Friedliche Zeiten

Nebenan ist ganz weit weg: Neele Leana Vollmar wirft einen liebevollen Blick zurück in die Welt der sechziger Jahre, als auf den Straßen noch gelbe Opel Kadetts fuhren und die Studentenbewegung in der Kleinstadt nur ein fernes Grollen war

von Rudolf Worschech


© Fotos: Kinowelt

Wer von heute aus über 1968 nachdenkt, dem kommen diese Zeiten alles andere als friedlich vor. Aber wahrscheinlich steckt auch in dem Titel etwas von der leisen Ironie, die den zweiten Film der Regisseurin Neele Leana Vollmar durchzieht. Denn so friedlich sind die Verhältnisse auch nicht, die sie beschreibt, auch wenn sie so scheinen. Ein eher bröckelndes Familienidyll: Vor sieben Jahren ist die Familie Striesow in den Westen gekommen, und zumindest die Mutter findet sich noch nicht so zurecht. Die Autos sind zu groß, was zu diversen Unfällen mit dem kleinen, gelben Opel Kadett der Familie führt, das Verbrechen lauert überall, weshalb immer die Kette vor die Tür muss, und natürlich, wittert sie, hat ihr Mann eine »Zweitfrau«. Der allerdings träumt zuerst einmal von einer Reise nach New York und eigenen vier Wänden. Denn die Familie lebt immer noch in einer Sozialbausiedlung, wo spitz bebrillte Nachbarinnen zum Kaffeekränzchen einladen.

Fast dokumentarisch hat Vollmar die Atmosphäre und den Look dieser sechziger Jahre eingefangen, dass man fast den Mief der Synthetikpullunder riechen kann. Flüchtlinge aus der »Zone« hatten es da schwer. Und so wird der Blick auf den Alltag der sechziger Jahre, den dieser Film so liebevoll und authentisch rekonstruiert, in seinen besten Momenten zu einem Blick in eine fremde Welt, zu einem Ausdruck von Heimatlosigkeit.

Als das Fernsehen Bilder in Prag einrückender sowjetischer Panzer zeigt, packt Mutter Irene ihre Kinder Wasa, Ute und Flori in den gelben Kadett, um noch weiter in den Westen zu fahren. Vater Dieter ist gerade einen heben. Sie fürchtet die Invasion der Russen, hatten die doch beim Einmarsch in ihr Dorf am Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Freund erschossen. Die Kinder merken, dass es so mit ihren Eltern nicht weitergeht.

Die Aufnahmen russischer Panzer gehören zu den wenigen Momenten dieses Films, in denen sich die Zeitgeschichte Bahn bricht. Ganz konsequent blendet dieser Film die »großen« Ereignisse aus. Auch die Bilder protestierender Studenten kommen einzig aus dem Fernsehen. Es gab eben auch ein Leben jenseits von ’68, so wie wir es heute kennen und diskutieren, sagt dieser Film, der nicht wie viele andere versucht, aus heutiger Sicht idealtypische Strukturen im Mikrokosmos der Familie abzubilden. Kein patriarchaler Vater, keine Revolte, keine Emanzipation. Das hat etwas Mutiges und Grundsympathisches, weil es eben auch von den Ungleichzeitigkeiten des Lebens erzählt. Es wird dauern, bis gesellschaftliche Veränderungen bei den Striesows ankommen werden. Dass irgendwann in dieser übersichtlichen Vorstadtwelt auch ein anderer Wind wehen wird, merkt man nur in den Szenen, wenn Dieter mit seinem Kumpel Ami-Musik im Auto hört. Wozu damals ja bekanntlich viele »Negermusik« sagten.

Irene hatte recht. Dieter hatte eine Affäre.  Aber obwohl dieser Strang ihrer Ängste sich doch als wahr erweist, wirkt die Figur der Mutter mit ihren Phobien doch allzu dick aufgetragen. Und die Autos, die sie touchiert, summieren sich zu einem ganzen Parkplatz. Das bringt mitunter einen Zug von Groteske und Unglaubwürdigkeit herein, den dieser Film eigentlich nicht braucht.

Deutschland 2008. R: Neele Leana Vollmar. B: Ruth Toma (Romanvorlage Birgit Vanderbeke). P: Caroline Daube. K: Pascal Schmit. Sch: Florian Drechsler. M: Oliver Thiede. A: Stephanie Schlienz. Pg: Royal Pony/BR/Odeon/Lunaris. V: Kinowelt. L: 98 Min. FSK: 6, ff. Da: Katharina Schubert, Oliver Stokowski, Nina Monka, Leonie Brill, Tamino Wecker, Axel Prahl.

epd Film 9/2008



Start: 18.9. (D)


 


 


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