Gefahr und Begierde

Drama um Politik und Leidenschaft im Shanghai der vierziger Jahre

von Marli Feldvoß


© Fotos: Tobis

Für viele überraschend hat Ang Lee nur zwei Jahre nach seinem großen Erfolg mit Brokeback Mountain ein weiteres Mal den Goldenen Löwen für den besten Film beim Filmfestival in Venedig gewonnen. Es ist Ang Lees erster Film, der sich mit der chinesischen Zeitgeschichte beschäftigt.

In einem ersten Impuls ist man versucht, eine innere Beziehung zwischen Brokeback Mountain und Gefahr und Begierde herzustellen, die beide eine ungewöhnliche Liebesgeschichte in vergangenen, restriktiveren Zeiten erzählen und mit so noch nie gesehenen Liebesszenen überraschen. Nun galt Ang Lee bisher als ein Regisseur, der sich mit jedem Film neu erfindet, was man mit Sicherheit auch über sein jüngstes Werk sagen muss. Man sollte auch die ungewohnten Äußerungen des Regisseurs ernst nehmen, der bei den Dreharbeiten nicht nur am Rande eines Nervenzusammenbruchs gewesen sein soll, sondern in einer für einen chinesischen Regisseur ungewohnten Offenheit von sich sagte: „Ich verkörpere mich selbst in dieser Frau. Sie ist eine weibliche Version meiner selbst.“

Der Film geht anfangs sehr geheimnisvoll mit der angeblich aus Hongkong kommenden jungen Frau (Ang Lees Entdeckung, die Schauspielschülerin Tang Wei) um, die sich als Mrs. Mak, Gattin eines abwesenden chinesischen Geschäftsmanns, ins Shanghaier Wohnhaus des berüchtigten Mr. Yee (Tony Leung) eingeschmuggelt hat. Dort tagt eine belanglos geschwätzige Mahjong-Runde nach der andern unter dem Vorsitz von Mrs. Yee – der Hausherr grüßt stets im Vorbeigehen zum Spieltisch seiner Frau hinüber, nicht ohne ein Auge auf die blutjunge fremde Mitspielerin zu riskieren, die in Wirklichkeit als Spionin auf ihn angesetzt ist.

Die Vorgeschichte erfahren wir allerdings erst durch die etwas umständlichen Zeitsprünge, die von 1942 ins Jahr 1938 und wieder zurück blenden, um das wahre Gesicht dieser Mrs. Mak zu enthüllen. Hinter deren Fassade versteckt sich die Studentin Wong Chia Chi, die sich zu Beginn ihres Studiums zufällig einer politisierten Theatertruppe angeschlossen hatte, die dann zur Widerstandszelle mutierte. Ihre Bühnenbegabung prädestinierte sie geradezu für die Mata-Hari-Rolle. Sie soll den eiskalten Kollaborateur Mr. Yee, den chinesischen Geheimdienstchef, der für die Japaner auf Rebellenjagd geht, in die Liebesfalle locken. Zur Vorbereitung lässt sie sich sogar freiwillig von einem Genossen entjungfern – ein masochistischer Hang zur Selbstverleugnung im höheren Auftrag steht also gleich am Anfang dieser Mission.

Es geht von vornherein um ein Spiel zwischen Sein und Schein, ein geschickt eingefädeltes Versteckspiel, für das die chinesische Autorin Eileen Chang die Vorlage lieferte. Lee legt allerdings großen Wert darauf, dass er die Vorlage nicht „adaptiert“ habe, sondern dass der Film eine Art „Wiederaufführung“ darstelle. Diese Feinheiten sind durchaus von Belang, geht es doch auch darum, dass die Figur der Mrs. Mak eine Kunstfigur ist, die von einem Theaterstück inspiriert wurde. Ein erster Hinweis darauf, dass die hier miteinander konkurrierenden Scheinwelten letztlich gar keine Auflösung anstreben.

Die gedehnt wirkende Exposition des Films erscheint im Nachhinein wie die Ruhe vor dem Sturm. Diese Erzählmanier fügt sich auch hervorragend in die verschattete Film-noir-Attitüde des Films, der sich auch noch mit zeitgenössischen Filmzitaten aus Intermezzo und Penny Serenade (aus den Jahren 1939 und 1941) oder mit dem Plakat von Hitchcocks Suspicion schmückt; man denke an den unterschwelligen, erst ganz zum Schluss aufgelösten Verdacht, den die reiche Joan Fontaine gegenüber ihrem dann doch als völlig harmlos entlarvten Ehemann Cary Grant hegt. Dahinter steckt aber auch ein Hinweis auf die starke Verwestlichung des damaligen Shanghai, das vollständig in den Shanghaier Studios nachgebaut werden musste.

In die Erinnerung brennen sich vor allem die Bilder der Amour fou aus der zweiten Hälfte des Films, die mit nervenzehrenden, expliziten Sexszenen an Nagisa Oshimas Im Reich der Sinne erinnern. Lee setzt von Anfang an auf den Suspense einer unmerklichen Attraktion, die dann schlagartig zu einer brutalen, vergewaltigungsähnlichen Liebesszene führt. Die an den Grenzen der Darstellbarkeit operierende Körpersprache bleibt zwar nicht ganz frei von akrobatischer Geschicklichkeit, dennoch ist bei den Verrenkungen der Liebenden immer spürbar, dass ohne Worte den hier waltenden Konflikten auf den Grund gegangen werden soll. Was heißen soll: dass die Leidenschaft des Körpers mit ihren Einflüsterungen und Abhängigkeiten stets ihre eigenen Wege geht. Die inneren Widerstände gegenüber einer verhassten, weil politisch monströsen Figur drohen sich aufzulösen und können trotz alledem in so ein Gefühl wie Liebe übergehen. Es ist eine Beziehungshölle, die nichts als Vernichtung im Sinn hat und trotzdem im Spannungszustand einer vorgespiegelten oder in Wirklichkeit geleugneten Liebe verharrt. Bis zuletzt.

Ang Lee ist mit seiner Sexdarstellung bewusst das Risiko des NC-17-Rating in den USA eingegangen, das erst Zuschauer ab 18 Jahren den Zutritt erlaubt und damit nicht nur die Zahl der Kinos, sondern auch die Zeitungs- und TV-Werbung empfindlich beeinflusst. Für das chinesische Festland hat er eine von ihm selbst gekürzte Version freigegeben.

Ang Lee zwischen erotischem Melodram und Film noir: Eine junge Schauspielerin schließt sich dem chinesischen Widerstand gegen die japanische Besatzung an und bekommt den Auftrag, als Geliebte den Geheimdienstchef, einen Kollaborateur, auszuspionieren. Doch aus vorgespielten Gefühlen wird eine Leidenschaft, in der beide Seiten ihre Liebe verleugnen.

Se Jie/Lust, Caution
China/USA 2007. R: Ang Lee. B: Eileen Chang, Wang Hui Ling, James Schamus. P: James Schamus. K: Rodrigo Prieto. Sch: Tim Squyres. M: Alexandre Desplat. T: Philip Stockton. A und Ko: Pan Lai. Sp: Brendan Taylor. Pg: Focus Features, River Road Entertainment. V: Tobis. L: 156 Min. Da: Tony Leung (Herr Yi), Tang Wei (Wang Jiazhi), Joan Chen (Frau Yi), Wang Leehom (Kuang Yu Min), Anupam Kher (Indischer Juwelier).

epd-Film 10/2007



Start: 18.10. (D, CH)


 


 


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