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Ganz persönlich, ganz unmittelbar, ganz werbewirksam Filmschaffende aus allen Sparten nutzen das Internet zur Selbstverwirklichung. Und natürlich auch zur Vermarktung ihrer Filme. Von Gandalfs Mittelerde-Tagebuch bis zu Zack Snyders Watchmen-Prophezeiungen von Alexander Gajic
Stand früher für die Nutzer des Internets das Abrufen von Informationen im Vordergrund, so hat seit einiger Zeit die persönliche Kommunikation an Bedeutung gewonnen, in der Regel voll interaktiv und von den Nutzern selbst gestaltet. Doch das Internet wäre nicht das Internet, wenn sich innerhalb der gebotenen Plattformen nicht auch immer echte Kommunikation und gezieltes Nischenmarketing die Klinke in die Hand geben würden. Eine der beliebtesten neueren Publikationsformen auf der Datenautobahn, die beides ermöglicht, ist in den vergangenen fünf bis sechs Jahren das »Blog« geworden, auch für Film- und sonstige Kulturschaffende. Der Neologismus »Blog« – aus der Verkürzung des Wortes »Weblog«, also »Netz-Logbuch«, entstanden – ist eines der häufigsten Schlagwörter im Mediengeschäft überhaupt geworden. Dabei ist das Blog im Grunde nichts anderes als ein online geführtes Tagebuch, für das man dank neuerer Software keine Kenntnisse in Websprachen wie HTML mehr braucht, sondern nur noch eine Tastatur und einen Internetanschluss, egal wo auf dem Planeten man sich gerade befindet. Doch Blogs sind auch die Megafone der Neuzeit. Sie erlauben ihren Autoren so einfach wie nie – ohne Zeitverzögerung und ohne externe Kontrolle –, Berichte an die Öffentlichkeit zu bringen. Freilich ist den Berichten die mangelnde Kontrolle und persönliche Färbung oft genug deutlich anzumerken. Meist ist sie sogar gewollt, schließlich soll es hier eher um Kommunikation als um rein faktische Information gehen. Der blühenden Fankultur spielt das Konzept in die Hände: Was kann es für einen Aficionado schließlich Schöneres geben als die persönlichen Gedanken des Verehrten – direkt aus seinen Händen aufs virtuelle Papier gegossen? Immer mehr Filmschaffende nutzen Blogs, um unmittelbar mit ihren Anhängern, oder besser: mit ihren Usern, in Kontakt zu treten und Gedanken und Erlebnisse mit ihnen zu teilen. Schauspieler Ian McKellen ist stolz auf das, was er seine »Online-Autobiografie« nennt, eins der ersten Filmblogs überhaupt (http://mckellen.com/blog/). Seit August 1999, zu Beginn der Dreharbeiten zu X-Men, berichtet er unregelmäßig von den Sets der größeren Produktionen, in denen er mitwirkt. Wirklich bekannt wurde er durch sein »Grey Book«, in dem er die Fans mit Neuigkeiten vom Set der Herr-der-Ringe-Trilogie fütterte – er war damit häufig eine bessere Quelle für Insider-Infos als jede offizielle Kommunikation des Studios. Auch der Roman- und Drehbuchautor Neil Gaiman (Beowulf), der mit seinem seit 2001 aktiven Blog (journal.neilgaiman.com) ebenfalls zu den Pionieren der Film-Blogosphäre zählt, nutzt sein elektronisches Tagebuch sowohl als Kommunikationsmittel zum Ankündigen von Lesungen und zur Beantwortung von Fanfragen, wie zur Reflexion über sein Leben. Hier reihen sich Bilder von seinem Hund im Schnee an Betrachtungen über die Notwendigkeit der Mitnahme von amerikanischen Haarpflegeprodukten nach England für seine 14-jährige Tochter. Inzwischen umschließt die Gemeinschaft der Blogger aus dem Filmgeschäft vor allem zwei Sorten Menschen. Zum einen solche, die das Schreiben ohnehin gewöhnt sind und entweder hauptberuflich oder zumindest immer mal wieder auch als Autoren arbeiten, zum anderen jene jüngeren Filmemacher, die mit Fandom und Internet aufgewachsen sind und wissen, was sie den Leuten schuldig sind, zu denen sie selbst einmal gehört haben. Oft genug beschreiben diese Kategorien die gleichen Personen, wie im Fall von Kevin Smith, der sein Blog »Silent Bob Speaks« (silentbobspeaks.com) inzwischen als ausschließliche Quelle für offizielle Bekanntmachungen nutzt. Wohingegen Zach Braff (zachbraff.com), spätestens seit Garden State Idol der Indie-Kultur, auf seinem Blog neben seiner Film- und Fernseharbeit auch kleinere Bands promotet, die ihm persönlich am Herzen liegen. Nebenher wundert er sich darüber, dass seine TV-Serie »Scrubs« in Deutschland so gut läuft (»Scrubs ist sehr beliebt in Deutschland. Wir und Hasselhoff, wer hätte das gedacht?«). Manche Filmpersönlichkeiten nutzen das Forum des Internets auch, um als politische Kolumnisten aufzutreten, an erster Stelle natürlich Aktivisten wie Michael Moore (michaelmoore.com/words/blog). Schauspieler Alec Baldwin, selbst studierter Politikwissenschaftler, tritt als regelmäßiger Kommentator auf Ariane Huffingtons berühmter Sammelwebseite für linksliberales amerikanisches Denken auf (huffingtonpost.com/alec-baldwin/) und schreibt dort zurzeit natürlich über den aktuellen Präsidentschaftswahlkampf in den USA: »Es mag einen 72-jährigen republikanischen Senator geben, der in der Lage ist, dieses Land aus seiner schwierigen Lage herauszuführen. John McCain ist es nicht.« Ganz auf der Hochglanzschiene des Journalismus bloggt dagegen die deutsche Schauspielerin Nova Meierhenrich, die auf den Webseiten der »Bunten« munter Eigen-PR und Society-Reportage miteinander vermischt (bunte.de/meinung/blogs/nova-meierhenrich). Inzwischen haben Produktionsfirmen das Phänomen Blog auch als Marketinginstrument entdeckt. So bieten die besonders für ihre Horrorfilme bekannten Lions Gate Films ihren Regisseuren an, ein Onlinetagebuch über die Entwicklung ihrer Filme zu führen – mit wechselndem Erfolg. Manch einer hat Feuer gefangen und führt sein Blog inzwischen anderswo weiter, wie Hostel-Regisseur Eli Roth (myspace.com/eliroth). Anderen, wie Rob Zombie, der seinen zweiten Film The Devil‘s Rejects bebloggte, war schon in den (mittlerweile offline genommenen) spärlichen Einträgen deutlich anzumerken, dass das Aufschreiben von Gedanken zum Filmemachen nicht unbedingt seine Lieblingsbeschäftigung ist. Immer populärer werden daher sogenannte »Production Blogs« in Videoform, vor allem seit Bandbreite bei den meisten Internetnutzern kein Problem mehr darstellt. Angestoßen durch den enormen Erfolg der parallel und zeitweise auch gemeinsam geführten Videotagebücher von Peter Jackson und Bryan Singer während der Dreharbeiten von King Kong und Superman Returns vor vier Jahren, leisten sich immer mehr Studios diese Form der Werbung, um schon während der Produktion eines Films möglichst viel Begeisterung in der Fanbasis zu erzeugen. Auch in Deutschland hat die Methode bereits Fuß gefasst. So dokumentierte Michael »Bully« Herbig seinen letzten Film Lissi und der wilde Kaiser mit einem multimedialen Tagebuch (lissi.film.de). Der Kontakt ist hier natürlich nicht mehr so unmittelbar wie bei geschriebenen Tagebüchern, der Marketingeffekt durch die bewegten Bilder umso größer, nicht zuletzt. weil journalistische Filmblogs und massiv frequentierte Fan-Webseiten wie »Ain‘t it Cool News« direkt auf die Videos verlinken können. Häufig werden die Blogs nur von den Regisseuren mit ein paar warmen Worten eingeleitet, aber von einem unabhängig agierenden Team produziert und zusammengeschnitten. Dennoch erlauben sie den Fans ungewöhnlich nahe Einblicke in die vielen kleinen Aspekte einer großen Filmproduktion, von den Aufgaben eines Rotoscope-Artists bis zur Bedeutung und Mühseligkeit von »Press Junkets«, in denen einem zwanzig Journalisten zwanzigmal in viertelstündigem Abstand die gleichen Fragen stellen. Den Regisseuren geben diese »Production Blogs« die Möglichkeit zu zeigen, wie wichtig ihnen eben diese Fans sind, die schließlich einige Monate später Kinotickets, DVDs und Merchandisingprodukte kaufen werden. Zack Snyder (»300«) bekennt sich in seinem hybriden, halb geschriebenen, halb gefilmten Blog zur großen Graphic-Novel-Verfilmung Watchmen (rss.warnerbros.com/watchmen/) selbst dazu, ein Fan von »Production Diaries« zu sein. Er wisse, wie lang sich die Postproduktionszeit ziehen könne, und hoffe daher, den Fans die Zeit bis zum Start des Films mit seinem Blog ein wenig vertreiben zu können. Baz Luhrmann, zu dessen neuem Film Australia ein Videoblog über die Medienplattform iTunes abonnierbar ist, geht sogar einen Schritt weiter. Er beschreibt im ersten »Eintrag« mit ernstem Blick, wie sehr er hofft, dass sein Produktionstagebuch die Filmemacher der Zukunft inspiriert und zu eigenen Werken beflügelt. Vielleicht behält er ja recht. Dem Erfolg seines Films wird es sicher nicht schaden.
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