Wächter des Tages

Die Fortsetzung des russischen Fantasy-Spektakels

von Barbara Schweizerhof


© Fotos: Fox

Wie oft bei Fantasy-Stoffen klingt zunächst alles ganz einfach: Für Tausende von Jahren, so raunt eine tiefe Stimme, hätten sich die Armeen des Hellen und des Dunkeln bekriegt. Um das Gemetzel zu beenden, wurde schließlich ein Waffenstillstand abgeschlossen, in dem sich die Gegner das Überleben zu bestimmten Bedingungen garantierten. Um deren Einhaltung zu überprüfen, wurden die verschiedenen „Wachen“ eingeführt, die des Tags und die der Nacht, und außerdem eine neutrale Richter-Instanz bei Streitfällen, die sogenannte Inquisition.

Alles danach wird ungeheuer kompliziert. Da gibt es Vampire, Zauberer und Hexen, organisiert in schwer zu durchschauenden Hierarchien und nicht immer ist es klar, wer nun zu den „Hellen“ und wer zu den „Dunklen“ gehört. Die einen agieren wie die Ermittler- oder Ärzteteams aus den US-Serien, die anderen wie ein Mafia-Trupp. Mit der Zeit erfährt man, dass das jeweils nur der moderne Anstrich für uralte Verhältnisse ist und all die Vampire, Zauberer und Hexen eher auf „mittelalterliche“ Weise miteinander verstrickt sind: durch Verfluchung, Versklavung und auf sich geladene Schuld.

Das Besondere an den Wächter-Filmen macht dieser Mix aus „alter“ Geschichte und neuem Gewand aus. Die Fantasy-Handlung spielt nicht irgendwo in Mittelerde oder Narnia, sondern im heutigen Moskau mit all seinen Licht- und Schattenseiten, im wahrsten Sinn des Wortes: So haben die Wächter der Nacht ihr Hauptquartier im Gebäude des städtischen Energieversorgers und fahren in altmodischen Lieferwagen herum, die noch die Aufschrift „Gorsvet“ tragen, die Abkürzung für „städtisches Licht“. Schließlich sind sie die „Hellen“. Die Dialoge strotzen nur so von ähnlichen Kalauern: „Warum trinkst du dunkles Bier?“, wird Anton, die Hauptfigur, irgendwann spöttisch gefragt, „du bist doch ein Heller.“

Die „Dunklen“ versammeln sich auch an symbolträchtiger Stelle: im Hotel „Kosmos“, einem Flaggschiff-Bau des Spätsozialismus, der mit seinem 25-stöckigen Halbrund tatsächlich einem modernen Beton-Stonehenge gleicht. Einer der ersten visuellen Höhepunkte des Films ist die Szene, in der die Hexe Alisa mit ihrem schnittigen Auto die senkrechte Fassade entlangfährt, als handle es sich um eine Rennbahn. Es ist ihre Art, den Weg ins Büro von Zavulon, dem Anführer der „Dunklen“, abzukürzen.

Von ähnlicher Eile ist der ganze Film geprägt: Die Einleitung dauert kaum eine Minute, und wer die Vorgeschichte aus Wächter der Nacht nicht mehr im Kopf hat, fühlt sich schnell verloren: Anton und die neue Praktikantin bei den „Hellen“, Sveta, lieben sich, müssen aber erst noch zueinanderfinden, was zusätzlich kompliziert wird durch die Tatsachen, dass Anton des Mordes verdächtigt wird und er verhindern muss, dass sein zu den „Dunklen“ übergelaufener Sohn Jegor auf Sveta trifft, was böse Folgen für die ganze Menschheit hätte. Während Zavulon eben darauf hinarbeitet, weil er den Krieg will, macht Anton sich auf, nach der „Kreide des Schicksals“ zu suchen, mit der sich die eigene Lebensgeschichte umschreiben lässt. Doch wehe, diese Kreide fällt in falsche Hände.

Die Schlüssigkeit der Handlung ist aber gar nicht das Wesentliche. So rastlos wie ein moderner Werbeclip geschnitten, bietet Wächter des Tages eine Fülle an visuellen Einfällen und Effekten. Das Erfolgsrezept dieses ersten veritablen Blockbuster-Franchises aus Russland ist genuin cineastisch: Es besteht im respektlosen Umgang mit den architektonischen Wahrzeichen Moskaus – der legendäre Fernsehturm von Ostankino stürzt in die Straßen wie das sonst nur der Spitze des Chrysler-Buildings in New York widerfährt – und dem ironischen Kontrast von bedeutungsschwangerem Fantasy-Stoff und coolem urbanem Gehabe.

Noch aufwändiger produziert als sein Vorläufer, die Wächter der Nacht, bietet das russische Fantasy-Spektakel alles, was das Genre braucht. Gespickt mit russischen Besonderheiten, besticht der Film trotz Unübersichtlichkeit durch ironisches Unterlaufen der bedeutungsschwangeren Handlung.

Dnevnoi Dozor
Russland 2006. R: Timur Bekmambetov. B: Sergei Lukyanenko, Timur Bekmambetov, Alexander Talal (nach dem Roman von Sergei Lukyanenko). P: Konstantin Ernst, Anatoly Maximov. K: Sergei Trofimov. Sch: Dmitri Kiselev. M: Yuri Poteyenko. T: Sergei Karpenko. A: Valery Viktorov, Mukhtar Mirzakeev, Nikolai Ryabtsev. Ko: Varya Avdyushko. Pg: Gemini/Fox/Tabbak/Bazelevs. V: Fox. L: 131 Min. DEA: Berlinale 2007. Da: Konstantin Khabensky (Anton), Maria Porshina (Sveta), Vladimir Menshov (Geser), Galina Tyunina (Olga), Victor Verzehbitskiy (Zavulon), Zhanna Friske (Alisa), Dima Martynov (Jegor), Aleksey Chadov (Kostya).

epd Film 9/2007



Start: 20.9. (D), 21.9. (A)


 


 


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