Trade – Willkommen in Amerika

Das US-Debüt des deutschen Regisseurs Marco Kreuzpaintner

von Michael Ranze


© Fotos: Fox

Zwei Mädchen, zwei Schicksale, die in einer alternierenden Montage schließlich aufeinandertreffen. Da ist zunächst die 13-jährige Adriana (Paulina Gaitan), die auf offener Straße in Mexico City von gesichtslosen Männern in schwarzen Limousinen entführt wird – in wechselnden Transportern geht es mit ihr illegal über die Grenze in die USA. In der Zwischenzeit lernt der Zuschauer die junge Polin Veronika (Alicja Bachleda) kennen, die in der Hoffnung auf Arbeit in die USA geflogen ist. Doch schon am Flughafen nimmt man ihr den Pass weg und zerrt sie in ein Auto. Später wird sie mit Adriana in einem Lastwagen hocken und zum Schutzengel des Mädchens werden. Menschenhandel und Zwangsprostitution – ein brisantes Thema, das der deutsche Regisseur Marco Kreuzpaintner in seinem US-Debüt im Gewand eines Thrillers für ein großes Publikum aufbereitet. Bordertown hatte mit ähnlichem Anliegen Anfang des Jahres bei Publikum und Kritik Schiffbruch erlitten. Doch den Oberflächenreizen des Jennifer-Lopez-Vehikels setzt Kreuzpaintner Anspruch und Ernsthaftigkeit entgegen.

In einem weiteren Handlungsstrang erzählt der Regisseur die Geschichte eines zweiten Bündnisses. Jorge (Cesar Ramos), Adrianas älterer Bruder, macht sich in einem gestohlenen Wagen auf die Suche nach seiner Schwester. An der Grenze nimmt ihn der texanische Cop Ray (Kevin Kline) unter seine Fittiche. Seit Jahren schon sucht er seine verschwundene Tochter. Doch wie John Wayne in The Searchers treibt ihn eine innere Unruhe, die die Möglichkeit des Aufgebens von vornherein ausschließt. Die Suche wird Ray zum Lebensinhalt.

Trade beruht auf dem Artikel „The Girls Next Door“, den Peter Landesman 2004 für die „New York Times“ geschrieben hatte. Drehbuchautor Jose Rivera (Die Reise des jungen Che) setzte bei der Adaption vor allem auf Spannung und Anschaulichkeit. Die Undurchdringlichkeit eines international operierenden Gangsterkartells macht er an wenigen Personen fest; die Schicksale der Mädchen sollen immer auch ergreifen, im Falle Veronikas sogar erschüttern. Die Emotionalisierung des Zuschauers dient, den Konventionen Hollywoods gehorchend, der Unterhaltung und Sensibilisierung zugleich – ein mitunter unbefriedigendes Verfahren. Der Grund: Autor und Regisseur gelang es nicht immer, Klischees zu ver-meiden oder nah an der Realität zu bleiben. Dass ein 17-Jähriger der Russenmafia ein Schnippchen schlägt oder ein Cop alleine, ohne Unterstützung der Kollegen, dem organisierten Verbrechen auf die Schliche kommt, sind pure Behauptungen des Drehbuchs.

Betroffenheit federt Kreuzpaintner immer wieder durch Humor ab, in den schnippischen Dialo-gen zwischen dem heranwachsenden Jungen und dem resignierten Cop vor allem. Die Grimmigkeit von Lukas Moodyssons Lilja 4-ever, in dem ein russisches Mädchen nach Schweden verschleppt wurde, liegt den Machern fern. Am Ende wird Adriana, wie die Opfer in Hostel 2, in einer Internetauktion meistbietend versteigert; der Showdown findet in einem Reihenhaus von New Jersey statt. Aus dem Roadmovie ist urplötzlich ein Horrorfilm geworden.                        

Ein 17-jähriger Mexikaner macht sich auf die Suche nach seiner jüngeren Schwester, die von Mädchenhändlern in die USA verschleppt wurde. Anspruchsvoller Thriller, der nicht immer ohne die Versatzstücke des Genres auskommt.

Trade
Deutschland/USA 2007. R: Marco Kreuzpaintner. B: Jose Rivera. P: Roland Emmerich, Rosilyn Heller. K: Daniel Gottschalk. Sch: Hansjörg Weissbrich. M: Leonardo Heiblum, Jakobo Lieberman. T: Dirk Jakob. A: Bernt Capra. Ko: Carol Oditz. Sp: Dominik Trimborn. Pg: Centropolis/VIP. V: Fox. L: 120 Min. FSK: 16, ff. FBW: besonders wertvoll. Da: Kevin Kline (Ray), Alicja Bachleda-Curus (Veronika), Paulina Gaitan (Adriana), Cesar Ramos (Jorge), Kathleen Gati (Irina Silayev), Pavel Lychnikoff (Vadim Youchenko).

epd Film 10/2007



Start: 18.10. (D, CH), 19.10 (A)


 


 


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