Auf Anfang

Ein Film zwischen Godard, Punkrock und Schwarzem Quadrat

Karsten Visarius


© Fotos: MFA

Für einen langen Moment zögern Eric und Phillip vor dem Briefkasten, die frankierten Umschläge mit ihren Erstlingswerken in Händen – dann geht sie ab, die Post. In Mausklick-Geschwindigkeit entfalten sich Phillips Schriftstellerkarriere, Aufstieg zur literarischen Kultfigur, Wahn der Frühvollendung und Flucht nach Paris, Erics Verbindung mit einer Verlegerstochter, die sich wegen unerträglichen Glücks vom Balkon stürzt, das Wiedersehen der Freunde und ihr gemeinsames Buchprojekt unter dem Titel „Nullpunkt“, das eine Revolution in Ostafrika auslöst und, ein Stich Bosheit muss sein, „den Dalai Lama desillusioniert“. Dann, mit dem Titel als Stoppschild, fängt der Film noch einmal an. Schon im Vorspann erlauben sich Regisseur Joachim Trier und sein Co-Autor Eskil Vogt, mehrere Geschichten zu verschenken.

Zuletzt haben Jeunets Die wunderbare Welt der Amélie und Tykwers Lola rennt ein vergleichbares Tempo angeschlagen, Gedanken und Fantasie auf Touren gebracht. Splitscreens, Montageschleifen und -ellipsen beschleunigen die Zeit, während ein Erzähler für uns bequeme Zuschauer den Überblick behält – und sich im Konjunktiv als Meister des Möglichen zu erkennen gibt.

Tempo ist nur ein Register unter anderen, über die dieses erstaunliche norwegische Filmdebüt verfügt. Punkrock ist ein anderes, gespielt von der norwegischen Band „Kommune“, bei deren Auftritt sich Phillip und Kari kennenlernen. Oder sind sie sich schon als Kinder bei den Umzügen zum norwegischen Unabhängigkeitstag 1989 begegnet, wie eine Rückblende zu belegen scheint? Nach einem Unfall, den Phillip äußerlich unverletzt übersteht, ist ihre Liebe der einzige Halt, den seine von der Welt losgerissene Seele zu finden vermag, so zerbrechlich und ungreifbar gerade die Liebe bleibt. Romantik und unheilbare Melancholie bilden das Gegengewicht zu Desillusionierung und spielerischem Kalkül, mit denen der Film seine Geschichten entwirft und wieder in Zweifel zieht. An Stelle des literarisch verstummten Phillip erlebt Eric seinen Durchbruch mit seinem Debüt „Prosopopeia“, dessen Titel auch gebildeteren Zuschauern ein hübsches Rätsel liefert. Das gedruckte Exemplar findet in Erics Bücherregal Platz neben Derrida und Robbe-Grillet, zwischen Phillips „Phantombildern“ und den Bänden des von beiden verehrten Sten Egil Dahl.

Zitate und Anspielungen können gefährlich werden, weil sie Maßstäbe setzen. Joachim Trier kann sich Verweise auf die literarische und filmische Moderne, auf den Nouveau Roman und die Nouvelle Vague leisten, weil er selbst souverän und elegant über ihre Mittel verfügt. Kari in Paris weckt Assoziationen an die junge Anna Karina Jean-Luc Godards, das Erzählen im Konjunktiv erinnert an Alain Resnais’ Klassiker Letztes Jahr in Marienbad, und Marguerite Duras kommt in einem Filmausschnitt sogar persönlich zu Wort. Auf Anfang spricht vom Lebensgefühl einer Generation, die aus der banalen Wiederkehr des Immergleichen auszubrechen versucht. Und dabei aus Unruhe und Glanz früherer Aufbrüche Kraft gewinnt. Neben Eric, Phillip und Kari sucht eine ganze Clique von Freunden nach dem Entwurf eines anderen Lebens. Eine Ikone der Moderne, das Schwarze Quadrat Kasimir Malewitschs, liefert dazu eine hintergründige Parabel. Es schmückt den Umschlag von Erics Buch. Oder ist es gar kein Quadrat, sondern das Foto, das Eric einmal von Phillip und Sten Egil Dahl geschossen hat, leider mit verschlossener Linse? Das schwarze Quadrat verbirgt einen erfundenen Dichter, an dessen Existenz wir schon zu glauben begonnen haben.

Dem Regisseur Joachim Trier gelingt das Kunststück, die Nouvelle Vague zu zitieren, ohne dabei selbst blass auszusehen. Erzählerisch elegant und ikonographisch einfallsreich evoziert dieses Debüt das Lebensgefühl einer Generation, die nach neuen Entwürfen sucht.

Reprise
Norwegen/Schweden 2006. R: Joachim Trier. B: Eskil Vogt, Joachim Trier. P: Karin Julsrud. K: Jakob Ihre. Sch: Olivier Bugge Coutté. M: Ola Fløttum, Knut Schreiner. T: Morten Solum. A: Roger Rosenberg. Ko: Maria Bohlin. Pg: 41/2/Shortcut/Filmlance/Nordisk. V: MFA. L: 103 Min. Da: Espen Klouman Høiner (Erik), Anders Danielsen Lie (Phillip), Viktoria Winge (Kari), Christian Rubeck (Lars), Pål Stokka (Geir), Odd-Magnus Willamson (Morten).

epd Film 8/2007

 



Start: 2.8. (D)


 


 


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