung an das Massaker von Sabra und Schatila aus der Verdrängung zu befreien. Der Reservist Yariv Mozer hat gleich seine Videokamera eingepackt, als er bei Ausbruch des zweiten Libanonkriegs am 12. Juli 2006 als Reservist  eingezogen wurde. Am Ende von My First War (2008) zieht er Bilanz: 86 Tote, drei Wochen Krieg ohne Sinn, Soldaten, die von  posttraumatischen Störungen heimgesucht werden oder in Tel Aviv auf die Straße gehen, um gegen Präsident Olmerts Politik zu protestieren.

Als schärfster Kritiker der Armee gilt Joseph Cedar mit seinem Film Beaufort (2007, Silberner Berlinale-Bär für die beste Regie). Auch er greift auf Erinnerungen an den ersten Libanonkrieg zurück, wenn er seine Soldaten wie Astronauten auf einem andern Stern herumtappen lässt, wenn sie, nach achtzehnjähriger sinnloser Besatzungszeit, die Festung Beaufort endlich aufgeben und in die Luft sprengen sollen. Eine wahre Ge­schichte. Sein Held sei kein Verlierer, betont Cedar im Gespräch, sondern einer, der den Mut habe, seine Angst einzugestehen. Dass der Film mit gestohlenen Schneeausrüstungen der Armee gedreht wurde, die sie einem Hehler auf der Straße abgekauft haben, erhöht noch das absurde Geschehen auf der Leinwand. Das sind herbe Töne, die zeigen, wie weit sich Israel heute vom einstigen ­Mythos des »Sabres«, vom Helden der Pionierzeit und damit vom Ideal des »Neuen Juden« entfernt hat.

Auch die für Israel identitätsstiftende Kibbuzbewegung ist in letzter Zeit ins Visier der Filmemacher geraten, die aus eigener Erfahrung sprechen. In Wirklichkeit gibt es heute noch um die 270 Kibbuzim, von denen jedoch nur noch 15 nach der reinen sozialistischen Lehre funktionieren. So kann man  ziemlich komfortabel in einer Hotel-Bungalow­anlage übernachten, die von einem Kibbuz betrieben wird. Jonathan Paz, Regisseur von The Galilee Eskimos, ist in einem Kibbuz geboren, den seine Mutter gegründet hatte, auch sein Drehbuchautor Joshua Sobol hat zehn Jahre in einem Kibbuz verbracht. Der Filmtitel spielt auf das Schicksal der Eskimos an, die zum Sterben allein gelassen werden. So geht es auch den zwölf Alten, die aus Versehen in einem Kibbuz zurückgelassen werden, als dieser wegen hoher Verschuldung aufgegeben werden musste. Kein Einzelfall.

Wenn man in die weiße Stadt Jerusalem kommt, leuchtet die Goldkuppel der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg schon von weitem. Betreten für Ungläubige streng verboten.  Ungern gesehen sind die ungläubigen Besucher auch im orthodoxen Stadtviertel Mea Shearim, wo My Father, My Lord von David Volach angesiedelt ist. Die Geschichte einer gottesfürchtigen Familie, die nur nach dem Gebot des Herrn lebt und darüber das wirkliche Leben und das eigene Kind vergisst. Der von Assi Dayan dargestellte alte Jude, der nur beim Studium des Talmud zu sehen ist, allenfalls mal eine Taube verscheucht, löste in Israel einen Sturm der Empörung aus. Das gleiche Gefühl beschleicht einen bei einem Rundgang durch das eigentlich moderne, doch mittelalterlich anmutende Stadtviertel, in dem das Leben plötzlich zum Stillstand zu kommen scheint. Dass alle Ethnien und Religionsgemeinschaften in Israel ihre eigenen Ausbildungsstätten unterhalten, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dass dazu auch eine reli­giöse Filmschule gehört, gibt allerdings zu denken.


 


 


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