Tage des Zorns

Ein Film zur dänischen Vergangenheitsbewältigung: die Geschichte zweier Widerstandskämpfer im von Nazis besetzten Dänemark, die zwischen Heroismus und Zweifel langsam zerrieben werden

von Marli Feldvoß


© Fotos: NFP

Der Résistance-Thriller ist spätestens seit Jean-Pierre Melvilles düsterem und autobiografisch inspiriertem Armee der Schatten ein Genre für sich. Und es ist kein Zufall, dass dieses Thema mit regelmäßigem Abstand in den Ländern wieder hochkommt, die in den vierziger Jahren eine lange und demütigende deutsche Besatzungszeit erlitten haben: unsere Nachbarstaaten Frankreich, Holland und nun auch Dänemark. Tage des Zorns von Ole Christian Madsen erinnert nun mit voller Wucht an jenen 9. April 1940, als die Deutschen in Kopenhagen einfielen, einen Tag, den freilich kein Däne bis heute vergessen hat.

Und doch liegen die Dinge wieder anders. Die dänische Regierung und ein Großteil der Bevölkerung hatten sich mit der Besatzungsmacht arrangiert, weshalb sich der Widerstand aus dem Untergrund zunächst gegen dänische Kollaborateure richtete. Erst später, als sich das »Kriegsglück« wendete, als 1943 die Regierung abgesetzt wurde, verstärkte sich der Widerstand und richtete sich auch gegen die deutschen Truppen und Befehlshaber.

Der Film feiert zwei Helden des Widerstands, die es wirklich gegeben hat: das Duo Flame (Thure Lindhardt) und Citron (Mads Mikkelsen), glühende Patrioten und Antifaschisten. Der intellektuelle Flame spielte den Part des kaltblütigen Auftragskillers, der zehn Jahre ältere Citron war spezialisiert auf Sabotageakte und unterstützte Flames blutige Botengänge als Chauffeur. 1944 waren die beiden von den Besatzern zu Staatsfeinden Nr. 1 erklärt worden und das auf sie ausgesetzte Kopfgeld wurde ständig erhöht. Beide brannten darauf, endlich auf die Deutschen als ihre wahren Feinde angesetzt zu werden. Als sie 1944 von der Gestapo gefasst wurden, nahm der umzingelte Flame Gift, Citron starb bei einem blutigen Showdown.

 

Flames Erzählerstimme begleitet den Film von Anfang an, sie kommt ins Straucheln, als sich die Dinge komplizieren, als eine Frau – eine Doppelagentin? – ins Spiel kommt, in die er sich verliebt, als er zum ersten Mal eine Liquidation nicht durchführt, weil ihm Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Auftraggeber und an der Identität des Gegners kommen. Die Erzählerstimme sorgt für eine Reflexionsebene, ohne die Dynamik des Thrillers zu bremsen, lotet jedoch zunehmend die Grenzen zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch aus, auch die sozialen Begleitumstände – Flames auf Kollaboration eingestelltes bürgerliches Elternhaus, Citrons zerrüttetes Eheleben infolge der jahrelangen Tätigkeit im Untergrund – runden das Bild von zwei Persönlichkeiten, die durch ihr politisches Engagement und ihren Fanatismus zerrieben werden und keineswegs als makellose Helden des Widerstands davonkommen. Die Gegner – Gestapochef Hoffmann (Christian Berkel) sowie Abwehrchef Gilbert (Hanns Zischler) verharren hingegen weitgehend im Schema bekannter Nazi-Feindbilder. Ein facettenreicher Thriller, dessen sensible Gratwanderung zwischen Unterhaltung und historischer Rückschau nicht zuletzt wegen der ungewöhnlichen Kameraarbeit von Jørgen Johansson durchaus gelungen ist.

Flame & Citron
Dänemark/Deutschland 2008. R: Ole Christian Madsen. B: Lars K. Andersen, Ole Christian Madsen. P: Lars Bredo Rahbek. K: Jørgen Johansson. Sch: Søren B. Ebbe. M: Karsten Fundal. A: Jette Lehmann. Pg: Nimbus/Wüste/Studio Babelsberg. V: NFP. L: 136 Min. FSK: 12, ff. Da: Mads Mikkelsen, Thure Lindhardt, Stine Stengade, Christian Berkel, Hanns Zischler.

epd Film 9/2008



Start: 28.8. (D)


 


 


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