von Hans Schifferle
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Kevin Costner © Fotos: Concorde |
Das Morden als gepflegt-perfides Vergnügen inszenierte bereits Hitchcock in Cocktail für eine Leiche. Bruce A. Evans, Drehbuchautor des melancholischen Thrillers Stand By Me, dreht die Spirale in seinem neuen Film Mr. Brooks ein kleines Stück weiter: das Morden als eine der vielen Zivilisationssüchte wie Trinken oder Rauchen.
Der Mann ist ein so verdammt sympathischer Typ. Er heißt Mr. Brooks und wird zudem noch von Kevin Costner verkörpert. Sein Privatleben ist perfekt, er ist seit langer Zeit mit der liebenswerten Emma verheiratet, mit der er eine Tochter hat, die selbstbewusste Jane, die selbstverständlich ein College besucht. Das berufliche Leben des Mannes könnte gar nicht besser sein. Er ist Chef eines erfolgreichen und mustergültigen Unternehmens, das Verpackungserzeugnisse herstellt. Gerade ist er von der Handelskammer seiner Heimatstadt Portland zum Mann des Jahres gewählt worden.
Kann Kevin Costner als Mr. Brooks, der anständige und gut aussehende Amerikaner par excellence, tatsächlich eine verborgene, dunk-le Seite aufweisen? Kann sich dieser korrekte Mensch in seiner Freizeit als eine Art Hannibal Lecter entpuppen? Ohne Zweifel, er kann. Mr. Brooks nämlich hat kein Alkoholproblem, auch keine Sexaffären. Nein, der Mann ist süchtig danach zu killen, zu morden. Und im Gegensatz zum Kannibalen Hannibal Lecter tut er dies mit der Präzision und Disziplin, die einem Spezialisten für Verpackungen eigen ist. Des Nachts schleicht sich der Mann des Jahres in das Appartement eines schönen, jungen Paares, das er schon seit Tagen ausgekundschaftet hat. Wie ein Phantom steht er plötzlich im Schlafzimmer des Pärchens und tötet es mitten im Liebesakt mit lautlosen Schüssen. Ein perfides Happening, bei dem Mr. Brooks Stressabbau betreibt und den Mord natürlich noch als schöne Kunst versteht. Gefühle der Erregung und Erlösung durchzucken ihn bei der Tat, den saturierten, maskenhaften Mittelständler, der hier einen spektakulär-grimmigen Gott markieren darf.
Bruce A. Evans’ Film, der stets zwischen Psychothriller und schwarzer Komödie pendelt, überrascht nun nicht so sehr in seinem Porträt eines smarten Biedermanns sondern in dem eines grausamen Mörders. Die Spannung liegt vor allem darin, dass wir uns als Zuschauer bis zu einem gewissen Grade mit Mr. Brooks und seinen dunklen Eskapaden in einer ansonsten trostlos cleanen Welt identifizieren können. Wozu freilich die Spielfreude und das Image von Kevin Costner beitragen.
Mr. Brooks hat natürlich auch ein schlechtes Gewissen. Es scheint sogar, dass er loskommen will von seiner barbarischen Sucht. Wenn er deshalb eine Veranstaltung für anonyme Suchtkranke aufsucht, nähert sich der Film dem grotesk-gesellschaftskritischen Kosmos eines Chuck Pahlaniuk an. Dies sind dann auch die beiden Eckpfeiler, die die Erzählweise von Evans’ Film prägen: Pahlaniuk (Fight Club) und Thomas Harris, Autor der Hannibal Lecter-Saga.
Pahlaniuk light ist gewissermaßen auch die Darstellung von Mr. Brooks’ dunklem Begehren in Person von William Hurt. Als softer und ironischer Intellektueller erscheint er immer wieder unserem Mr. Brooks, ein eleganter Mephisto, der dem faustischen Jack the Ripper konsequent die wahre Natur vorhält. Wenn Mr. Brooks und sein böses Alter Ego durch das nächtliche Portland streifen, das William Hurt zynisch als eine lächerliche und schlechte Welt empfindet, hat der Film seine besten Momente. Schizophrenie wird hier erotisch verspielt dargestellt: Die zwei ähneln nämlich bei ihren Todestrips einem homosexuellen Liebespaar – als wären die beiden jungen Killer aus Hitchcocks Cocktail für eine Leiche zu distinguierten Erwachsenen herangereift.
Diese amour fou eines gespaltenen Ichs wird zur bizarren menage a trois, als noch der junge Mr. Smith ins Spiel kommt. Dieser Peeping Tom hat Mr. Brooks beobachtet und gefilmt, als er den Mord an dem Liebespaar beging. Jetzt erpresst der Voyeur den Killer. Aber er will kein Geld; Mr. Smith will mitgenommen werden auf Mr. Brooks’ mörderische Touren, er will das Töten live erleben. Die Figur des Mr. Smith, von Dane Cook gekonnt als Supernerd und Lehrling des Grauens gespielt, der endlich richtige körperliche Erfahrungen machen will, gibt noch mal Raum für einen spannenden Diskurs über den Tod als Tabu und Spektakel.
Nachdem diese makaber-reizvolle männliche Figurenkonstellation etabliert ist, beginnt der Plot des Films jedoch, Amok zu laufen. Bruce A. Evans, der mit seinem Partner Raynold Gideon bisher hauptsächlich als Drehbuchautor gearbeitet hat (Stand by Me), entgleitet zunehmend die Ökonomie der Erzählung. Auch die Detektivin, die den Fall „Mr. Brooks“ aufklären soll, muss jetzt monströs sein: Demi Moore gibt sie als Polizei-Furie mit Killerinstinkt, die trotz eines Millionenvermögens besessen ihrem Job nachgeht, als ob sie den Geruch des Todes lieben würde. Dazu treten noch allerlei andere, beinahe folkloristische Serialkiller auf. Und selbst in Mr. Brooks’ schönem Haushalt scheint sich Killer-Nachwuchs zu regen – in Person der durchtriebenen Teenagetochter des Hausherrn. Am Ende ist der Film zu einem ganz und gar amerikanischen danse macabre ausgeufert, der nur im Zaum gehalten wird von Evans’ kühler, zurückhaltender Inszenierung. Das düstere Fazit des Films bleibt aber erstaunlich: Hinter den Fassaden von Portland, der Verpackung der Stadt, verbirgt sich eine barbarische Welt des Tötens – als Subversion und Sublimation des Alltagsleben zugleich.
Ein zwischen makabrer Brillanz und bizarrer Unausgewogenheit schwankender Mainstream-Thriller über einen sympathischen Jedermann als obsessiven Killer. Der amerikanische Mittelstand scheint darin mit einem düsteren Killerkult zu korrespondieren.
Mr. Brooks
USA 2006. R: Bruce A. Evans. B: Bruce A. Evans, Raynold Gideon. P: Jim Wilson, Kevin Costner, Raynold Gideon. K: John Lindley. Sch: Miklos Wright. M: Ramin Djawadi. T: Steve C. Aaron. A: Jeffrey Beecroft, William Ladd Skinner. Ko: Judianna Makovsky. Sp: Patrick McClung. Pg: MGM/Element/Relativity/Eden Rock/TIG. V: Concorde. L: 120 Min. FBW: besonders wertvoll. Da: Kevin Costner (Earl Brooks), Demi Moore (Tracy Atwood), William Hurt (Marshall), Dane Cook (Mr. Smith), Marg Helgenberger (Emma), Danielle Panabaker (Jane), Ruben Santiago-Hudson (Hawkins).
epd Film 12/2007
Start: 29.11. (D), 4.1. (A)


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