Klopka – Die Falle

Ein Vater und ein Auftragsmord: Film noir aus Serbien

von Hans Schifferle


© Fotos: Progress

Patricia Highsmith hat diese Frage immer wieder aufgeworfen in ihren Romanen: Was bringt einen unbescholtenen Menschen dazu, einen anderen umzubringen? Was bringt eine im Grunde gute Seele dazu, zum Mörder zu werden? Srdan Golubovic beschreibt in seinem serbischen Film noir Klopka, der in diesem Jahr beim goEast-Festival ausgezeichnet wurde, eine psychosoziale Verstrickung, die beinahe über Highsmith hinausgeht und tragische Züge aufweist.

Eine friedliche, winterliche Szene im Belgrad von heute, eine Stadt, in der immer noch die Nachwirkungen des Krieges zu spüren sind. Auf einem Spielplatz treffen sich zufällig ein Mann und eine Frau. Der Mann, der stille 35-jährige Mladen, ist dort mit seinem kleinen Sohn Nemanja. Die Frau, die schöne blonde Jelena, begleitet ihre Tochter, die sich ein wenig wie eine verzogene Prinzessin aufführt. Der Mann und die Frau sind sich sympathisch, die beiden Kinder hänseln sich. So könnte eine Freundschaft beginnen, so könnte sogar eine Liebesgeschichte anfangen. Doch die trostlose Stimmung, die über der bleichen Stadt hängt, und auch die scheinbar harmlose Streiterei zwischen den Kindern über materielle Dinge deuten an, dass die im Grunde so schöne Begegenung in eine fatalistische und schließlich fatale Kettenreaktion münden wird.

Fremde, die Freunde sein könnten. Mladen und Jelena, die von der bei uns aus zahlreichen TV-Filmen bekannten Anica Dobra gespielt wird, haben Gemeinsamkeiten. Beide sind glücklich verheiratet, Mladen mit einer Lehrerin, Jelena mit einem Geschäftsmann, beide haben je ein geliebtes Kind. Aber es gibt auch gravierende Unterschiede. Während Mladen als Bauingenieur eines maroden staatlichen Betriebs zu den Verlierern im Nachkriegsserbien zählt, haben es Jelena und ihr Mann zu beträchtlichem Wohlstand gebracht.

Eines Tages schlägt in der Stadt, deren Häuser in Golubovics Bildern oft genug wie Grabmäler wirken, das Schicksal unerbittlich zu. In dramatischer Weise wird klar, dass Mladen Sohn Nemanja an einer lebensbedrohlichen Herzkrankheit leidet. Rettung könnte nur eine baldige und teure Operation in Deutschland bringen. Mit allen Mitteln versuchen Mladen und seine Ehefrau, das Geld aufzubringen. Da erhält Mladen ein unglaubliches Angebot, das Belgrad geradezu als Schwarzmarkt der Körper und Seelen erscheinen lässt. Mladen soll als Auftragskiller einen Fremden töten, irgendeinen Business-Mann, der gewiss Dreck am Stecken hat. Dann würde die Operation seines Sohnes bezahlt werden. Dieser angeblich „böse“ Mensch, den Mladen killen soll, ist, wie sich später herausstellt, Jelenas Mann.

Wie wird der verzweifelte Mladen reagieren? Der Suspense des Films liegt nun darin, im versteinerten Gesicht des brütenden Vaters nach Spuren eines freien Willens zu suchen. Die Stadt wird zur allegorischen Landschaft der Schuldfragmente und emotionalen Tretminen. In seiner Sozialkritik ist Klopka manchmal ein wenig überdeutlich: in der Szene etwa, in der Mladens Ehefrau mitkriegt, dass die neureichen Eltern einer ihrer Schülerinnen mehr Geld für einen nutzlosen Gegenstand ausgeben als die Operation ihres Sohnes kosten würde. Richtig packend ist Golubovics straff inszenierter Film in der Schilderung der moralischen Grautöne seiner Figuren. Klopka verurteilt keinen seiner Charaktere. Eine genuine Film-noir-Figur verkörpert dabei großartig Miki Manojlovic, der erst kürzlich den Peepshow-Manager in Irina Palm gegeben hat. In Klopka stellt er den scheinbar unheimlichen Auftraggeber von Mladens Killer-Kontrakt dar. Doch dieser bedrohliche Mephisto ist kein Strippenzieher, er entpuppt sich als lächerliche Figur, als jämmerlicher Rächer in der geldgierigen Hölle von Belgrad. Ein Verdammter auch er, ein Ausgebrannter mit unbekannter Geschichte, der Enttäuschung und Schuld weiterreicht wie einen tödlichen Virus.       

Ein packender Film noir aus der bleichen Stadt Belgrad, sozialkritisch und fatalistisch zugleich. Im Raubtier-Kapitalismus der serbischen Nachkriegszeit überschreitet ein verzweifelter Vater alle Grenzen, um seinen todkranken Sohn zu retten.

Klopka
Serbien/Deutschland/Ungarn 2006. R: Srdan Golubovic. B: Srdan Koljevic, Melina Pota Koljevic (nach einer Novelle von Nenad Teofilovic). P: Jelena Mitrovic, László Kántor, Jörg Rothe, Alexander Ris, Nata. K: Aleksandar Ilic. Sch: Marko Glusac, Dejan Urosevic. M: Mario Schneider. T: Branko Djordjevic. A: Goran Joksimovic. Ko: Ljiljana Petrovic. Pg: Bas Celik/Mediopolis/Uj Budapest. V: Progress. L: 105 Min. FSK: 12, ff. FBW: besonders wertvoll. Da: Nebojsa Glogavac (Mladen), Natasa Ninkovic (Marija), Anica Dobra (Jelena), Miki Manojlovic (Kosta Antic), Bogdan Diklic (Dr. Lukic), Vuk Kostic (Petars Bruder), Vojin Cetkovic (Vlada).

epd Film 10/2007



Start: 11.10. (D)


 


 


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