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Phönix aus der Asche Rumänien macht mit starken Autorenfilmen von sich reden von Barbara Schweizerhof
Wie kaum ein anderes Land hat Rumänien in den letzten Jahren bei den internationalen Filmfestivals abgeräumt. Die Liste der Preise alleine in Cannes ist lang und beeindruckend (siehe Kasten). Eine solche Erfolgsserie schien angesichts der Krise der einheimischen Filmindustrie noch vor kurzem völlig unmöglich. Es war ein Ereignis, von dem man sich im Nachhinein erzählt, man sei dabei gewesen: als Cristian Mungius 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage die Goldene Palme in Cannes gewann. Wie kaum ein Film zuvor, zumindest keiner eines unbekannten Regisseurs aus einem in cineastischer Hinsicht sehr peripheren Filmland, eroberte Mungius Drama das Festivalpublikum aus dem Stand heraus. Was umso erstaunlicher war angesichts seines eher unerfreulichen Themas – eine Abtreibung in der Spätphase des Ceausescu-Regimes – und der vollkommen effektfreien Ästhetik. Wider alle Wahrscheinlichkeit hatte sich „der Rumäne“, wie der Film der Einfachheit halber genannt wurde, von seiner Premiere an in den ersten Tagen des Festivals tief ins Gedächtnis der sonst so vergesslichen Festivalgäste eingegraben. Die Entscheidung der Jury am Ende wurde allseitig mit Zustimmung begrüßt. Selten galt eine Entscheidung als derartig unumstritten. Seither macht die Rede von einer „neuen rumänischen Welle“ oder gleich einem „rumänischen Filmwunder“ die Runde. In der Tat scheint wundersam, wie ein Land, dessen Filmindustrie noch bis vor kurzem völlig darniederlag, auf einmal eine solche Serie an starken Autorenfilmen hervorbringen kann. War doch Rumänien bislang der Welt allenfalls durch die Namen Dracula und Nadia Comaneci bekannt – und einer Menge schlechter Nachrichten über soziale und ökonomische Missstände.
„Dezemberkinder“ nennt sich die Generation der jungen Rumänen, deren Leben mit dem Machtwechsel im Dezember 1989 die entscheidende Wendung erhielt. Die stürmischen und zugleich merkwürdigen Ereignisse dieses Umsturzes sind denn auch Gegenstand von gleich drei Filmen der „neuen Welle“. In 12:08 East of Bucarest fragt Corneliu Porumboiu, ob es die Revolution außerhalb der Hauptstadt überhaupt gegeben habe. 15 Jahre danach sitzen drei Männer in einem dürftig eingerichteten Studio eines privaten Lokalsenders und diskutieren ihre konträren Erinnerungen an jenen Tag: War es politischer Protest oder doch nur eine Prügelei unter Besoffenen? Einen ähnlich ironischen Unterton, bei dem sich die Ereignisse sacht, aber unerbittlich ins Absurde steigern, schlägt Radu Muntean in The Paper Will Be Blue an. Dort verlässt an jenem 22. Dezember 89 ein junger Rekrut seine an den Rändern Bukarests stationierte Einheit, um sich den ins Zentrum strömenden Demonstranten anzuschließen. Sein fürsorglicher Oberst aber hat Angst, dass ihm etwas zustoßen könnte und setzt ihm mit der gesamten Einheit nach. Was harmlos beginnt, spitzt sich unter dem Druck der unübersichtlichen Ereignisse mit wechselndem Frontverlauf lebensbedrohlich zu. Im dritten Film dieser zufälligen Trilogie bilden die Dezemberereignisse den Hintergrund einer Coming-of-age-Geschichte. Interessanterweise spielt auch Catalin Mitulescus The Way I Spend the End of the World in der Provinz und verhandelt den kleinen Maßstab der großen Ereignisse. Eine 17-Jährige fliegt wegen einer umgefallenen Ceausescu-Statue aus der Schule, ihr kleiner Bruder plant daraufhin ein Attentat auf den Diktator, das aus seiner Perspektiv schlussendlich sogar gelingt. Kein gemeinsames Dogma Zusammengefunden hat sich die neue Generation im Kampf um ein neues Filmförderungsgesetz. Nach dem Niedergang der staatlich-sozialistischen Filmindustrie pflegte nämlich die alteingesessene Generation von rumänischen Filmemachern die gering gewordenen staatlichen Mittel unter sich aufzuteilen, während im ganzen Land die Kinos schlossen und das Interesse an einheimischen Filmen fast zur Gänze verlosch. Wo in den übrigen osteuropäischen Ländern seit einigen Jahren der Wiederaufbau der Kinolandschaft ganz nach amerikanisiertem Multiplex-Vorbild samt der damit einhergehenden Ausrichtung des Filmgeschmacks geschieht, scheint es nun – wundersamerweise – in Rumänien anders zu laufen: Hier geht die Wiedergeburt des Kinos nicht von den Kinobetreibern und den amerikanischen Verleihern aus, sondern von den einheimischen Filmemachern selbst. Den Beharrungskräften rumänischen Eigensinns, die solche Entwicklungen möglich machen, hat Cristian Nemescu in seinem California Dreamin’ ein schönes Denkmal gesetzt. Der erst 27-jährige Regisseur kam leider während der Endproduktion seines Films bei einem Autounfall ums Leben; das Festival in Cannes ehrte ihn dieses Jahr postum mit dem Grand Prix der Sektion „Un Certain Regard“. In California Dreamin’ macht ein Zug voll amerikanischer Soldaten unfreiwillig Station in einer rumänischen Kleinstadt. Die örtliche Bevölkerung sucht den Kontakt: Die Geschäftemacher wollen Geschäfte machen, die Mädchen die gutaussehenden Jungs verführen, der Bürgermeister möchte vor der Welt gut dastehen, das Volk freut sich an Freibier und improvisierten Friedensfesten. Einzig der Bahnhofsvorstand zeigt sich störrisch und setzt die Amis mit bürokratischen Formalismen fest. Letztlich ist es seinem reaktionären Starrsinn zu verdanken, dass sich beide Seiten ihrer wahren Stärken bewusst werden.
Preise in Cannes Corneliu Porumboiu: 12:08 East of Bucharest. Caméra d’Or in Cannes 2006. Cristian Nemescu: California Dreamin’. Grand Prix der Sektion Un Certain Regard 2007. Cristian Mungiu: Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage. Goldene Palme Cannes 2007.
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Die Filme der „neuen rumänischen Welle“ unterstreichen interessanterweise dieses doch eher negative Bild: Cristi Puius Der Tod des Herrn Lazarescu zum Beispiel zeichnet eindrucksvoll das Bild einer Gesellschaft, die an der Oberfläche geschäftiges Funktionieren vortäuscht, in Wahrheit aber zutiefst verwahrlost ist. Ein alter Mann empfindet Übelkeit und ruft seine Nachbarn; als er in Ohnmacht fällt, rufen die den Notarzt. Herr Lazarescu, wieder bei Bewusstsein, soll zur Beobachtung ins Krankenhaus. In einer endlosen Odyssee fährt der Notfallwagen daraufhin die Kliniken von Bukarest ab, aber überall gibt es dringendere Fälle als den des alten Mannes ohne Angehörige. Regisseur Puiu kommt in seinem düsteren Gesellschaftsporträt ohne die sonst üblichen Actionszenen mit „coolen“ Mafia-Gestalten aus. Seine Herangehensweise gleicht der Cristian Mungius in Vier Monate. In langen Einstellungen, die stets die engen Räume mitfixieren, verfolgt er das Drama seiner Figuren in solidarischem Abstand, soll heißen: Er bleibt mit ihnen auf Augenhöhe, ohne sich ihnen ganz gemein zu machen.
Es ist weniger eine einheitliche Filmsprache als die einheitliche Produktionsgrundlage, die diese Regisseure miteinander verbindet: Die Filme haben allesamt ein eher kleines Budget, aber großen künstlerischen Eigensinn. Auch sind sie durchgängig mit hervorragenden Schauspielern besetzt, was dafür spricht, dass es in Rumänien noch eine gut funktionierende Theatertradition gibt. 