Indys Eleven

Was machen die »Jäger des verlorenen Schatzes« heute?

von Kai Mihm

Karen Allen
  

Mehr als ein Vierteljahrhundert ist ins Land gezogen, seit Harrison Ford zum ersten Mal mit Hut und Peitsche ins Abenteuer aufbrach – und die Marke »Indiana Jones« kreierte. Aber die ganze Geschichte wäre nur halb so amüsant gewesen ohne die farbigen Nebencharaktere: trinkfeste Brünette, kreischende Blondinen, schlitzohrige Straßenjungs, schändliche Schurken. Von ihren Darstellern wissen wir, anders als bei Harrison Ford, heute nicht mehr so genau, was sie eigentlich machen.

Karen Allen (Marion Ravenhurst)
Die sommersprossige Wissenschaftlerin Marion Ravenhurst in Jäger des verlorenen Schatzes war die einzige Frau, die es in Sachen Abgebrühtheit locker mit Indiana Jones aufnehmen konnte – mit Karen Allens Filmkarriere ging es nach dem Film allerdings ziemlich abenteuerlich bergab: Hatte sie Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in so großartigen Filmen wie Animal House, The Wanderers und Cruising für Aufsehen gesorgt, so folgte auf Jäger des verlorenen Schatzes nur noch eine nennenswerte Kinohauptrolle, nämlich in John Carpenters Starman (1984). Danach liest sich ihre Filmografie wie ein Wechselspiel aus B-Movies und gediegener Fernsehunterhaltung. Seit 2003 hat sie sich weitgehend aus dem aktiven Filmgeschäft zurückgezogen, um in der Modebranche ihr Glück zu versuchen: Karen Allen ist stolze Besitzerin einer eigenen Strickwarenfirma, »Karen Allen Fiber Arts«. Für Das Königreich des Kristallschädels hat Steven Spielberg Indys tollste Gefährtin nun aus der Vesenkung geholt. Mal sehen, ob ein zweiter Kinokarrierefrühling Allen vom Webstuhl weglocken könnte.

Paul Freeman (Belloq)
Der Brite Paul Freeman hat den wohl hochkarätigsten Hintergrund: Ein Veteran der Royal Shakespeare Company und Gründer einer renommierten Theatertruppe, gab er seinem Bösewicht Belloq im ersten Teil der Saga eine umwerfende Mischung aus genialischer Intelligenz und purem Wahnsinn. Eine Leistung mit zwiespältigen Folgen, denn wenngleich Freeman bis heute ein gut beschäftigter Film- und (vor allem) Fernsehschauspieler ist, sah man ihn vor Indiana Jones in ambitionierten Filmen wie Rififi am Karfreitag und Die Hunde des Krieges – seit Indy aber reduzieren ihn die Castingagenten auf die Stand­ardrolle des sinistren Bösewichts in Serien wie »Falcon Crest« oder Big-Budget-Trash wie Power Rangers – Der Film.


Pat Roach
(deutscher Mechaniker, ­Sherpaschläger, Sektenwache, Gestapo-Mann)
Pat Roach, der Indy in einer der spannendsten Szenen des ersten Teils als hünenhafter Mechaniker das Leben schwermacht, bevor ihm ein Flugzeugpropeller zum Verhängnis wird, ist neben Harrison Ford der einzige Darsteller, der in allen drei Jones-Filmen mitgewirkt hat: In Teil 1 gibt er neben dem Mechaniker einen der Schläger in der nepalesischen Bar, in Teil 2 spielt er einen brutalen Sektenwächter, der ebenfalls auf ziemlich kreative Weise ums Leben kommt, und in Teil 3 sieht man ihn kurz als Gestapo-Mann. Dabei war Roach, der 2004 an Kehlkopfkrebs starb, trotz zahlloser Nebenrollen als Raubein in so unterschiedlichen Filmen wie Barry Lyndon, Sag niemals nie oder Willow keineswegs ein reiner Chargendarsteller (beim Casting für Darth Vader war er im Finish gescheitert). Nach einer erfolgreichen Wrestlingkarriere und seiner ersten, winzigen Filmrolle als Korova-Bar-Türsteher in Uhrwerk Orange wurde der Besitzer eines Birminghamer Fitnessstudios in seiner britischen Heimat vor allem durch eine Hauptrolle in der erfolgreichen Serie »Auf Wiedersehen, Pat« (1983 bis 2004) bekannt.

Ronald Lacey (Arnold Toht)
Zu den einprägsamsten Figuren in Jäger des verlorenen Schatzes gehört zweifellos der sadistische SS-Mann mit dem treffenden Namen Toht, dessen Hand gleich zu Beginn von einem glühenden Amulett gebrandmarkt wird. Aber: Wer erinnert sich, in welchen Filmen er den Schauspieler Ronald Lacey noch gesehen hat? Dem Mann mit dem maliziös-diabolischen Lächeln, der verpflichtet wurde, nachdem Spielberg die Idee verworfen hatte, aus Toht einen Cyborg zu machen, blühte das Schicksal seiner Indiana-Jones-Kollegen: Bis zu seinem Tod im Jahr 1991 durfte er Schurken in allen Variationen geben. Immerhin reichte die Genrebandbreite dabei von Fantasy (Red Sonja) bis zur Actionkomödie (Mad Mission 4). Der Ehrlichkeit halber sollte man allerdings erwähnen, dass seine Filme vorher auch nicht viel anspruchsvoller waren. Eine seiner letzten Rollen spielte er in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug: Darin hat Lacey einen Kurzauftritt als »The Devil Himself«, Heinrich Himmler.

Jonathan Rhys-Davies (Sallah)
Der ausgebildete Theatermann Jonathan Rhys-Davies ist eine Ausnahmeerscheinung in der Gang. Obwohl Rhys-Davies in zwei Indiana-Jones-Filmen als Indys hilfreicher Kumpel Sallah zu sehen war, hat er es geschafft, mit einer anderen Blockbusterreihe zu wesentlich größerer Popularität, wenn nicht gar »Kultstatus« zu gelangen: In Peter Jacksons Herr der Ringe-Trilogie gibt Davies den mosernden, mit einer Streitaxt bewaffneten Zwerg Gimli. Umso erstaunlicher, dass der Rest seines Oeuvres von ausgesuchter Drittklassigkeit ist: Neben den Indiana-Jones-Rip-Offs Feuerwalze (mit Chuck Norris) und Quatermain (mit Richard Chamberlain) finden sich da vor allem Werke wie Cyborg Cop oder solche mit einer Nummer im Titel wie Blood Sport 3, Plötzlich Prinzessin 2 oder das Videospiel(!) »Wing Commander IV«. In den Neunzigern war er als Atomphysiker und »Dozent für Kosmologie und Ontologie« in der SF-Serie »Sliders« zu sehen, die in Fankreisen einen gewissen Ruf genoss.

Denholm Elliott (Marcus Brody)
Indys liebenswert-linkischer Kollege Marcus Brody, der auch im vierten Teil wieder mit von der Partie ist, ist das, was man im Hollywood-Jargon den Comic Relief nennt – ein Typ, über den man lachen kann, damit man nicht merkt, wie albern im Grunde der ganze Film ist. Tatsächlich wird dieser Part Elliotts Karriere nicht wirklich gerecht, denn der vielfach preisgekrönte englische Fernseh- und Filmveteran hat im Lauf seiner Karriere in einer ganzen Reihe hochkarätiger Produktionen gespielt, von Die Brücke von Arnheim über Zimmer mit Aussicht, der ihm eine Oscarnominierung einbrachte, bis zu Woody Allens September. 1992 ist Elliott im Alter von 70 Jahren gestorben.

Alfred Molina (Satipo)
Was seinen Bekanntheitsgrad betrifft, lief es bei Alfred Molina ganz untypisch, nämlich genau entgegengesetzt zur typischen Indy-Nebenrollen-Laufbahn: Jeder Cinephile kennt den Charakterdarsteller aus Filmen wie Boogie Nights und Chocolat oder als Doc Ock in Spider-Man 2. Aber nur echte Indiana-Jones-Fans erinnern sich daran, dass Molina, auch ein renommierter Theaterschauspieler, seine erste Filmrolle in der Teasersequenz von Jäger des verlorenen Schatzes hatte. Da gibt Molina den hinterhältigen Dschungelführer Satipo, dem die Vogelspinnen über den Rücken krabbeln und der, nachdem er Indy reingelegt hat, auf ausgesprochen unschöne Weise sein Leben verliert. Manchmal ist es für die Karriere eben durchaus von Vorteil, in einem Blockbuster nicht allzu sehr aufzufallen.

Kate Capshaw (Wilhelmina »Willie« Scott)
Kate Capshaw, Jahrgang 1953, kam erst spät, Anfang der achtziger Jahre, zum Film – und hatte eine ziemlich kurze Karriere. Bis heute ist ihre bekannteste Rolle der Part der hysterischen, blonden Wilhelmina in Indiana Jones und der Tempel des Todes geblieben. Die Kritik war von der Leistung des ehemaligen Fotomodells alles andere als begeistert. Entsprechend schwach waren die nachfolgenden Rollenangebote, die – nachdem sie in Ridley Scotts Black Rain eine Karaoke-Bar dekorieren durfte – vor allem vom Fernsehen kamen. So ist Capshaw nach Karen Allen die zweite Frau, die von Indiana Jones verschlissen und anschließend von der Filmgeschichte vergessen wurde. Um ihre Rente muss Cap­shaw sich dennoch keine Sorgen machen – seit 1991 ist sie mit ihrem »Entdecker« Steven Spielberg verheiratet.

Jonathan Ke Quan (Short Round)
Nach seinem herrlichen Part als altkluger Shorty in Indiana Jones und der Tempel des Todes – »I keep telling you, you listen to me more, you live longer« – hätte man sich nicht gewundert, wenn der damals 13-jährige Vietnamese Jonathan Ke Quan eine ähnliche Karriere gemacht hätte wie der Chinese Jackie Chan. Aber trotz einer zweiten großen und großartigen Rolle in Richard Donners Die Goonies (1985) schlug Ke Quan einen anderen Weg ein: Seit den neunziger Jahren arbeitet er als Kampfsportlehrer und Stuntkoordinator.

Amrish Puri (Mola Ram)
Dem zweiten Indiana-Jones-Abenteuer wird noch heute gerne der Vorwurf gemacht, in der Darstellung der Inder rassistische Klischees zu propagieren. Als Fallbeispiel diente dabei nicht zuletzt die Figur des grausamen Tempelpriesters Mola Ram. Es ist eine Ironie der Filmgeschichte, dass dem Darsteller Amrish Puri ­genau diese Klischeehaftigkeit zu einer sagenhaften Karriere verhalf: In seiner indischen Heimat wurde er nach dem Tempel des Todes in zahllosen Bösewichtrollen besetzt, wobei es stets wichtig war, dass er den aus der Serie vertrauten kahlköpfigen Look beibehielt. So avancierte Puri zu einem Superstar des Bollywoodkinos und spielte bis zu seinem Tod im Jahr 2005 in rund 250 Filmen.

 

 

Alison Doody (Elsa Schneider)
Alison Doody war ein Bond-Girl (in Im Angesicht des Todes) und ein Indiana-Jones-Girl im Letzten Kreuzzug – ansonsten verlief ihre Schauspielkarriere noch trauriger als die ihrer Vorgängerinnen Kate Capshaw und Karen Allen. Nach einer Handvoll kaum erwähnenswerter Kinofilme und einem Dutzend zweitklassiger Fernsehrollen warf sie das Handtuch: Seit 2002 widmet sich Doody einer einsamen Internet-Fansite zufolge in erster Linie »ihrer Familie«.

 

Kritik: Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels

epd Film 6/2008

 


 


 


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