Am Ende kommen Touristen

Robert Thalheim inszeniert eine deutsch-polnische Begegnung

von Martina Knoben


© Fotos: X Verleih

Der Berliner Regisseur Robert Thalheim ist schon mit seinem Übungsfilm Netto durch einen unangestrengten, aber nicht kunstlosen Realismus aufgefallen. Mit Am Ende kommen Touristen hat er es bereits nach Cannes geschafft – die auf eigenen Erfahrungen beruhende Geschichte um einen Zivildienstleistenden in Auschwitz lief in der Sektion „Un certain regard“.

Es ist ein ganz gewöhnlicher Bahnhof, auf dem Sven (Alexander Fehling) mit dem Zug aus Berlin ankommt. Aber was heißt schon gewöhnlich in einer Stadt wie Oswiecim, deren deutscher Name Auschwitz für den millionenfachen Mord des Holocaust steht. Wohl die meisten Zuschauer werden bei den einfahrenden Zügen am Anfang des Films an Deportationszüge denken – die Beklemmung, die solche Bilder auslösen, ist jedenfalls wohlkalkuliert. Am Ende kommen Touristen erzählt von der schwierigen Normalität einer Stadt, für die es, so scheints, keine Normalität geben kann, die wie abgeschnürt wirkt von der Gegenwart durch ihre Vergangenheit. Dass Oswiecim nicht nur ein ehemaliges KZ ist, dass es eine polnische Kleinstadt ist, in der Menschen arbeiten, einkaufen, zum Sport (die Stadt hat eine erfolgreiche Eishockeymannschaft) oder ins Kino gehen, wissen viele Besucher der Gedenkstätte nicht einmal.

Wie aber halten es die Bewohner von Oswiecim an einem solchen Ort aus? Lässt sich die Vergangenheit vergessen? Sven, der kein sonderlich politischer Mensch ist, der seinen Zivildienst in der Begegnungsstätte in Oscwiecim absolviert, weil keine andere Auslandsstelle mehr frei war, stellt diese Frage seiner polnischen Vermieterin und Freundin Ania (Barbara Wysocka): „Wie ist das hier?“ Die wiederum damit nicht viel anfangen kann: „Ich lebe hier, schon immer“, sagt sie, und dass sie die Frage nicht versteht. Ania hat andere Sorgen, sieht in Oswiecim keine rechte Zukunftsperspektive mehr und hat sich deshalb um ein Dolmetscherstipendium in Brüssel beworben.

Svens Freundschaft zu Ania, in die sich so etwas wie Verliebtsein mischt, ist die eine Geschichte des Films – die über das moderne Polen, seinen Charme, seine wirtschaftlichen Probleme und seine Zukunftsträume in Zeiten der Globalisierung, die sich wenig unterscheiden von denen in anderen Ländern. Die zweite Geschichte ist Svens Begegnung mit dem ehemaligen KZ-Häftling Krzeminski (Ryszard Ronczewski), der in der Nähe des Lagers wohnt und Besuchern vom Holocaust erzählt. Der eher unbedarfte Junge erfährt durch ihn die Vergangenheit und macht Bekanntschaft mit deren traumatischen Nachwirkungen.

Alexander Fehling, für den Sven die erste große Kinorolle darstellt, ist gerade deshalb so überzeugend, weil er dem Berliner Jungen kein allzu scharfes Profil verleiht. Er zeichnet Sven als nicht unsympathischen, aber erfrischend durchschnittlichen Typ, der es sich leisten konnte, noch nicht erwachsen zu werden, der zu vielen Dingen noch keine Haltung hat. Ein sattes Land ist in diesem Porträt zu erkennen. In Polen ist Sven im Grunde ständig überfordert. Da sind die Ressentiments gegenüber dem Deutschen – „Frag ihn doch, ob sein Opa auch schon hier gearbeitet hat“ –, die fremde Sprache und der düstere, schwierige alte Mann, um den sich Sven im Rahmen seines Zivildienstes kümmern soll. Krzeminski aber ist kein netter Opi, er kann boshaft sein, macht sich lustig über seinen Zivi oder gibt ihm in harschem Ton Befehle. Svens wohlwollende Überheblichkeit verwandelt sich deshalb schnell in Ablehnung, aus der wiederum ein fast hysterisch anmutendes Überengagement wird. Eine erlösende Freundschaft oder auch nur eine normale Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden nicht.

Das ist wenig spektakulär und wirkt so wahrhaftig wie die Sommerliebe zwischen Sven und Ania oder die Duckmäuserei des Gedenkstättenleiters, der gleich entsetzt ist, als Sven einmal seinen Schützling zu Fuß von der Kneipe nach Hause gehen lässt: Stell dir nur die Berichte in den Zeitungen vor – ein ehemaliger Häftling wird überfahren, weil sich ein deutscher Zivildienstleistender nicht um ihn kümmern wollte. Dass Auschwitz ein „Pulverfass“ sei, bekamen auch die Produzenten des Films, Britta Knöller und Hans-Christian Schmid, vom Leiter der realen Gedenkstätte zu hören, als sie dort filmen wollten. Die Absage war zu erwarten – schon Spielberg durfte Schindlers Liste nicht auf dem Lagergelände drehen.

Robert Thalheim weiß, wovon er in seinem Film erzählt. Wie Sven war er Zivildienstleistender in der Gedenkstätte in Auschwitz. Vielleicht ist sein Film deshalb so genau und so unaufgeregt, vielleicht verzichtet er deshalb auf eine stärkere Dramatisierung der Geschichte. Die Vergangenheit und die Gegenwart, Schubert, den Krzeminski zu Svens Verdruss während ihrer Autofahrten immerzu hört, und die polnische Popmusik, die Anias Bruder spielt – teils widersprüchliche Eindrücke, Gefühle und Wahrnehmungen treffen im Film aufeinander, ohne dass ein eindeutiges Bild entsteht. Zwar ist manches überzeichnet, etwa die unangenehmen Auftritte einiger Vertreter eines deutschen Chemiewerkes, die in Oscwiecim investieren, der Gesamteindruck aber bleibt komplex: Soll man etwa – wie Sven – die Ansiedlung der deutschen Chemiefirma verurteilen, weil ihr „Heuschrecken-Kapitalismus“ angeblich an die Beschäftigung von Zwangsarbeitern durch die Buna-Werke in Auschwitz während der Nazi-Zeit erinnert? Oder soll man sich über die Arbeitsplätze im Ort freuen, wie es Ania tut? „Ist mir alles hier zu kompliziert“, wird Sven irgendwann sagen – und spricht damit aus, was Am Ende kommen Touristen vor vielen anderen Filmen zu dieser Thematik auszeichnet. Eine schwierige Situation wird hier nicht vereinfacht, ihre Komplexität nicht aufgelöst in simplen Erzählmustern. Schon Netto, Robert Thalheims erster, vielfach ausgezeichneter Spielfilm, hatte diese Qualität. Und wenn Thalheim in seinem neuen Film nun überhaupt für etwas plädiert, dann dafür, die Kompliziertheit der Situation auszuhalten.        

Zivildienst in Auschwitz: Von der Sommerliebe eines Berliner Jungen zu einer Polin und seiner Begegnung mit einem ehemaligen KZ-Häftling erzählt dieser Film so unspektakulär wie wahrhaftig und mit bemerkenswerten Schauspielern. 

Deutschland 2007. R und B: Robert Thalheim. P: Britta Knöller, Hans-Christian Schmid. K: Yoliswa Gärtig. Sch: Stefan Kobe. M, T: Uwe Bossenz, Anton K. Feist. A: Rita-Maria Hallekamp. Ko: Ewa Krauze. Pg: 25/5/Pictorion/ZDF-Das kleine Fernsehspiel. V: X Verleih. L: 85 Min. FSK: ohne Altersbeschränkung. FBW: besonders wertvoll. Da: Alexander Fehling (Sven), Ryszard Ronczewski (Stanislaw), Barbara Wysocka (Ania), Piotr Rogucki (Krzystof), Rainer Sellien (Klaus), Lena Stolze (Andrea), Lutz Blochberger (Jürgen).

epd Film 8/2007



Start: 16.8. (D)


 


 


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