Die Entdeckung der Currywurst

Uwe Timms Buchvorlage gibt es bereits als Comic und in einer Bühnenfassung. Nun hat Ulla Wagner die Novelle mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle verfilmt

von Martina Knoben

Barbara Sukowa
© Fotos: Schwarz Weiss

Ich hab’ früher gar nicht so gern gekocht, erst jetzt, wo’s nichts mehr gibt.« Lena Brücker (Barbara Sukowa) hat einen Überraschungsgast mit nach Hause gebracht und ihm eine falsche Krebssuppe gezaubert: »Die schmeckt echter als echt.« Die Einschränkung, die erfinderisch macht und die Lust steigert – sie wird die Beziehung der reifen Frau zu dem jungen Mann befeuern, die undenkbar wäre in Friedenszeiten, nur in der Hitze des Krieges hat sie eine Chance. Hermann (Alexander Khuon) ist Mitte zwanzig, ein Seemann, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges noch als Infanterist an der Heimatfront verheizt werden soll; Lena Brücker eine von ihrem Hallodri-Mann enttäuschte, auf ihre Tüchtigkeit reduzierte Frau in den fortgeschrittenen mittleren Jahren. Aus einem Impuls heraus hat sie den Jungen mit nach Hause genommen und bietet ihm an, ihn zu verstecken.

Die Amour fou der reifen Frau wird gerade in mehreren Filmen verhandelt. Und wie in 42plus von Sabine Derflinger oder in Bernd Böhlichs Der Mond und andere Liebhaber steckt eine gehörige Portion Irrealis in diesem Film – Anzeichen, dass Beziehungen von älteren Frauen zu jüngeren Männern immer noch mindestens am Rande der Tabuzone anzutreffen sind. In Ulla Wagners Verfilmung von Uwe Timms Novelle ist es das Kulissenhafte, das die Geschichte aus der Sphäre des Wahrscheinlichen herausholt, wobei nicht ganz klar ist, in welchem Maß dies von der Regisseurin so gewollt war: Ihr Hamburg am Ende des Zweiten Weltkrieges setzt sich nie als Illusion einer gewesenen Realität durch.

 

Dass die beiden Liebenden nicht offen miteinander sind, er ihr verschweigt, dass er verheiratet ist, sie ihm dafür das Ende des Krieges unterschlägt, das ihn zuverlässig von ihr wegführen wird, macht den besonderen Reiz dieser Geschichte aus. Unter den Vorzeichen von Not und Lüge ist ihre Beziehung glaubhaft. Die ehemalige Fassbinder-Schauspielerin Barbara Sukowa ist sehr verführerisch in der Rolle, ohne im mindesten forciert jugendlich zu erscheinen. Einmal wird Lena mit einer Creme Caramel verglichen – und dieser kulinarische Vergleich beschreibt ihre Reize sehr gut, die Mischung aus Bodenständigkeit und Klasse, dazu die angedeutete Üppigkeit einer reifen Frau. In der Begegnung mit dem jungen Mann ist Lena zugleich selbstbewusst und verunsichert – Barbara Sukowa trifft diesen Zustand ganz wunderbar. Alexander Khuon (Sohn des Intendanten des Hamburger Thalia-Theaters Ulrich Khuon), der hier seine erste Kinorolle spielt, ist nicht ganz so überzeugend. Dennoch geben die beiden ein gutes Paar ab – die Unterschiede sind gerade so groß, dass Spannung entsteht.

Es gibt einige eher unwahrscheinliche Wendungen im Film, und insgesamt ist die Inszenierung zu erwartbar und brav. Als Emanzipationsgeschichte aber hat sie eine schöne Wahrhaftigkeit: Die Grenzen dieser Liebe sind klar; dennoch vermag sie sowohl Lena als auch ihren Deserteur zu verändern – Lena beginnt mit dem Gewürz dieser Liebe, dem Curry, nach dem Krieg ein zweites Leben.

Deutschland 2008. R, B : Ulla Wagner (nach der Novelle von Uwe Timm). P: Gerd Haag. K: Theo Bierkens. Sch: Corina Dietz. M: Christine Aufderhaar. A: Benedikt Herforth. Pg: Tag/Traum/Känguruh/NDR. V: Schwarz Weiss. L: 108 Min. FSK: 6, ff. FBW: besonders wertvoll. Da: Barbara Sukowa, Alexander Khuon, Wolfgang Böck, Branko Samarovski, Götz Schubert.

epd Film 9/2008



Start: 11. 9. (D)


 


 


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